Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Keine Beschönigung dieses furchtbaren Endes läßt die große künstlerische Gerechtigkeit des Dichters zu; aber vor dem breiten Gemälde des Verfalles bebt die Hand des Zeichnenden nach solchem inneren Aufschwung, wie er ihn in Bendixens Seele Wahrheit sein ließ, zurück. Kurz, blitzhast, und darin doch wieder doppelt furchtbar und aufwühlend, leuchtet' das Ende auf. Goldschmidts Herz aber ist Lei dem Bendixen, der einstmals „an die Poesie und das ewige Leben" glaubte. . Lwri Wiener Tote: Theodor Gompertz und Wilhelm Goldbaum. Von Ludwig Geiger. on Theodor Gompertz, dem großen Philologen, ist bei Gelegenheit seines 80. Geburtstages in diesen Blättern die Rede gewesen, damals wurde auch sein Bild veröffentlicht. Heute ist nur die traurige Nachricht nachzutragen, daß er am 29. August 1912 in Baden bei Wien gestorben ister wurde in Wien am 1. September beerdigt, Nur einige Sätze aus einer schönen Würdigung, die Prof. Ludwig Rademacher in der „Neuen Freien Presse" veröffentlicht hat, seien hier wiederholt, sie lauten: „Wie man weiß, gibt es im allgemeinen zwei Formen wissenschaftlicher Literatur. Die eine wendet sich an die Fachgelehrten und beansprucht in der Regel nur von diesen verstanden zu werden. Die andere sucht ihre Aufgabe darin, die Wissenschaft zu popularisieren und verzichtet auf die.Mitteilung felbstgefundener neuer Methoden und Resultate. Selten ist der Fall, daß aus gelehrter Hand Werke hervorgehen, die gleichzeitig eine hervorragende Erweiterung und Vertiefung wissenschaftlicher Erkenntnis bringen und dabei doch so geschrieben sind, daß jeder Gebildete dem Vortrage mit Genuß und Freude folgen kann. Solch ein Buch ist Erwin Rohdes „Psyche", solch ein Buch sind auch „Die griechischen Denker" von Theodor Gompertz. In ihm spricht zu uns nicht nur der gelehrte Philologe, nicht nur ein Denker, der in der modernen Philosophie so gut wie in der alten zu Hause war, in ihm redet auch ein Meister der deutschen Sprache, der unvergleichlich zu schildern, zu entwickeln, zu charakterisieren versteht. Wer Gompertz ganz würdigen will, muß eben nicht allein den Gelehrten, sondern vor allem auch den Schriftsteller ins rechte Licht zu setzen wissen, und dahin würde auch ein Eingehen aus seine Tätigkeit als Uebersetzer und auf seine Essays gehören, die auch stofflich weit über den Rahmen der Altertumswissenschaft hinäusgreifen. Es ist ein ebensoviel gebrauchtes, wie falsches Wort, daß niemand unersetzlich sei. Richtig ist es vielleicht in dem Sinn, 'daß wir alle einmal ersetzt werden müssen. In Wirklichkeit läßt der Tod jedes eigenartigen und bedeutenden Mannes eine Lücke, und auch von Theodor Gompertz kann man mit vollstem Recht sagen, daß es niemand gibt, der ihn ersetzen könnte. Sein Hingang ist ein schwerer Verlust für die Wissenschaft, die er so glänzend vertrat, und für die Universität, zu deren Zierden er gehörte. Er ist ein nicht minder schwerer Verlust für alle, die ihm freundschaftlich nähertreten konnten und Gelegenheit hatten, seine Persönlichkeit, die - voll von Geist, von Güte, von wahrer Humanität war, genauer kennen zu lernen." .Der zweite, Wilhelm Goldbaum ist kein.Wiener, aber ein Mannder lange Zeit in Wien gelebt hat und der nach langem Leiden dort gestorben ist. Wilhelm Goldbaum wurde am 31. August zur letzten Ruhe bestattet. Ein Rabbiner sprach nicht an seinem Grabe, zwei seiner Schriststellerköllegen, ein Redakteur der „Neuen Freien Presse" und der Vorsitzende der Schriftftellergenossenschaft Concordia hielten warme Nachrufe, der Oberkantor Jurberg sprach die vorgeschriebenen Gebete und stimmte.Gesänge an. - Aus der schönen Würdigung, die Karl von Thaler in der „Neuen Freien Presse" vom 1. September dem Verstorbenen gewidmet, sei nur einzelnes hervorgehoben. Goldbaum war ein jahrzehntelang tätiger, eifriger Journalist, der -aus politischem und literarischem Gebiete als Korrespondent, Leitartikelschreiber und Feuilletonist unermüdlich wirkte. Aber er hat auch zwei Bücher geschrieben, die nicht so vergänglich sind, wie Journalartikel, das eine „Literarische Physiognomien" und das. andere „Entlegene Kulturen". In dem ersteren hat er auch einzelne jüdische Schriftsteller und solche, die jüdischen Stoffen ihre Aufmerksamkeit schenkten, behandelt. In dem letzteren hat er sich eingehender mit jüdischen Problemen beschäftigt.. Und nun geben wir Karl v. Thaler das Wort. Er schreibt: „Unter den anderen literarischen Porträts, die Goldbaum „ entworfensind jene Berthold Auerbachs und Spielhägens mit großer Liebe gezeichnet. Auch Leopold Kompert, der „liebenswürdigste unter allen Poeten des Ghettos", wird mit verdienter Anerkennung behandelt. Goldbaum hatte überhaupt Achtung vor der Produktion und ließ wirklichem Talent gegenüber sich von ihr als Grundsatz leiten. . Das bewies, er zumal in dem Aussatz über Sacher-Masoch, von dessen Verirrungen („Venus im.Pelz", „Messalinen Wiens" usw.) er sich achselzuckend.abwendet,, um bei den wahrhaft schönen früheren Novellen des nachher im Sumpf versunkenen Poeten freundlich zu verweilen. Das Andenken Sacher-Masochs, leitet zu dem zweiten Buche Goldbaums, den „Entlegenen Kulturen"- hinüber. In dem Städtchen Kempen im Regierungsbezirk Posen geboren, hatte er als Knabe und Jüngling reichlich Gelegenheit, an der Grenze von „Halbasien" die drei Völkerschaften zu studieren, welche sich dort mengen: Russen, Polen, Juden. Nach ihnen ist auch das Buch in drei Abschnitte geteilt. In jenem, der den Polen gewidmet ist, stechen die „Silhouetten aus Stadt und Land" hervor. Sie sind mehrfach Uebersetzungen oder freie Bearbeitungen der „Sylwetki" von Kasimir Chlendowsky. Diese wahrhaft köstlichen, oft von Humor übersprudelnden. Bilder haben Goldbaum als Vorbild gedient, und er hat sich nicht ohne Geschick bemüht, seine eigenen Skizzen nach ihnen zu modeln. Zuweilen nahm er auch Anlauf zu einer Novelle, wie in der tragischen Geschichte von dem unglücklichen Benjamin, der merkwürdigen Erzählung Mosche Ehrists oder der abenteuerlichen Mär von Rabbi Saul, der. eine Nacht König von Polen gewesen sein soll. Aber Goldbaum fühlte sich aus diesem Gebiet doch nicht so heimisch wie aus dem-Felde der literarischen Kritik. Diese lag ihm., mehr am Kerzen als die „Sibirischen Fahrten", die er anschaulich nach den Mitteilungen eines Verbannten beschrieb, So 'finden wir in den „Entlegenen Kulturen" kritischbiographische Arbeiten, die eigentlich' nicht zu dem Titel passen. ' In den „Toten Seelen" wird ein Kleeblatt russischer Schriftsteller kurz vorgeführt, von Polen erhalten Mickiewicz, Fredro, Krasinski und Goszczinski eingehende Erörterung. Es fehlt diesen „literarischen Büsten" nicht an politischer Tönung. Ganz treffende Bemerkungen über den polnischen Völkscharakter stellen sich, wie von selbst ein. „Der patriotische Pole ist gewohnt, Leid und Mißgeschick zu ertragen, aber er weiß es nicht , mit Würde zu tragen. Es ist eine allgemeine Unzulänglichkeit, die dem einzelnen nicht zur Last fällt, ihn aber erbarmungslos um die Teilnahme betrügt, deren fein Geschick, im übrigen wert ist." Und der traurige Verfall des altgewor- denen Mickiewicz entlockt Goldbaum den Satz: „Das Bild seines größten Dichters ist Polens Bild."