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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-15 · Heft 46 (15.11.1912) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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die Abgeschlossenheit des Ghetto hineingezwängt hätte. Das Ghetto, die Knechtschaft hat die Instinkte der Rasse vielfach verdorben; aber es hat ihr auch jene Zähigkeit und Langlebigkeit gegeben, die den Juden mit seiner besonderen Artung wieder zu einer Macht werden ließ, nachdem es seine Tore geöffnet. Als die großen Emanzipationsbestrebungen von Frankreich her die Menschen des Westens ergriffen, erhob auch der Jude fein Haupt. Freilich': auf Schleichwegen und bettelnd, immer gehemmt vom Kontrainstinkt der Masse, mußte er sich seine Freiheit Stück für Stück ergattern. Aber was tat das? Diese Wege hatte er so oft gehen müssen; sie hatten ihn zäh und ausdauernd gemacht. Er bekam Politische Freiheiten, Menschenrechte. Aber es ist eine alte Erfahrung, daß Jahrtausend alte Vorurteile im menschlichen Geiste gewissermaßen zu einer erblichen Bildung werden. Die Erkenntnis ihrer Ursachen hat sich längst verloren; aber die Wirkung ist geblieben. Und da man für das Vorhandensein einer derartigen, oft fast bis zum Physischen Ekel gesteigerten Abneigung keine vernünftige Erklärung weiß, spricht man von Jnstinktwiderwillen. Rassepshchologischer Jnstinktwiderwille: auf diese pseudowissenschaftliche Phrase, die sich breit hinstellt als Tatsache, ohne eine Begründung, zog sich die Judenseindschaft vom Boden des Religiösen zurück: dieses Wort wurde die neue Instanz, aus die all die üblen Elemente des Untermenschlichen der Gesittung sich berufen konnten, wenn sie ihre Pöbelinstinkte gegen den Juden rasen ließen. Aber auch dieses Ghetto, das sich noch lange um die Juden schloß, ist fast ganz gefallen. Der Antisemit um jeden Preis ist heute eine lächerliche Figur im politischen Leben. Die Verhältnisse sind durchaus andere geworden. Nicht die Emanzipation der Juden ist mehr das Problem; der Jude selber in seiner besonderen Artung sowie als Teilhaber und Erreger der heutigen Kultur Westeuropas ist zur Diskussion gestellt. Zeugnis dafür ist zum Beispiel ein Buch wie Wassermanns „Juden von Zirndorf", ein als Komposition grundschlechtes, konfuses Werk, das' aber das Wurzelgeflecht der vielfach schillernden, gegensatzreichen jüdischen Volksseele in schattenhaft vorüberwehenden, gespenstig beleuchteten Bildern seltsam ausschimmern läßt. Oder Werke wie „Die Jüdinnen" und „Max Beer, der Jude" von Max Brod, die durch Darstellung von Rassetypen ein Gesamtbild ermöglichen und vorbereiten oder gar einmal zur Erfassung des Urtyps Vordringen wollen. ■ Vor einem Menschenalter war das anders. Abgesehen davon, daß die psychophysiologische Intuition damals noch nicht mit der Genauigkeit wissenschaftlicher Analyse arbeitete, konnte der Jude als solcher noch gar nicht so gesehen werden wie heute. Ob man sich sympathisch oder antipathisch zu ihm verhielt': eine Wesensfremdheit wirkte als beiderseitige Hemmung. Die Gefühlssphäre war noch zu stark einbezogen. Die wesentliche Frage war: Knechtschaft oder Freiheit? Auf beiden Ufern aber bildete das Bewußtsein der Ausnahmestellung Grundlage und Dominante des Verhaltens. Der gesammelte Ausdruck dieser Lage ist>in Werk, das 1845 dänisch erschien und jetzt vom Verlag Axel Junker, Charlottenburg, in deutscher Uebersetzung herausgegeben wird: „Der Jude" von M e i e t Aaron G o l d s ch m i d t. Man wundert sich, daß unsere geschäftigen Uebersetzer nicht früher an dieses Werk geraten sind, das noch heute überaus frisch wirkt und in der Emanzipationsgeschichte des Judentums als ein bedeutendes Dokument dasteht. Diese Dichtung, nicht eine leidenschaftlich einseitige Tettdenzschrift, sondern eine ergreifende, erschütternde Seelengeschichte, hat durch ihre großmenschliche Wucht in Dänemark erst die Tore des Ghetto, des geistigen Ghetto, gesprengt, und in seiner tragischen Menschlichkeit, die durch die allseitige Gerechtigkeit des künstlerischen Blicks nur gehoben wird, ist das Werk noch heute lebendig: Goldschmidt, der 1819 in einem kleinen dänischen^ Orte von jüdischen Eltern geboren wurde, neigt in seinen Anschauungen den liberalen und humanitären Tendenzen des jungen Deutschland zu. Aber wie diese Bewegung noch viel von der schwärmerischen Gefühlsseligkeit der jüngeren Romantik hat, so wohnt auch in Goldschmidt eine empfindsame, romantisch gestimmte Seele. Das bedingt seine Art, zu sehen, wie es seinem Empfinden den starken Elan gibt und seinen sauberen, gemäßigten Realismus gefühlvoll tönt in genrehaften Stimmungen wie in Gemälden freiheitlicher Begeisterungskämpfe. Vom Leben der Juden als volkhaft verbundener Gruppe, also vom jüdischen Milieu, bringt er eigentlich nicht das Wesentliche. Er malt hübsche Genrebilder des häuslichen Daseins, der Feste, des Gottesdienstes; den sehr starken Eindruck einer Verfolgung; aber das alles bis in seine wechselwirkenden Zusammenhänge mit der Volksseele zu verfolgen, überhaupt die Aufhellung der jüdischen Seele in ihrer eigentümlichen Struktur gelingt ihm nicht, kann ihm auch nicht gelingen. Ihm fehlt der Blick der soziologisch geschulten Naturalisten sowie, die messerscharfe Eindringlichkeit des Psychologischen Impressionisten. Sein Roman steht ganz auf dem Einzelnen, der in seiner inneren Bewegung wesentlich auf allgemein menschliche Züge gebracht ist. Aber das Erleiden des Einzelnen in dieser Tragödie der Entrechteten ist so stark gefaßt, so sehr gestaltetes Erlebnis einer bedeutenden Seele, daß das Werk dadurch eine überdauernde Zündkraft bewahrt und noch heute ein menschliches Ereignis ist. Der Jude Jakob Bendixen, derjenige, der den Roman Goldschmidts erlebt, ist eine edle, freiheitliche, etwas romantisch empfindsame Natur, die das Gefühl des Ausgestoßenseins reizbar, düster und mißtrauisch macht. Schon im Kinde würgt das Bewußtsein des Judentums die Unschuld der Hingabe und die Naivität des Herzens und sammelt im verletzlichen Gemüt gärende Eiterstofse des Hasses. Später wird es ein Wechsel zwischen Angezogenwerden und Fliehen; ein ewiges. Mißverstehen und ein Quälen und Verletzen anderer aus eigener Qualvoller Verletzlichkeit. Der Jüngling und Student Bendixen möchte mit den anderen Menschen auf dem Boden reiner Menschlichkeit zusammenkommen und übt von diesen Gesichtspunkten, aus schroffe Kritik am eigenen Blute. Aber er entfernt sich von den Juden, ohne bei den Christen heimatberechtigt zu werden. Sein Liebesglück, das ihn an ein freiheitlich. denkendes, christliches.Haus fesselt, zerstört er durch das immerwährende lähmende Gefühl des Verachtetseins, das ihm überall um ihn her die Luft zu durchtränken scheint. . Er will die Achtung, die dem Juden die uralten Vorurteile verwehren, als Mensch erzwingen. Nicht Jude — Mensch will er sein unter Menschen. Er stürzt sich in die Freiheitskämpse der Polen, um durch eine reinmeaschliche Leistung der Tapferkeit sich vom Juden reinzuwaschen und als Mensch eine neue Geburt zu erleben. Aber er wird den Juden nicht los. Nach seiner Rückkehr verketten sich die Ereignisse so unglückselig, daß er ganz und gar in seine reizbaren Hypochondrien hineingetrieben wird. Er wird ganz Haß und Kälte. Er fühlt, daß er Jude ist und Jude bleiben muß, und daß nie Friede werden kann zwischen Jud und Christ. Blut ist zwischen ihnen, und der Fluch der Genesis ist als ewige Feindschaft zwischen die Getrennten gesetzt: „Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen, und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen." Da wird er Jude, von Herzen Jude, der nur noch sein Volk kennt'; jener Jude, mit dem das Vorurteil das Wesen des Judentums gleichsetzt: Shhlock, der unversöhnliche Hasser, der durch raffinierte Geldgeschäfte, durch blutsaugerische Praktiken am Christen, der in seine Schlingen geraten, tausendfach erfüllende Rache nimmt für alle Erniedrigungen und Verhöhnungen. '

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