Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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gleich anderen Völkern. Vielmehr haben sie seit mehr als zwei Jahrtausenden einen Bestandteil der Nationen gebildet, in deren Mitte sie lebtensie haben deren Sprache angenommen und auch bis zu einem gewissen Grade ihre Sitten und Anschauungen sich zu eigen gemacht; aber völlig aufgegangen unter die Nachbarn sind sie niemals, weil die Religion eine Verschmelzung hinderte. Das trennende Moment trat zuerst in der hellenistischen Zeit hervor, als die jüdische Diaspora dem griechischen Olymp sich.fernhielt. Von außen her wurde der religiöse.Gegensatz den Juden mit voller Schärfe zum'Bewußtsein gebracht, als im Römerreich das Christentum zur Herrschaft gelangt war, und nun ginge es nicht Wohl an, die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden losgelöst von ihren gesamten sozialen und auch staatsrechtlichen Beziehungen zu den anderen Landesbewohnern ins Auge zu fassen. Eine wirtschaftliche Sonderstellung der Juden ist durchaus nicht von jeher und überall vorhanden gewesen, nicht einmal die Folgewirkungen der christlichen Religionspolitik machten sich durchgängig in der gleichen Weise fühlbar. In der späteren römischen Kaiserzeit Pflegten die Juden ungefähr den gleichen Berufen sich zu widmen wie die anderen Bewohner des Weltreichs, und waren daher in fast allen Gesellschaftsklassen zu finden. Eine Abspaltung oder Differenzierung ist aber nur ganz allmählich eingetreten, und gerade in den Mittelmeerländern, Spanien, Italien, Südfrankreich eigentlich niemals sehr weit gediehen, aber auch anderwärts war doch nur ganz ausnahmsweise das Bekenntnis zur mosaischen Religion identisch mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsklasse. Eine Idee ist neuerdings aufgetaucht, die geeignet scheinen könnte, den Mittelpunkt der jüdischen Wirtschaftsgeschichte zu bilden. Es wurde, und gewiß nicht ohne Grund, auf die Eigenart der jüdischen Wirtschaftsgesinnung in ihrem Unterschied von der christlichen hingewiesen. Besondere Befähigung sollen die Juden besitzen zum Kapitalismus, wie er als Inbegriff des modernen Wirtschaftslebens gilt, und demgemäß wird ihnen ein sehr erheblicher Anteil zugeschrieben am Aufbau der modernen Volkswirtschaft. Inwieweit derartige Ansichten zutresfen, möchte ich jetzt nicht erörtern. Systematischen Charakters, und von zeitlichen Verschiedenheiten abstrahierend) bedürfen sie gar vielfach der Kontrolle durch rein historische Betrachtungen; denn so viel liegt ja auf der Hand, der jüdische Kaufmann, der im Aufträge Karls des Großen einem Bischof als nie gesehene Seltenheit, eine wohl Parfümierte Maus verkaufte, darf doch nicht um seiner Eigenschaft als Jude willen für einen Vertreter des Kapitalismus im Zeitalter der Grotzgrundherrschaften angesehen werden, und die Florentiner Bankhäuser des 14. Jahrhunderts standen sicherlich nach Form und Umfang des Geschäftsbetriebes den modernen weit näher als die damaligen jüdischen Geldleiher in Deutschland. Den Einflüssen fortschreitender Entwicklung können sich Juden so wenig'irgend je entzogen haben wie andere Menschen. Es mag sein, daß das Dogma von der Unveränderlichkeit des Judentums einen Eckstein bildet in dem Lehrgebäude des christlichen Glaubens. Selbst noch Mommsen hat von einer Verknöcherung und Erstarrung gesprochen, die ja doch, vielleicht ihm selbst unbewußt, nur zu bestimmten Polemischen Zwecken erfunden ist. Tatsächlich sind die jüdischen Ansichten von wirtschaftlicher Tätigkeit nicht allezeit die gleichen geblieben, Das Zinsennehmen, durch Bibel und Talmud verpönt, haben die Rabbiner des hohen Mittelalters erlaubt. Gerade das Wucherverbot bildete aber den Mittelpunkt der kirchlichen Wirtschaftsdoktrin gegen Ende des 12. Jahrhunderts. . Vorher kann es einen scharfen Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Wirtschastsgesinnung nicht wohl gegeben häbem Die abweichende Entwicklung datiert erst von dem Zeitpunkt, als die Rabbiner mit Rücksicht auf die neuen und eigenartigen Zeitverhältnisse von der Strenge alter Satzungen abließen, während der Papst eben daran sesthielt. Gewiß hat schon vorher der Talmud, aus dem Orient stammend, die. Juden des Westens-vertraut gemacht mit dem Kausmannsbrauch bei handeltreibenden Völkern-.- Später mochten neugewonnene Erfahrungen hineininterpretiert worden sein in die Aussprüche der Wörter. Die Wirtschaftsgeschichte kann nicht mit einer besonderen Wirtschastsgesinnung. der Juden als einem feststehenden, stets sich selbst gleichbleibenden Faktor rechnen, sondern muß zeitliche und örtliche Verschiedenheiten um so sorgfältiger in Betrachi ziehen, je wichtiger nun einmal für jedweden Zweig der historischen Forschung die Erkenntnis des Entwicklungsganges ist. Ein Moment, und vielleicht das allerwichtigste, kommt noch hinzu, um die Beschränkung einer die Juden betreffenden historischen Darstellung auf das rein wirtschaftliche Gebiet ausgeschlossen erscheinen zu lassen. Das Quellenmaterial ist oft genug nicht ausreichend zur Lösung gerade der wrchtigsten Fragen. Für das Mittelalter zumal kann häufig genug die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden nur in ihren äußeren Umrissen erkannt werden, während gerade, was am interessantesten wäre, das geschäftliche Verfahren des einzelnen verborgen bleibt. So trägt es wenig aus, daß zum Beispiel Schuldbriefe recht zahlreich erhalten sind; aus dem einzelnen Stück läßt sich noch nicht einmal ein irgendwie sicherer Schluß auf die Kapitalkraft des Gläubigers tun, schon weil der Nominalbetrag des Darlehens keineswegs mit dem wirklichen übereinzustimmen brauchte, aber auch eine größere Anzahl Schuldbriefe des gleichen Geldgebers vermag nicht Ersatz zu leisten für die Geschäftsbücher, wie sie auch von Juden bereits im Mittelalter geführt worden sind, nur daß leider sehr wenig davon ausbewahrt ist. Je mangelhafter überhaupt gar oft die Ueberlieferung von der wirtschaftlichen Tätigkeit der Juden sich darstellt, um so dringender geboten erscheint es, sie zu ergänzen und erläutern aus den allgemeinen Zeitumständen, unter denen sie sich abspielte, und aus den besonderen Daseinsbedingungen, unter denen sie lebten. Da läge es nun nahe, auf die jüdische Wirtschaftsgeschichte jene Periodisierung anzuwenden, nach der die systematisierende Nationalökonomie die Entwicklung des gesamten neueren Wirtschaftslebens einzuteilen pflegt. - (Fortsetzung, folgt.) Lin ©trhuttunt der Freiheit. Von Peter H a m e ch e r. enn man vor hundert und mehr Jahren von allgemeinen Menschenrechten sprach: wer gedachte da des Juden? In alle Länder und unter alle Völker versprengt, wie es das Judentum war, schien wirklich ein ewiger Schicksalsfluch gleich dem der Genesis über dem auserwählten Volke des alten Bundes zu walten. Das Blut des Gekreuzigten war für die Vorstellung der Völker zwischen Jud und Christ und schrie nach. Rache. Der religiöse Wahnglaube gab die Juden den Pöbelinstinkten der Massen preis, die, wie noch im heutigen Rußland, in der Judenverfolgung ein Ventil für ihren angesammelten Knechtshaß, für Wut und Schmerz der eigenen Unterdrückung fanden. Und der liebevolle Bekehrungseifer der Inquisition nahm sich ihrer nicht weniger eifrig an. Der Jude als Nation war vernichtet. Wahrscheinlich Ware er auch als Rasse längst in die Völker aufgegangen, bei denen er zu Gaste gehen müßte, wenn nicht das Mittelalter'ihn in