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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-15 · Heft 46 (15.11.1912) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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: deckung antisemitischer Triebe und Gelüste in zwei sonst für vornehm geltenden Zeitschriften.großen Stils, eine fachliche Probe darbieten. Fl. Das Verhältnis der Juden Mm Wirtlchsttslrbm. Von Georg Caro. I. i^^eitdem -das Durchdringen der Aufklärung im 18. Jahr- S—J hundert die Neuzeit des deutschen Geisteslebens herbeiführte, haben, «wie man wohl sagen darf, drei Anschauungsweisen die Geschichtsauffassung maßgebend beeinflußt, Anschauungsweisen, die nacheinander in Erscheinung traten, die aber keineswegs v öllig verschwunden sind, sobald die neue, höhere Stufe erreicht war. Der Rationalismus betrachtete das Geschehene vom Standpunkt der Vernunft aus, und hat daher zumal über mittelalterliche Zustände Urteile gefällt, die, so berechtigt sie an sich sein mochten, für die Förderung historischer. Erkenntnis unfruchtbar blieben. Dem Mangel abzuhelsen suchte die Romantik, die sich mit liebevoller Zuneigung in die Vorzeit vertiefte und sie wieder dem Verständnis der Gegenwart näherzubringen versuchte, aber dabei falsche Wege einschlug, und zwar ist selbst jene Ueberschätzung des christlich-germanischen Mittelalters, die der Romantik zum Vorwurf gemacht werden darf, noch nicht als ihr schlimmster Irrtum anzusehen. Viel verhängnisvoller sind ihre mystischen Vorstellungen von dem Wesen .Historischer Kausalität geworden, deren Nachwirkungen sich tief hinab erstrecken in die Zeit des kritischen Realismus, so daß selbst heutzutage in der Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte gar manchmal als herrschende Ansicht irgendein Ueberbleibsel der Romantik sich darstellt,: das, einem phantasiebegabten Kopfe entsprungen, damals Beifall fand und später unbesehen übernommen wurde. Die historische Kritik hat Großes geleistet in Zergliederung der älteren Geschichtsschreiber, und Scheidung der falschen Urkunden von den echten. Sobald es sich aber um ausbauende Tätigkeit handelte, also die Herstellung des ursächlichen Zusammenhanges zwischen den Geschehnissen, stand sie leider zu oft den Wahngebilden der Romantik hilflos gegenüber und vermochte demzufolge nicht ausreichend, die Geschichtswissenschaft zur Erfüllung der Funktion zu befähigen, die in letzter Instanz ihr obliegt, der Erklärung der Gegen-' wart aus der Vergangenheit. Gilt das bisher Gesagte im allgemeinen, so ist nun besonders die jüdische Geschichte nicht genügend mit kritischem Geiste gepflegt Wörden, sonst hätte schwerlich -das Schlagwort von der jüdischen Rasse so weite Verbreitung finden können, daß sogar ernsthafte naturwissenschaftliche Untersuchungen über einen Rassentypus angestellt worden sind, der nicht existieren kann, oder doch historisch völlig belanglos wäre. Vom historisch - kritischen Standpunkt aus stellt sich die Rassenfrage folgendermaßen dar: Kanon 68 des Laterankonzils von 1215 erhob zur kirchlichen Satzung, daß die Juden durch irgendein äußeres Merkmal sich von den 'Christen unterscheiden sollten. Natürliche Merkmale sind damals offenbar nicht bekannt gewesen, so wurde das Judenzeichen eingeführt, das mancherorten bis ins 19. Jahrhundert hinein getragen werden mußte, um den Gefahren vorzubeugen, die dem Seelenheil der Gläubigen aus der Berührung mit anderen Leuten erwachsen, konnten. Wo man aber, um'moderner zu erscheinen, lieber von jenem zersetzenden Einfluß der Juden sprach, .als dessen Repräsentant etwa Heine hingestellt wurde, da brauchte man eben auch ein neues Merkmal. Juden sind die Bekenner der mosaischen Religion. Da nun eine andere Religion, mit dem Anspruch -der ausschließlichen Herrschaft auftretend, vor etwa anderthalb Jahrtausenden die Staatsgewalt sich'dienstbar gemacht hat, mußten die Juden mit dem sehr bescheidenen Maß von Duldung sich begnügen, das der unerbittliche Gegner ihnen zuzugestehen für gut befand. Die römischeKaisergesetzgebung degradierte sie am Anfang des fünften Jahrhunderts zu Bürgern zweiter Klasse, und dabei blieb es im großen und ganzen bis zur Aushebung dieser Rechtsminderung im 19. Jahrhundert durch die sogenannte Emanzipation. Wenn deren praktische Durchführung zurzeit bekanntlich noch mancherlei zu wünschen übrig läßt, so stellen sich ihr eben die gleichen Kräfte entgegen, die dereinst bewirkten, daß der byzantinische Kaiser Theodosius II. die Juden von Staatsämtern ausschloß, aber Ehrentitel ihnen zu erteilen erlaubte. Historisch-genetisch ist allein zulässig die Ableitung des Halbbürgertums der Juden aus dem Interesse der Kirche.. Andere Erklärungen sind natürlich massenhaft aufgestellt worden. Zumal der Rationalismus suchte nach Vernunftgründen, um zu rechtfertigen, was doch gerade von seinem Standpunkt aus unvernünftig war. So ist es früher ein beliebtes Schlagwort gewesen, daß die Juden bei Gleichberechtigung die Christen aussaugen, mij Haut und Haaren aufzehren würden/ Die Romantik beschwor jenes Trugbild des christlichen Staates herauf, dessen innere Widersprüche ihr ebensowenig verschlugen, wie die alte Erfahrung, daß bei Versuchen zu ernstlicher Durchführung das Gegenteil von den beabsichtigten, ethischen Wirkungen einzutreten pflegte. Dem kritischen Realismus dagegen bleibt es Vorbehalten, alle Bemühungen, den Kern der Frage zu umgehen, zugleich zu .erklären, und ihnen den Boden zu entziehen, durch den Hinweis auf die nackten Tatsachen. Argumentationen, die ausder schlechten Witterung bei der Ernte auf den göttlichen Zorn über die allzu große Duldsamkeit. gegen Andersgläubige schließen, Argumentationen, wie sie dereinst der Byzantiner TheodosiUs II. anwandte, um den Ausschluß der Juden von den Staatsämtern zu rechtfertigen, werden heutzutage, nachdem die Aufklärung ihr Werk einigermaßen getan hat, selbst'aus den rückständigsten Agrarier kaum noch Eindruck machen. Die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden hat für ihre Schicksale stets nur sekundäre Bedeutung gehabt. An erster Stelle bestimmte maßgebend das Verhältnis zwischen Juden und Christen, so mannigfach es wechseln mochte, die Auffassung von der Behandlung Andersgläubiger, deren Durchführung zurzeit die Kirche dem Staat aufzuerlegen vermöchte. In der langen Leidensgeschichte des Volkes Israel sind nicht diejenigen Epochen die schlimmsten gewesen, in denen Jude und Christ als Gläubiger und Schuldner einander gegenüberzustehen pflegten. Vielmehr hatten die Zwangstaüfen des früheren Mittelalters keinerlei wirtschaftlichen Anlaß, und den heiligen Eifer der Kreuzfahrer entflammte nur nebenbei ein wenig die Hoffnung auf Beute/ Weitaus voran stand ihnen der Wünsch, das Land von den Ungläubigen zu säubern. Gleichwohl ist es kein nutzloses Beginnen, die Beziehungen der Juden zum Wirtschaftsleben eingehender zu betrachten. Eine Wirtschaftsgeschichte der Juden im eigentlichen Sinne des Wortes gibt es freilich nicht und kann es nicht geben, weil alle Voraussetzungen fehlen, aus denen die Wirtschaftsgeschichte eines Volkes beruht. Weder ist ein Staat vorhanden gewesen als oberster Leiter ihres Wirtschaftslebens, noch ein bestimmt abgegrenztes Gebiet, in dem es sich abspielte, noch endlich stellen die Juden überhaupt ein Volk dar.

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