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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-15 · Heft 46 (15.11.1912) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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lich und m seiner Eigenschaft als Vorsitzender des ,-Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" Angegriffenen, auch im „Berliner Tageblatt" — aus das und dessen Verbreitung Und „Einfluß" beinahe jeder offen oder versteckt antisemitische-Ausfall' loshackt wie aus ein rotes Tuch. So darf also der Kenner eigentlich sagen: der Herr Dr. Goldstein hat mit der- Einsendung seines Ausbruchs über den „Deutsch-jüdischen Parnaß" an den „Kunstwart" in ein Wespennest gestochen. Man gebe jedoch Ferdinand Avenarius zu, daß er zum Austragen der Polemik reichlich Gelegenheit bietet, obwohl man aus den 90, größtenteils sehr umfänglichen Manuskripten, die, bis auf ein-halbes Dutzend jüdischen Ursprungs, ihm nach Goldsteins erstem Losschlagen zugegangen, gern wenigstens eine Auslese vor Augen bekäme. Ich räume noch ein, weder über „Ph. Staufs", den antisemitischen Matador dieser Geisterschlacht, noch über den, der das Kuckucksei gelegt, Dr. Moritz Goldstern, etwas Näheres zu wissen: aktive Presseleute mit allerlei Zum Teil freilich ungenügend gestützten Erfahrungen scheinen sie ' beide gif sein. Soeben erscheint rum im „Ersten Oktoberheft" . des „Kunstwarts" über jene Klarstellung Gotheins (von Avenarius) ein kurzer scharfer Erguß: „Das Berliner Tageblatt und die Wahrheit"; inzwischen hat ja auch die „Allgemeine Zeitung des Judentums" die Sachlage durch Veröffentlichung des ganzen Briefwechsels zwischen Gothein und Avenarius in Nummer 38 vom 20. September, S. 446/47, völlig geklärt. ' Klarer liegt die Frage der grundlegenden Anschauung beim „Türmer", die L. Oppenheimer in derselben Nummer 34 der „Allg. Ztg. des Judentums" vom 23. August 1912 ausweist, nämlich am Ende seines Artikels „Aristokratisch".. Daselbstschließt er Seite 402: „Ausfallen muß aber, daß der sonst so vornehm denkende Herausgeber des „Türmer", der die Liebe zum Nächsten als den wahren Geist des Christentums stets betont und betätigt haben will, solch grundlosen Beschuldigungen die Spalten seiner Zeitschrift geöffnet hat — oder sollte auch er — was wir uns gar nicht denken können — antisemitischen Allüren zugänglich geworden sein?" Zur Aufklärung des Herrn L. Oppenheimer und zur Belehrung anderer Leser aus dem Kreise der „A. Z. d. I." nagle ich als ein „Wissender" lediglich folgende unleugbare Tatsachen fest: 1. „Der Türmer" hat seine stramm antijüdischen Ansichten niemals verleugnet, wenn diese Zeitschrift sie auch im Laufe der letzten Jahre, wohl weil sie politisch etwas nach links abschwenkte, nicht mehr so unverhüllt auf dem Präsentierteller kredenzte; immerhin stößt man fast in jedem Monatshefte auf mittelbare oder unmittelbare Ausfälle dieses Schlags: auf gut Glück nehme ich z. B. das Juniheft von 1912 her und finde da- Seite 404 die Satire „Götterdämmerung rrn Buchhandel" mit ganz saftigen Angriffen auf Ullstein, A. Wertheim, Felix Holländer, auf Seite 436 ein unverhohlen freudiges Aufatmen über das tr-ttbe Material in Felix Theilhabers „Untergang der deutschen Juden" und die Folgerungen dieses/Arztes. — 2. Die Rubrik „Bildende Kunst und Musik" des „Türmers" leitet seit Jahren der , ultramontan angehauchte Elsässer. Dr. Karl. S t o r ck, der in seinem Redaktionssach ebensowenig wie in seinen Referaten über theatralische'und literarische Ereignisse aus seinem ausgesprochen antisemitischen Herzen eine Mördergrube macht: übrigens nur folgerichtig beim Verfasser der seit 1897 schon fünfmal neuaufgelegten „Deutschen Literaturgeschichte." — 3. Der Herausgeber des „Türmers", Jeannot Emil Freiherr von Grotthuß, ein Deutschrusse aus den Ostseeprovinzen, war nach seinem Berliner Eintritt in die deutsche Schriftstellerei nach 1880 -Redakteur am hochfeudalen „Deutschen Adelsblatt"'. - Während der Jahre 1886—1891 wirkte Baron Grotthuß als Chefredakteur der Wochenschrift „Deutsche Post"/die sich zwar „Gesamtorgan für das Deutschtum aller Länder" nannte und sogar eine Zeitlaug dem „Allgemeinen Deutschen Schulverein" diente, aber doch immer reaktionäre Tendenzen herauszukehren suchte und unter dem überwiegenden Einflüsse des scheinbar zweiten,, aber maßgeblicheren Mitredakteurs Rudolf von Mosch, des dann im wüstesten Radau-Antisemitismus erstickten Herausgebers jenes „Adelsblatts" und -Gründers der „Deutschen Post", ins Fahrwasser wilder Judenhaß einlenkte. Mosch verbrüderte sich mit: Ahlwardt seligen Angedenkens und dem seit deü Reichstags- Wahlen 1912 zum zweitenmal endgültig abgesägten Dr. Ottö Vöckel, um später gänzlich vom Schauplatze zu verschwinden. Baron Grotthuß hat übrigens seine damalige Schrift „Heinrich Heine als deutscher - Lyriker. Eine literarische Ketzerei" unter seinen Veröffentlichungen neuerdings gestrichen. Will er nicht mehr daran erinnert sein? , 4. Der Verfasser des von L. Oppenheimer unter die Lupe genommenen „Türmer"-Aufsatzes „Aristokratisch", K u r d v o n Strantz, steht unter den Verfechtern einseitigsten sogenannten Ariertums und eingebildeter Teutomanie unter den Alldeutschen der Gegenwart mit obenan. Seine gewohnten Auslassungen über die Ansprüche des deutschen Volkes als „Herrenvolk" inner- und außerhalb der Reichsgrenzen leiden so arg unter überspannten Schlußfolgerungen oder vielmehr Schlußforderungen, daß die von ihm gesammelten geschichtlichen und statistischen Daten fast spurlos in diesem Wortschwall untertauchen. Wie ein fanatischer Judenfeind, so ist er auch ein chauvinistischer Franzosenhasser. Das beweist seine Schrift „Das verwelschte Deutschtum jenseits der-Westmarken des Reiches", und - hinwiederum belegt seine Unbelehrbarkeit folgender Umstand: Dieses an sich anziehende historisch-geographisch-politische , Büchlein ist, trotz vielfacher Bemängelungen seiner Unterlagen, 1888, 1903, 1912*) mit unverändertem Inhalt und/fast dem gleichen Wortlaut pamphletartig ins Publikum geschleudert worden. Schon daß Herr v. Grotthuß einem so übermäßig tendenziös d-reinhauenden Publizisten wie Kurd von Strantz die Spalten des „Türmers" öffnet, widerlegt Oppenheimers bisherige gute Meinung von seinen humanen, duldsamen Ansichten für heute, während Grotthuß ehemalige nackte Tendenz durch seine enge Gemeinschaft mit R. von Mosch klargelegt ist. Kurd von Strantz, dessen'schlimmer antisemitischer Hetzausfall unter dem Schild „Aristokratisch" mit Recht Oppenheimers Entrüstung hervorgerufen, sollte übrigens doch schon formell etwas mehr wahrhaft aristokratische „Allüren", die Oppenheimer bei ihm vermißt,, vor der Oeffentlichkeit zur Geltung bringen. Sonst kann . es mit dem Respekt vor einer Feudalität nicht weit ,her sein, wie ihn seine ahnenstolze „Geschlechtsurkunde der dynastischen Freien und Edlen Herren von Tüllstedt genannt Strantz" (1901) zur Geltrmg bringt. Man sieht, wie man auch bei solchen Sprachrohren der öffentlichen Meinung, die in der heutigen Aera des scheinbar verebbenden Antisemitismus, wo Viele verkappte' Judenfresser sich bei Tageslicht des Titels „Antisemit" schämen möchten, nicht nur selten reinen Wein über ihre wahre Gesinnung und Tendenz eingießen, den Herausgebern als geistigen Leitern und den ihrerseits als Wortführern zugelassenen Mitarbeitern auf die Finger, schauen, muß: wenn's not tut, auch persönlich, und gleichsam historisch. Von dieser Erkenntnis sollte der vorstehende Ausschnitt, vorgelegt auf Grund jener doppelten Auf- *) Im Jahre 1912 mit dem sensationell anlockenden Neklametitel: „Ihr wollt Elsaß und Lothringen? Wir nehmen ganz Lothringen und noch mehr!: Antwort auf das französische- Rachegeschrei", dazu ohne die geringste äußere Andeutung, dnß es sich um einen; bloß durch ein paar Vorwort- und Anhangseiten vermehrten wörtlichen Wiederabj druck handelt, ja ohne jede „Auflage"?Angabe. , Wenn das ein j ü d.i s ch e r Schriftsteller oder Verleger täte! -; . '

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