Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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' Libanons Zedern, Schneewälder sich neigen. Sieht sie, verknüpft mit schimmerndem Band. Säuseln von Palmen und Fichtenzweigen, Westländ'sche Wehmut, Morgenlands Brand. In mir ist Westen und Osten verwandt! Flüchtend von der Heimat Herde Kam wandernd aus Kanaans Pilgerpfad Die Sage gezogen rund um die Erde: Erzählt in Zelten im Wüstensand, Geflüstert am wärmenden Winterherde, Bis an des äußeren Thules Rand. Selbst bin ich Morgen- und Abendland! Sarons Feuerglut die Sinne umfangen Wie Traum von des heiligen Weines Ort!. Nordische Sehnsucht, heißes Verlangen Vermischt die Sage in Sang und Wort.. Sprechen wie Freund', die nach langem Bangen Wieder sich finden am festlichen Hort. Selbst bin ich beides, Süden und Nord! Schwere Gebote, Erforschung der Seelen, Welten wägend mit rechtem Gewicht, Salomos Weisheit eng sich vermählen, Mit düsteren Beichten und Lebensverzicht, Hymnen voll Jubel, Klagen, die quälen. Zeiget die Sage in wechselnder Schicht. Selbst bin ich Weisheit sowohl als Gedicht! Geschmolzen Hab' Gold ich nach alten Gebräuchen, Die Schrift erläutert mit heißem Gesicht, Mit uraltem Wort' in uralten Schläuchen Hab' eignes Leben und Wein ich vermischt. Mein eignes Antlitz seh' klar ich leuchten Im silbernen Spiegel verschwund'ner Zeit. Selbst bin ich Jetzt und Vergangenheit! Maßlos ist Mensch'enherzens Sehnen, Kein Sehkreis ist ihm zu weit. So die Sage begann ihr güldenes Wähnen Fern in der Mythe friedlichen Zeit. Sie spinnt es weiter ins leere Gähnen Der Sterngebilde Unendlichkeit! - Selbst bin ich Vorzeit und kommende Zeit! MM- Lin Mort von „sntilemitilchen" deutschen Lritlchrittkn. Ans. Anlaß Allerneuester Ausfälle. Unsere Ueberschrift setzt „antisemitisch" zwischen Anführungszeichen, weil sie nämlich nicht an und für sich oder offiziell judenfresserische Journale ins Auge faßt, sondern vielmehr Wochenschriften u. a. periodische Unterhaltungs- und Bildungsblätter, welche das fragwürdige Geschäft der Judenhaß mehr im Nebenamt besorgen. Mein jahrelanger Einblick in den Betrieb und die Tendenzmacherei der meisten hierher gehörigen Organe, die mehr oder weniger verschämt je nach dem'Wandel der Zeitmode schwächer oder eifriger dem Antisemitismusihren Zoll zahlen, könnte gelegentlich hier mancherlei,, teilweise, gewiß überraschende Aufklärung bieten. Man mochte z. V. der jahrelang bewußt und konsequent durchgeführten Judengegnerschast einer Zeitschrift wie „Die Grenzboten", dieser Gründung des Israeliten Ignaz Kuranda, eines der ersten deutschen Publizisten, und des Sprachrohrs so hervorragender Geister, wie ihre Redakteure Gustav Freytag und Julian Schmidt waren, nach ihrer ausgesprochen liberalen Vergangenheit ein gewisses Verständnis nicht versagen, wenn auch die Stellungnahme ihres vieljährigen geistigen Leiters Gustav Wustmann, des Vaters der „Sprachdurnmheiten", zum Judentum oft selbst wie eine Sprachdummheit berührte. So ist es denn auch lehrreich und wirkt fast ironisch, daß „Die Grenzboten" trotz ihrer neuerlich unter der Redaktion des Offiziers a. D. George Cleinow häufigen „alldeutschen" Anwandlungen dem antijüdischen Abstammungsschwindel des berüchtigten Adelslexikons „Semigotha" (1912) mit der berufensten Feder des Geneologen Kekule von Stradonitz Wohl am schroffsten auf den Leib gerückt sind. Heute streifen wir hier bloß zwei vielgenannte Zeitschriften, weil diese ganz neuerdings mit Bezug auf fragliche antisemitische Ausfälle in neueren ihrer Hefte in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erwähnt wurden. Es sind das der „Kunstwart" und „Der Türmer". Beide werden von Schriftstellern anerkannten Wirkens und Rufes herausgegeben, die sich auch seit vielen Jahren als ernste literarische Kritiker ebensowohl, wie als selbstschöpserische Dichter idealistischen Gefühls betätigen. Ilebrigens find diese zwei Schriftsteller, Ferdinand Avenarius beim „Kunstwart", I. E. Freiherr von Grotthuß beim „Türmer", zugleich die Gründer ihrer Zeitschriften, ja noch mehr: die Väter der in diesen verkörperten Journal-Eigenart, so daß man ohne Zwang jede dieser beiden Zeitschriften als das Organ ihres Leiters betrachten muß, auch wenn andere Literaten ganz oder teilweise für den Inhalt „verantwortlich" zeichnen.. In der Nummer 34 der „Allg. Ztg. des Judentums" vom 23. August, Seite 398, liest man nun am Anfänge der redaktionellen Rundschau über „Die Woche" eine Verwahrung des Herausgebers gegen absichtliches Totschweigen eines Avenariusschen Artikels im Augusthefte des „Kunstwarts" und die Zusage, auf ihn nach Empfang einzugehen. Auf die verhältnismäßig große Wichtigkeit jenes von Dr. Moritz Goldstein schon im April im „Kunstwart" angesponnenen grundsätzlichen Gedankenaustausches über die schwierigsten Lebensfragen des deutschen Judentums, zumal seines moderndenkenden und liberal gesinnten, auf ehrliches Einarbeiten ins Deutschtum abzielenden Teils möchte ich hier nachdrücklichst aufmerksam machen. Geht doch allein die Masse an Mitteilungen, Urteilen, Gedanken auf Seite 225—261 des „Zweiten Augüstheftes" des „Kunstwarts", wo dieser Meinungskampf, seitens des Herausgebers mit Bewußtsein an die Spitze gerückt, ausgefochten wird, nach Inhalt und Umfang weit über die in beiden Lagern landesüblichen Gesühlsergüsfe hinaus. Ich beabsichtige nun heute keineswegs, auf irgendwelche Einzelheiten dieser Ausführungen antisemitischer, jüdischer, Pseudoneutraler Urheber einzugehen. Vielmehr will ich hier nur die Tatsache seststellen, daß der vom „Kunstwart"-Herausgeber und -Nährvater F. Avenarius vertretene Standpunkt, den die ihm, d. h. seiner völkischen Tendenz sekundierenden „christlichen" oder „germanischen" oder „arischen" Stimmen stark vergröbern, in dieser durchaus originalen und originell gebliebenen Zeitschrift kaum wunderbar anmutet. Am wenigsten denjenigen regelmäßigen Leser oder literarisch und Publizistisch Eingeweihten, der immer wieder und immer wieder beobachten mußte, wie in der anzuerkennenden Weise höchst unabhängig gehaltenen Kritik des „Kunstwarts" die Richtschnur gegolten hat, die Avenarius fast im Eingänge seiner diesmaligen zusammenfassenden Kundgabe für sich und die unzweifelhaft erdrückende Mehrzahl der „Schreiber und Leser des Kunstwarts" seit einem Vierteljahrhundert festlegt: nämlich deutsch-national fühlen „bis in die Knochen", wenn auch — nach seiner Formulierung — „nicht antisemitisch". Die angeblich rein tatsächlichen und statistischen Angaben der Hauptgewährsmannes Ph. Staufs sind ja schon mannigfach zurückgewiesen worden: im Prinzip von dem Veranlasser der ganzen unerquicklichen „Aussprjache", Goldstein, in wesentlichen Einzelheiten vorn Abgeordneten Georg Gothein als einem Perfön-