Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229062--68951-3281237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
oen Städten der „inneren Gouvernements" und den Dörfern des Ansiedlungsbezirks außerordentlich vermehrt haben. Juden, die seit Jahrzehnten unbehelligt unter den Augen der Behörden lebten, wurden ausgewiesen und oft noch ihre Ware konfisziert. Die Behörden legen die Gesetze immer zu ungunsten der Juden aus, stützen sich auf die oft widerspruchsvollen Senatsinterpretationen und aus ihre eigene Willkür. Wenn aber lang ansässige Kaufleute ausgetrieben werden, so bedeutet dies für die ganze Volkswirtschaft und namentlich die Interessen der Kaufmannschaft eine sehr ernste Gefahr. Die Eingabe will die rechtliche und politische Seite der Frage nicht Prüfen, umso dringender aber auf den Schaden Hinweisen, der auch der russischen Industrie durch die judenfeindlichen Maßnahmen droht. In den vertriebenen Juden Verlieren Handel und Industrie begabte und erfahrene Vermittler, sie erleiden aber auch einen unmittelbaren Sachschaden, da die Zahlungen der Vertriebenen oft eingestellt, zum mindesten -aber verzögert werden. Vor allein bedeutet die/ -Konfiskation der Waren jüdischer Kaufleute gewöhnlich eine Schädigung d-es Lieferanten, der sie auf Kredit geliefert hat. Abgesehen von der Ausweisungspolitik hat die Verwaltung in den letzten Jahren auch außerordentliche Maßnahmen zur Beschränkung der Reisetätigkeit jüdischer Kausleute getroffen, die gesetzlich das Recht haben, jedes Jahr zu Geschästszwecken sich einige Monate lang außerhalb des Ansiedlungsbezirks auszuhalten. (Die Dauer des Aufenthalts hängt von der Höhe der von dem jüdischen Kaufmann bezahlten Gildensteuer ab.) Vor allem sucht man ihnen den Aufenthalt auf den Dörfern unmöglich zu machen, wo die Juden oft ihre Waren einkaufen müssen. So hat der Moskauer Gouverneur vor anderthalb Jahren verboten, die Juden auch nur einige Stunden außerhalb der Städte bleiben zu lassen. Der Bericht weist ferner aus die Einschränkungen hin, die der Gouverneur von Nishnh-Nowgorod gegen die an der Messe beteiligten Juden traf und auf die vor einigen Monaten erlassenen Bestimmungen über die Registrierung der Dauer des Aufenthalts. jüdischer Kaufleute und ihrer Angestellten außer dem Ansiedlungsgebiet. Auch diese Bestimmungen haben sich zu neuen Beschränkungen der Bewegungsfreiheit herausgebildet. Der Bericht weist darauf hin, daß solche Beschränkungen großer Teile der Bevölkerung für das ganze Reich verderblich sein müssen. Nach der amtlichen Statistik bilden die Juden ein Viertel der - städtischen Bevölkerung im ganzen europäischen Rußland und sogar ein Drittel der ganzen Kaufmannschaft. Im Nordwesten steigt dieses Verhältnis noch bedeutend.. Da die Juden in Rußland die Funktion von Vermittlern zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher aller Waren ausüben, haben sie im Nordwesten, Süden und Südwesten, wo sie zahlreich vertreten sind, diese Funktion fast ausschließlich in ihren Händen. Die künstliche Fernhaltung der im Handel tätigen Bevölkerung vorn Mittelpunkte der Industrie bedeutet daher einen gewaltigen Verlust nicht nur für die jüdischen Kaufleute, sondern für die viele Millionen zählende nichtjüdische Bevölkerung des Ansiedlungsbezirks, die ihren ganzen Warenbedarf aus jüdischen Händen bezieht, und auch für die von der Großindustrie abhängigen Klassen, die einen bedeutenden Teil ihrer Arbeitsprodukte durch Vermittlung der Juden auf den Markt bringen. Die Bewegungsfreiheit der jüdischen Kausleute einschränken heißt den Blutkreislauf in einem lebenden Körper unterbinden. Die Gesellschaft der Moskauer Industriellen, die zur Wahrung der Interessen der russischen Industrie berufen ist, hält es für ihre Pflicht, auf diese Verhältnisse hinzuweisen, die zwar schon lange bestehen, die aber in der letzten Zeit eine äußerst drückende Gestalt angenommen haben. Viele jüdische Firmen haben sich infolge der unerträglichen Lage aufgelöst. Zum mindesten fordert die Gesellschaft einen Aufschub im Vollzug weiterer Ausweisungen, da die Realisierung der Ernte das ganze geschäftliche Leben anregt und in diesem Augenblick die Störung besonders schwer empfunden wird. Ferner wünscht sie die Zulassung aller Juden zu allen Messen, auch zu der von Nishnh-Nowgorod, während der ganzen Dauer der Messe, und die Aushebung der Kontrolle der Geschäftsreisen jüdischer Kaufleute. * Während meiner langen Reise haben die Antisemiten nicht aufgehört, sich mit mir zu beschäftigen. Herr Bartels hat erklärt, er hätte mich verklagen wollen, hätte aber davon abgestanden, „um nicht ewig als Denunziant verleumdet zu werden". Wie freundlich! Die Zeitung „Auf Vorposten" berichtigt Angaben in dem Artikel unserer Nr. 37 „Ein jüdischer Thronprätendent", wovon ich hiermit gebührend Akt nehme — mein Berichterstatter hat, wie es scheint, sich täuschen lassen; sie bringt ferner einen großen Artikel „Herr Geiger und wir"; ich habe aber wirklich weder Lust noch Zeit, mich mit diesen wortreichen, aber inhaltsarmen Deklamationen abzugeben. Vstmr Leuertill. Von Toni Klein, ie „A. Z. d. I." hat kürzlich in sympathischen Worten und Bildern der beiden deutschen Dichter jüdischen Glaubens Fulda und Schnitzler Erwähnung getan. Ein Altersgenosse der beiden 50 jährigen wäre Oskar Levertin, wenn er noch lebte, da er am 17. Juli 1862 geboren war. Aber auch sonst ist er würdig der Erinnerung an dieser Stelle. Nicht länger als drei Generationen .leben die Juden in Schweden. Diese kurze Zeit war indes hinreichend, sie zu guten Schweden zu machen, die an der geistigen Entwicklung des. schwedischen Volkes vollen Anteil nehmen und zum Teil selbst wichtige Faktoren in dieser Entwicklung geworden sind. - Einer der edelsten Vertreter schwedischer Kultur war der viel zu früh verstorbene Dichter, Literarhistoriker und Kritiker- Oskar Levertin. Ich habe seinerzeit in dieser Zeitung seinen Tod am 22. September 1906 gemeldet und einige Stellen aus den Nachrufen, die in den Tagesblättern erschienen, übersetzt. Heute möchte ich daraus zurückkommen, zu zeigen, daß Levertin nicht nur Jude der Geburt nach war, sondern sich auch stets als, Jude fühlte. In mehreren Gedichten und Erzählungen hat er jüdische Stoffe behandelt und oftmals seiner Eltern, besonders seiner Mutter, in zarter, inniger Weise gedacht, aber selten mag wohl ein jüdischer Stofs heutzutage so liebevoll und poetisch behandelt worden sein, als in der auch deutsch übersetzten Novelle „Kalonismus." - Hier möge ein Gedicht solgen, daß als Einleitung seinem herrlichen Werke „König Salomon und Morols" vorangeht, dieser Serie von tiefen Gedichten, in welchen der Dichter seinen Gedanken über die humane, wehmütige Lebensaussassung, die er sich erkämpft hat, Ausdruck gibt. Dieses Einleitungsgedicht zeigt deutlich, daß Levertin mit Stolz seiner jüdischen Abkunft gedenkt und sich bewußt ist, daß er derselben viel zu verdanken hat. Sage und Süng e'r. Nahes und Fernes in bunten Neigen Vereinet die Säge mit spinnender Hand. Mskar Levertin geb. 17. Juli 1862, gest. 22. September: 1906.