Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-15 · Heft 46 (15.11.1912) · p. Seite 543

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229062--68950-3281236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

üngewöhnlichen Heroismus ihre lange und mit Geschick vorbereitete Sache führen, daß sie dabei von wirklichem Volks- > enthusiasmus geleitet werden, wird kein Einsichtiger bestreiten, und keiner kann ihnen seine Hochachtung versagen. Natürlich leiden auch die Juden unter den Schrecknissen des Krieges. Demgemäß erläßt der H i l s s v e r e i n der d eut s ch en Jud en folgenden Aufruf, den wir gern an dieser Stelle veröffentlichen: «Durch den Krieg aus dem Balkanmst in die jüdischen'Gemeinden der kriegführenden Staaten, namentlich in Bulgarien und in der Türkei, sehr großes Elend eingezogen- Schon die /Änter-haltüng- ^derjenigen- Familien, deren Ernährer unter die Mahnen gerufen worden sind, erfordert große Opfer. Die Schrecken und Verheerungen des Krieges haben aber weiter-, hin — besonders in der Türkei — über'viele Tausende von Juden Unheil und Verderben gebracht. Aus den dringlichen Bittgesuchen, die dem Hilfsverein der deutschen Juden täglich in großer Zahl zugehen, ist die Not dieser unglücklichen Opfer des Krieges, die mit . Weib und Kind, alles im Stich lassend, aus ihren Wohnstätten haben flüchten.müssen, ersichtlich, und der Hilssverein hat dementsprechend gemeinsam mit der. Großloge, für Deutschland U. O. B. B. unverzüglich eine geeignete Hilfsaktion in die Wege geleitet. Zur Linderung der ersten Not sind '10 000 Frank zur Verfügung gestellt worden. Da die vorhandenen Mittel gegenüber den umfangreichen Anforderungen nicht genügen, bittet er alle Freunde seiner Bestrebungen um möglichst reichliche Beiträge für diesen Zweck. Die Geldsendungen sind zu richten an: Commerz- und Disconto- Bank, Depositen-Kasse C, Berlin, Charlottenstraße 47, oder an den Vorsitzenden des Hilssvereins der Deutschen Juden, Herrn Dr. James Simon, Berlin, Tiergartenstraße 15 a, und den Präsidenten der Großloge für Deutschland U. O. B. B. Herrn' Geheimrat Timendorser, Berlin, Taubenstraße 16—18." Ergänzt wird dieser Aufruf durch folgende Mitteilung, die der Hilfsverein uns zusendet: . «lieber die Schrecken des Krieges und die Leidendie der Krieg besonders auch über unsere Glaubensgenossen auf dein Balkan gebracht.. hat, gibt nachfolgender Brief, Der noch vor dem Falle Salonikis an ein Mitglied des Vorstandes des Hilssvereins gerichtet worden ist, beredte Auskunft: „ . . .... Die Worte fehlen mir, um Ihnen die Schrecken und die Not der Zeiten, die wir durchleben, zu schildern. «Saloniki macht den Eindruck einer Stadt in Trauer. Unsere Gemeinde, die durch die ökonomische Krise aller ihrer Mitglieder seit dem türkisch-italienischen Kriege bereits verarmt ist, befindet sich, jetzt, seitdem der Balkankrieg, mit all seinen Greueln zum Ausbruch gekommen ist, in der allerelendesten Lage. Die Stadt selbst sieht aus wie ein großer Friedhof. Wir Juden stehen vor der ungeheuren Ausgabe, solidarisch Hilfe zu leisten und sind doch völlig unfähig, sie zu erfüllen. Es handelt sich zunächst um die bedürftigen Familien der israelitischen Soldaten, die ohne Mittel zurückgeblieben sind, und die buchstäblich Hungers sterben müssen, wenn ihnen nicht Hilfe gebracht wird. Dazu kommt die große Schar eingewanderter Juden,, die vor dem Kriege aus dem' Innern geflohen sind und mit jedem Zuge ankommen. Es sind Arme, Greise, Frauen, Kinder, Kranke und ganze Familien"aus Karaferia, Jstip, Uesküb usw., die ihr Hab und Gut im Stiche gelassen haben. Es ist ein namenloses Elend mit seinem ganzen Gefolge von Schrecken, Trauer und Hilflosigkeit. Wir bringen sie in den Schulen unter. Man muß Tag für Tag für ihre Bedürfnisse sorgen. Und es kommen alle Tage mehr. Wir . sind schon überschwemmt; das Publikum gibt; es opfert sich dabei auf, denn es leidet gleichfalls unter der schreck-, lichen Krise. Weinend schreibe ich diese Zeilen nieder, denn ich mache mich darauf gefaßt, daß wir nicht lange mehr aushalten können, so groß ist die verzweifelte Lage der ganzen Bevölkerung. — Wie ungeheuer muß die Hilfe sein, die hier zu leisten ist. Die Tränen stürzen mir aus den Augen, wenn ich daran denke, daß aus Mangel an genügender. Hilfe diese Aermsten ohne Linderung ihres Elends bleiben und Hunderte, von Familien buchstäblich dem Hungertode preisgegeben sind. In diesen Zeiten der Angst und des Schreckens wende ich meine Blicke zu Ihnen nach Deutschland um Hilfe und Rettung. Ich flehe Sie inbrünstig an, unter den Juden Ihres Landes und bei den großen jüdischen Gesellschaften eine solidarische jüdische Hilfeleistung mnzuregen, wie es leider schon so oft geschehen mußte,. Im Namen so vieler tausender Unglücklichen flehe ich Sie um Ihren Beistand an. Besonders schnelle Hilfe tut not, denn die Tage/ die wir - noch aushalten können, sind gezählt." ' r * - Vom Deutschen Bureau der Alli<a n c e Israelit e Universelle (Berlin-Eharlottenburg) erhalten wir folgende Mitteilung:- Das .Zentralkomitee der Alliance Jsra4lite Universelle hat in seiner Sitzung vom 6. November' mit Rücksicht auf die große materielle Not, in die die jüdische Bevölkerung in den Balkanstaaten infolge des Krieges versetzt worden ist, als ersten Unterstützungsfonds einen Bettzrg von 25 000 ^rank bewilligt. , Vom Kiew e r R i t u a l m o r d p r o z -e ß meldet die «Frankfurter Zeitung": , Die gegen Rechtsanwalt Margolin, den Verteidiger des wegen Ritualmordes an dem Knaben Juschtschinski angeklagten Juden Beiliß, erhobene Anklage, er habe die Wera Tschebyrjak durch Geld bestechen wollen, daß sie. die Schuld an dem Mord auf sich nehme, bildet nur ein Glied in einer-ganzen.Kette von Maßnahmen, nnt denen dir Staatsanwaltschast jeden-verfolgt, der nicht mit der amtlich vertretenen Blutlegende. einverstanden ist. Frau Tschebyrjak hat vor.dem Untersuchungsrichter Maschkewitsch angesichts des Rechtsanwalts Margolin. selber erklärt, das angebliche Anerbieten sei ihr von einer anderen Person gemacht worden. Dessen ungeachtet wird die Anklage gegen Margolin ausrechterhalten. Gegen den ehemaligen Vorsteher oer Geheimpolizei Mischtschuk, der nicht an den Ritualmord glauben wollte, gegen einen Polizei aufseh er und zwei Polizisten ist Klage wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt anläßlich der Untersuchung über den an Juschtschinski begangenen Mord erhoben worden — weil ihre Ergebnisse aus eine „unerwünschte" Fährte führten. Die Anklagestützt sich einzig auf die Aussagen eines bekannten Gewohnheitsdiebs und Lockspitzels. Gegen Mischtschuks ehemaligen Kollegen Krassowski ist Anklage erhoben, weil er einst ohne ausreichende Verdachtsgrund einen gewissen Kowbaß, der einer revolutionären Gesellschaft angehören sollte und mehrerer Brandstiftungen beschuldigt wurde, gefangen gehalten hatte. Ein Vorgehen gegen einen russischen.Polizeibeamten aus diesem Grunde dürfte noch nie dagewesen sein; Krassowski wurde auch erst angeklagt, als er seinen.der Ritualmordlegende ungünstigen Bericht eingereicht chatte. Während fast zwanzigjähriger Dienstzeit hatten seine Vorgesetzten nichts gegen ihn einzuwenden ge--, habt. Auch die Verteidiger des Beiliß werden ganz systematisch ver-. folgt. Nachdem die Anklageschrift ihnen zugegangen war, ließen die Verteidiger einige Exemplare drucken, die sie zu ihrer persönlichen. Verwendung brauchten. Der Staatsanwalt hörte davon und/erhob Anklage wegen Verbreitung der Anklageschrift vor Eröffnung des Hauptverfahrens. Es stellte sich aber heraus, daß das gedruckte Exemplar, auf das hin die Anklage erhoben wurde, von der Druckerei der Zensurbehörde als Pflichtexemplar übersandt worden war. Wie es von dort durch die Hände der Leute vom Schwarzen Hundert dem Staatsanwalt zugestellt wurde, hat sich nicht aufgeklärt. Die Untersuchung wurde eingestellt. Darauf erhob der Staatsanwalt Anklage, gegen Margolin wegen Verbreitung ausklärender Schriften, in denen die Ritualmordsache widerlegt wird; das Kreisgericht sprach den Rechtsanwalt frei. Nun kam die Reihe an den Rechtsanwalt Grigorowitsch- Barski, der auf Antrag des Staatsanwalts vom Gericht für schuldig erklärt wurde, weil er einen von den Spitzen der Kiewer Gesellschaft aus-' gehenden Aufruf an die Bevölkerung mitunterzeichnet hatte. Diese Verfolgungen sind nicht bloße Schikanen. Sie haben wohl den Zweck, die Angelegenheit solange als möglich zu verschleppen, um der antisemitischen Hetze in Kiew nicht ihren Hauptstoff zu entziehen. Dannkönnen sie aber auch um den Prozeß eine Hülle von Zweifel, Verdacht und Mißtrauen weben, die der Feststellung der Wahrheit, der ruhigen Ueberlegung der Geschworenen sehr schädlich werden muß, wenn mau es wirklich, wie leider jetzt immer wahrscheinlicher wird, bis zur Hauptverhandlung kommen lassen will. . * - Demselben Blatt entnehmen wir nachstehende, sehr.hemer-: kenswerte Ausführung betr. einer..Eingab e d es V.or-.. . sitzend en d er Mo s kauer Industriellen Gushon an den Ministerpräsidenten über die Judenverfolgung. . Die Eingabe verweist zunächst.darausdaß sich in letzter Zeit. die. Fälle von Ausweisungen jüdischer Handwerker und Kaufleute aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.