Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruchteil, weder der Staat, der Dutzende von Professoren und Lehrern anstellt, ihnen die Unterweisung der Jugend und' die Belehrung.der Studierenden als Almt auferlegt, noch das große gebildete Publikum, das - die Schriften, die.- von Juden herrühren, . begierig verschlingt. Wenn auch bei den Dichtungen von Blumenthal- Schnitzler, Fulda, Kadelburg, Franzos, Philippi, Fritz Mauthner, um nur einige wenige tzervorzuheben, einer unter vielen Hunderttausenden gesagt hat: „Bah, das Werk ist von einem Juden", den wirklichen Genuß dieser Werke, die Erbauung an den. ernsten, die Belustigung an den heiteren, hat sich fast niemand durch die Erwägung stören lassen, daß die Verfasser dem, Judentum angehören. Bei den hundert und. aberhundert Werken aus dem Gebiete der Naturwissenschaft, der Medizin, der Jurisprudenz, der Geschichte und der Literaturwissenschaft hat noch kein.Verständiger gesagt, sie taugen nichts, weil sie von Juden sind, oder hat auch nur daran gedacht, daß die Verfasser Juden sind. Und um speziell aus die deutsche Literaturgeschichte zu kommen, die ungebildete Antisemiten den Juden verwehren möchten: mir ist in den 33 Jahren, da ich das Goethe-Jahrbuch herausgebe, nur - von einem Hirnverbrannten der Vorwurf des jüdischen Wesens gemacht worden, und die Hundertrausende, die Bielschowskis Goethebuch und N. M. Meyers Deutsche Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts gelesen und sich daran erfreut haben, haben nicht die geringste Störung in ihrem Genuß dadurch empfunden, daß' die Verfasser Juden waren. So viel gegen die Behauptung Goldsteins, daß das deutsche Volk „uns die Berechtigung und die Fähigkeit abspricht". Was aber -den Anfang des Ausspruchs Goldsteins betrifft: „Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes usw.", so ist dies ein Satz, bei dem Herr Goldstein entweder nichts gedacht oder seinen Gedanken sehr schief ausgedrückt hat. Denn durch seine Ausspruchsweise sind die Gegner dazu verführt worden, zu meinen, daß wir behaupteten, allein diesen geistigen Schatz gepachtet zu haben und zu behüten. Kein denkender Jude hat dies jemals behauptet. oder auch nur gedacht. Soll der Satz einen Sinn haben, so kann er nur heißen, daß auch wir diesen geistigen Schatz mitverwalten, so gut wie es die christgeborenen Deutschen tun, daß wir uns bestreben, in ehrlichem und friedlichem Wetteifer mit ihnen diese geistigen Schätze zu heben, zu ergründen und zu vermehren. 11/ - Dies ist, was ich über, den Goldsteinschen Artikel zu sagen habe. Ich und viele mif mir haben Behauptungen, wie sie in obigem ausgesührt sind, schon sooft gemacht, daß wir höchst erstaunt sein mußten, daß derartige Bemerkungen, wie sie Herr Goldstein auszusprechen für gut.fand, wirkliches Aussehen gemacht haben. Der Herausgeber des „Kunstworts" war anderer Meinung und wurde durch seinen Leserkreis in seinem Irrtum gestärkt. Er meinte in den Ausführungen Goldsteins nicht die Stimme eines , einzelnen, sondern der Gesamtheit der Juden zu vernehmen, und fühlte sich veranlaßt, nun seinerseits im Angustheft seiner Zeitschrift einen Artikel zu veröffentlichen: „Aussprachen mit Juden." Aber was er selbst hier sagt, und was er sich von anderen schreiben läßt, ist wirklich kaum der Rede wert. Mas diese Herren schreiben, manche, die. sich damit begnügen, die Initialen ihres Namens hinzuzusetzen, oder, wie die Herren Ph. Staufs und Franz Quentin, deren Namen ich bei dieser Gelegenheit züm erstenmal gehört habe, und deren Darlegungen so unbedeutend und nichtssagend sind, daß ich es für PaPierverschwendAng und Zeitvergeudung halten würde, darauf überhaupt einzugehen, ist absolut wertlos. Was Herr Goldstein dann in seinem Schlußwort vom Nationaljudentum sagt, ist für uns eine völlig abgetane Sache. Wir kennen keinen Nationaljuden,' sondern nur eine < jüdische" Glaubensgemeinschaft, wir sind Deutsche und verlangenfür uns, - wie Herr Avenarius selbst, den 'ich durchaus nicht zum Antisemiten stempeln will, der aber bei dieser Gelegenheit seine völlige Verkennung dessen gezeigt hat, was in jüdischen Kreisen gedacht wird, welche Anspruch auf irgendwelche Bedeutung haben, „das Recht, deutsch zu sein bis auf die Knochen". (Schlus; toii^t.) Bit Wochr. Berlin, den 12. November 1912: mit einer unheimlichen Schnelligkeit, die an den rasenden Siegeslauf der preußischen Heere im Jahre 1866 gemahnt, schreiten die Scharen der verbündetenBalkanstaate n von Sieg zu Sieg. Zum Staunen und Schrecken der europäischen Diplomatie, die wähnteauf dem von ihr festgesetzten Statusquo beharren zu können, wird der Besitzstand der europäischen Türkei in Frage gestellt. Die Türken werden immer weiter zurückgedrängt, ihre festen Plätze fallen, der Vormarsch nach Konstantinopel beginnt. Wir haben keine hohe Politik zu treiben, und doch müssen auch wir solchen Dingen ins Auge sehen. - Was wird das Ende sein? Wird die Türkei nach sechs Jahrhunderten aus Europa verschwinden? Bereitet sich durch die Forderung Serbiens, einen Meerhafen zu besitzen, ein' Weltbrand vor? Wird Oesterreich seinen Widerstand gegen dieses Verlangen aufgeben? - Wird es den Weltmächten gelingen, eine Vermittelung zwischen den zwei scheinbar unvereinbaren Standpunkten Serbiens und Oesterreichs herbeizuführen? Das sind Fragen von so großer Bedeutung, deren Folgen von so unendlicher Wichtigkeit sind, daß der Chronist genötigt ist, sie aufzuwerfen, wenn er auch bescheidentlich daraus verzichten muß, sie zu lösen. Der deutsche Jude hat als Jude keine bestimmte Parteistellung. Die Juden haben es in der Türkei gut, in Bulgarien nicht schlecht; wenigstens hat sich die dortige Regierung den seit 1890 austretenden antisemitischen Strömungen gegenüber ziemlich energisch gezeigt. Auch in Serbien, wo es unter 2H Millionen Einwohnern etwa 7000 Juden gibt, sind seit 1889 die Ausnahmegesetze abgeschasft. In allen drei Staaten also —. Griechenland und Montenegro haben eine unbeträchtliche jüdische Bevölkerung — leisten die Juden, wie wir sicher hoffen dürfen, ihre Pflicht; es ist nur zu wünschen, daß sich nach dem Kriege nicht, wie es anderwärts geschehen ist, nationalistische Bestrebungen geltend machen, die ihnen ihre wohlerworbenen und wohlverdienten Rechte verkümmern. Ueber die Stimmung d e r I ude n i n d e r T ü r k e i sindwir durch die in Konstantinopel , erscheinende „Aurore" besonders gut unterrichtet. Dort finden wir das Aufgebot der von 1283 bis 1298 (nach türkischer Zeitrechnung) Geborenen zum Kriege; die Aufforderung des Großrabbiners, die einberufenen Verheirateten sollen sich mit ihren Frauen dem Beth- DiN vorstellen, die Bemühungen jüdischer Schüler, jedem ausziehenden (jüdischen?) Soldaten eine Tasche mit notwendigen und nützlichen Gegenständen einzuhändigen. Wenn aber das genannte Blatt meint, daß die gesamte ausländische jüdische Presse auf seiten der Türkei.stände und Freude über dieses einmütige Bekenntnis empfindet, so . müssen wir diese-Freude, stören. Wir sehen weder in dem Kriege der Balkanstaaten wider die Türkei einen Kreuzzug — denn es handelt sich dabei blutwenig um religiöse Interessen — noch einen Beutezug, der nur durch Habgier' veranlaßt ist. Es ist schwer, in den orientalischen. Wirren klar zu sehen; daß aber die Balkanstaaten Gründe genug zur Klage hatten, daß. sie mit einem