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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-15 · Heft 46 (15.11.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljähr'.tch 3 E — Postscheckkonto 32^. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk Glosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/40 Alle Zusendungen für. Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße <t6/<t9, zu rich en. Verlag von Rudolf Alosse, Berlin. Rtrilktit' Der Kunstwart und die Judenfrage. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Oskar Levertm. Von Toni Klei n. — Ein Wort von ,-antisemitischen" .deutschen Zeitschriften. —IDas Verhältnis der Inden zum Wirtschaftsleben. Von Georg Caro. — Ein Dokument der Freiheit.*? Von Peter Hamecher.- — Zwei Wiener Tote: Theodor Gompertz und Wilhelm Goldbaum. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Freundschaft. Skizzö von Anna Friedmann-Mandel. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Nogasen, Posen, Breslau, München, Wien, London. — Von Nah und Fern. Der Llmltwsrt und die Iudenkrsge. Von L u d w i g G e i g e r. >• Hch habe einige Zeit gezögert, auf zwei Artikel einzugehen, die in der von F. Avenarius herausgegebenen Zeitschrift „Der Kunstwart", erstes Märzheft 1912 und zweites Augustheft desselben Jahres, erschienen sind. Die „Deutsche Tageszeitung" hat dies'mehrfach gerügt, ja einer der Redakteure oder Mitarbeiter hat mir sogar, freundlich angeboten, die 75' Pfennig zum Ankauf eines Heftes zu leihen oder zu schenken. Ich habe es aber nicht für nötig gefunden, von diesem hochherzigen Anerbieten Gebrauch zu machen. Jetzt, da ich diese Artikel gelesen habe, muß ich sagen: wozu der Lärm? War es wirklich nötig, daß man sich über die Ausführungen des Herrn Moritz Goldstein aufregte, die liri'dem Märzhest standen, und ist es wirklich angebracht, die Erörterungen des Augusthestes als eine bedeutungsvolle Erscheinung zu betrachten? Ich muß auf beide Fragen mit 'Nein antworten und halte es absolut für keinen Schaden, daß ich erst jetzt über diese Artikel mich ausspreche. Der Märzartikel führt die Ueberschrist „Deutsch-jüdischer Parnaß". Nachdem der Verfasser die Zurücksetzung der Juden erwähnt, die Vorwürfe Wagners und Chamberlains ausein- - andergesetzt hat, bemerkt er, daß das Verfahren-der Juden bisher ein doppeltes gewesen sei, daß aber dieses Verfahren verkehrt genannt werden.müsse. Die einen hätten versucht, : ihre christlichen antisemitischen Gegner und die Deutschen überhaupt aufzuklären, hatten aber mit dieser Aufklärungs- arbeit keinen Erfolg gehabt, die anderen hätten sich um das Gerede nicht gekümmert, hätten' weiter als Dichter, als Kritiker, als Literarhistoriker, und Historiker geschasst und sich -keineswegs gescheut, auch über Luther und die Reformation zu arbeiten. Ich gestehe nun meinerseits, daß diese beiden bisher 'befolgten -Methoden die einzigen sind, die uns deutschen Juden '-s ilbrig bleiben, zu denen wir das Recht und die Pflicht haben, ich Wir sind Deutsche^ und' haben den Anspruch daraus, als > Deutsche in jedem Zweig der deutschen Kultur mitzusprechen.! Wir 'sind -Juden und haben die Pflicht, unsere. . Feinde, in welchen Lagern sie sich auch befinden, zu belehren, aufzuklären, zurückzuweisen. Der Verfasser meint nun — und gerade dieser Passus hat viel Aufsehen erregt, während er nach meiner Meinung -so verkehrt, grundfalsch ist, daß ein ernstdenkender Mensch sich mit derartigen Dingen gar nicht beschäftigen sollte — folgendes: „In der-Tat: für einen produktiven oder sonstwie an der Kultur mitarbeitenden deutschen Juden wäre die einzige Rettung aus der Halbheit, aus dem Zwitterwesen, aus Verleumdung und Verdächtigung-, aus Ungerechtigkeit und Uebel-- wollen der Sprung in die neuhebräische Literatur. Die einzige Rettung und zugleich die unfehlbar sichere: hierist jungfräulicher Boden, sind Schaffensmöglichkeiten ins Unendliche, und. hier hört jede ungerechte Vergleichung auf, hier wird kein Widerstand der Wirtsvölker gegen „Perjudung" ihrer Nationalliteratur mehr geweckt, hier wird das Wort Jude von selbst zum Ehrennamen; denn hier prit einem Male hat .es keinen Sinn mehr, von uns etwas anderes zu verlangen, als daß wir jüdisch sind, mit Leib und Seele, mit Sitten, Anschauungen, Empfindungen, mit Vorzügen und Fehlern. Wohl jenen Glücklichen, die auf Vieser Bahn nach der Palme laufen dürfen!" Das einzige, worin der Verfasser recht hat, ist per Satz, der ziemlich am Schluß seiner Abhandlung steht: „Keineswegs freilich ist uns jüdische Kunst identisch mit der Behandlung jüdischer Stoffe. Dennoch aber liegt hier eine dringende und schöne Ausgabe für uns Juden. Denn soviel schon geschehen, das Judendrama, d e r Judenroman ist noch ungedichtet. Worauf es hier vor allem ankommt, ist die Schaffung eines neu e n T y p u s I u d e, neu nicht im Leben, sondern in der Literatur. Bekanntlich sehen wir alle das Leben, die Menschen, die Landschaft so, wie unsere Künstler sie uns Porsehen ... Der Jude, der unser'Ebenbild ist, Unser jüdisches Ideal des Juden, fehlt noch: -Jüdische Dichter, heran!" ' Was-den übrigen Teil des Goldsteinschen Aussatzes betrrfst, so muß ich bemerken, daß er des Aufhebens wirklich nicht lohnt. Den Zionisten war er recht, weil er das Hebräische empfahl und das von so vielen Zionisten geäußerte Wort, eigentlich seien die Juden keine Deutschen und hätten kein Recht, sich an deutscher Geistesarbeit zu betätigen, wiederholt und weiter aüssührt. Die Antisemiten, denen ja der Zionismus sehr recht ist, nahmen hauptsächlich Anstoß an einem Satze, und so ungern ichm.it dieser Partei an einem Strang ziehe, so muß ich doch gestehen, daß sie nicht unrecht habest. Goldstein nämlich sagt: „Wir Juden verwalten.den geistigen Besitz eines-Volkesdas uns die Berechtigung und die Fähigkeit dazuabspricht." Dieser Satz ist von Anfang bis zu Ende falsch. Es ist nicht wahr, daß das deutsche Volk uns. die Berechtigung und die Fähigkeit abspricht, am geistigen 'Besitz der Nation teilzunehmen. Das tut nur ein-..ganz kleiner, : verschwindender

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