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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-08 · Heft 45 (8.11.1912) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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SZS so viele Monate umsonst Vergeudet, — nein — nein! Da kann ich weiß. Deshalb wurde ich cmc|' Won allen ÜnterhaltungeN und nachmittäglichen Zusammenkünsten ausgeschlossen." .Sie blickte ihn dankbar an und ging auf seinen Scherz ein. . „Das. war nichts. für Ihre Ohren, Monsieur.. — Aber Scherz beiseite. Sehen Sie, was Erna.und Ihre Eltern mir erzählten, glaubte ich. Und dachte auch nie daran, die Gegenpartei zu hören. Erst gestern, erst . . da kam das jähe Erröten wieder. Wie töricht von ihr! -; -- Er sah sie aufmerksam an, schien aber die letzten Worte überhört zu haben, denn er schlug'seinen Stock heftig auf den Boden, Pfiff durch die Zähne und sagte in ironisch gefärbtem Tone: „Hm. Wozu auch?. Meine Eltern sorgen dafür, daß man ungehört verdammt wird." ... , Mitleidig schaute sie ihn. an.. Und. da kam ein.jähes Erkennen ihres Zweckes über ihn, immer größer, immer staunender wurde sein Blick, bis er, einem mächtigen Gefühle folgend, leidenschaftlich flüstertet' „Ach, wenn ich. nur einen Menschen hätte, der an mich glaubte!" Ueber ihr Antlitz flog ein Leuchten. Mit Hellen, glänzenden Augen hielt sie ihn im Bann, während sie bebend bat: „Lassen Sie. mich Ihre Freundin sein, Herr Treuen." Ihr Herzschlag setzte einen Augenblick, aus vor Freude, daß.ihr Plan geglückt. Auch er-sprach nicht, er starrte sie -nur fortwährend an, während er innerlich noch in der Leidenschaft seines Gefühls schwelgte. So sprach sie hastig weiter, wie getrieben von innerer Macht: „Freundin ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, ich hätte Kamerad sagen sollen. Sehen Sie, in mir ist soviel'unverbrauchte Kraft, soviel Mut und dann — ich kann schweigen! Und ich kann glauben! Ich will an Sie glauben! — Aber Sie müssen mir sagen, was . Sie. drückt, wodurch Sie leiden! Vielleicht kann ich Ihnen helfen, vielleicht kann ich lindern. Ist es doch das schönste Vorrecht der Frauen, Rat und Hilfe zu spenden. — Nun wollen Sie?" Sie blieb stehen, sah ihm frei ins Auge und gab ihm die Rechte.- Und da erwachte er. Und was Beste in ihm, der Glaube an einen Menschen erwachte. . In dem Augenblick sah er nicht das Weib in ihr, dachte auch nicht daran, daß sie als Weib ihm entgegenkomme. Nein! In -diesem Augenblick schwanden all die kleinlichen Bedenken, .und er erkannte die Größe ihrer Tat als Mensch, der ihm seine Hilfe, bot.. So reichten sie sich die Hände und blickten einander an, ohne zu erröten, frei, offen, wie echte Menschen, nicht wie Mann und. Weib!. Dann atmeten sie aus, wie von einer Last befreit und sahen mit glänzenden, jungen, frohen Augen umher. Ein lichter Freudenschein lag auf ihren Gesichtern. Dann nahm Lotte wieder das. Wort. „Nun beichten Sie, Freund Walter." . Noch eine kleine.. Pause-. Dann begann er: „Ja, ich will Ihnen, sagen, was ich noch keinem Menschen gesagt habe. — Ich werde nie Apotheker werden, wenigstens nie mit dem inneren Lustgefühl, das auch den Steinklopser seine Arbeit lieb' werden läßt. — Ich mag dieses trockene, einförmige Studium nicht.' Es. befriedigt mich nicht. . Meine Neigung geht andere Pfade. Mein Geist braucht andere Nahrung!" Er ging, sehr schnell, ohne , aus Lotte zu achten, die ihm .kaum folgen konnte. Aber das freutesie. „Sie dichten, .Herr Treuen?" fragte sie. Er wandte sich um. „Woher wissen Sie das?" ’ -,Erna verriet es mir einmal. — Aber warum sagen Sie Ihren Eltern nichts «davon? Warum schweigen Sie zu all den Vorwürfen?" „Ach, meine Eltern, Fräulein Lotte! Das -sind Menschen, die in den Kleinlichkeiten des: Tages ausgehen. Und dann, ich nicht Verständnis verlangen'. Das Geld reut sie, natürlich. Ich kaufe mir Bücher dafür, philosophische Werke. Ich höre auch Philosophie in der Universität, Fräulein Lotte. Sehen Sie, das ist mein Pfad! Da finde ich Freiheit und Erlösung! Dieser wunderbare Bau, den die größten Geister, die gelebt' haben, Stein um Stein, zusammengetragen, interessiert mich, lockt-mich!. Ich lese, was ich bekommen kann. und. habe auch ' schon - versucht,, eigene Gedanken. niederzuschreiben.' Aber ich bin ja nur -ein Stümper." Das war Glut, leidenschaftliche Empfindungdie aus seinen Worten lohte. Und er riß sie mit. Ihre Wangen glühten, ihre Augen j leuchteten. Jede Saite ihres Innern bebte! - Verwandtes, ebenso - Empfundenes klang in ihr. — — ~ Aber plötzlich wurde' sie beherrscht und ernst, und erwiderte langsam, jedes Wort betonend: „Das ist sehr schwer für Sie. Aber Sie müssen eben Wer Pflicht gehorchen, nicht Ihrer Neigung folgen!" Dies Schicksal tragen viele Menschen, und müssen.damit fertig werden. . Sie schaute sinnend ins Weite und fuhr nach einer Weile fort: - - „Auch ich sehne mich hinaus. Auch mich treibt es fort. Und ich bleibe, weil ich Pflichten zu erfüllen habe:" „Ja, Sie sind'ein Mädchen!" Lotte sah ihn groß an.' „Ah! Sie meinen also auch, für uns gäbe es nur Pflichten, für den Mann nur Rechte. Gegen das Elternhaus sowohl, als später. in der Ehe — — Wie falsch diese Meinung doch ist, wie entwürdigend, wie niederdrückend für uns! Um so trauriger, da es doch heute schon eine Anzahl Frauen gibt, die sich ihre Rechte in harter ehrlicher Arbeit errungen und sie harmonisch mit ihren Pflichten-vereinen. — Ich glaubte, Sie ständen den edlen Zielen'der Frauenbewegung, die höhere Bildung, dre Selbstbefreiung der Frau^ezwecken, nicht' feindlich gegenüber. Ich glaubte. Sie wären fähig . . . doch lassen wir-das! - Wir wollten ja von Ihnen sprechen." Walter ging ruhig neben ihr her. Viele -ihrer Worte entgingen ihm, weil er mehr auf den schönen Tonfall der Stimme, als auf das, was sie sagte, hörte. Und nur um etwas zu sagen,- meinte er: »Za, ja, die Frauenbewegung. Die hat gewißviel Gutes im Sinn, aber es gibt doch noch viele gefährliche Klippen, die sie umschiffen muß, ehe sie ans Ziel kommt. — Und Sie, Fraulein -Lotte, sind. auch eine von denen? — O, Sie stille Unnahbare, das hätte ich gar nicht in Ihnen gesucht." Er sah sie lächelnd an. und. merkte,. daß sie seine. Worte'verstimmt hatten. Und um wieder gut zu machen, scherzte er: „Uebrigens-wie ist mir denn? Das neueste Problem ist ja die Freundschaft zwischen den Geschlechtern! — Halt! Jetzt habe ich Sie! Sie kleine Frauenrechtlerin, wollen der-, suchen, ob es sich nicht lösen lassen, ob .-. ." Da siel sie ihm mit. gepreßter Stimme ins Wort. „Herr Treuen, ich bitte Sie!" . (Fortsetzung folgt.) Mersrikchr Mitteilungen. — Die gottesdienstlichen Gesänge der Israeliten für das ganze Jahr. Zusammengestellt von Kantor S. Scheuermann in Frankfurt a. M. . Endlich ein praktisches Werk. Nicht neue Kompositionen zu den zahlreichen schon bestehenden hat Scheüermann geschaffen, sondern eine geschickte Auswahl getroffen, die für Schüler und Meister'gleich wertvoll ist, für den Schüler zum Studium, zur Einführung in die Gefangsliturgie und -Literatur, für den Meister als Nachschlagewerk. Main bedenke:, die gesamte jüdische Gesangsliturgie, aus 91. Seiten —

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