Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
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derWausestde, an denen.ich täglich in den Straßen der Grpßstadt vorübergehe?./Ihr-Denken und Handelnühr .Hoffen -und., Fürchten, ihr Lieben und . Hassen', ist esnicht, immer .dasselbe injedem Zeitalter sich wiederholende Spiel'?,. „Was gewesen, wird wieder, und; was früher. geschehen,. geschieht auchjetzt" (Prediger Sal. 1, 9) ...... Lin Lris vom sttrn Stsmmr. \ Erinnerungsblatt an Baron Alfred v. Berger. - Bon. Dr. D. L.e i md ö r f e r . in Hamburg. ' (Schluß.) .; . ' ,; . P*üx den Teil ihrer Persönlichkeit aber, der .nicht Kops ist, kehrt sich die. Sache um, da ist die Wollust der Umarmung des. V? Holofernes der Zweck und die heroisch-patriotische Tat nur das Mittel, um dieser Umarmung teilhaftig zu . werden. Erst wenn man dies erkannt hat, kommt in.alle Reden und Szenen der Judith grelles.. Licht.' Ihr Patriotismus und ihre Religiosität sind' nur,-, obzwar.-.an.sich vorhanden, .Hüllen, die ihr selbst. ihre wahrhaften Beweggründe und Triebe verbergen. Sie.befindet sich in einer gewaltigen Selbsttäuschung, deren Schleier , erst, in dem Moment zerreißt, da sie von Holofernes die äußerste Schmach des Weibes, erlitten und ihm dafür aus Räche den Kopf abgeschlagen hat. Trotzdem , hat.'Hebbel die Tat der Judith, wenn er sie auch als eine subjektive Schuld der Judith ansah,, des Charakters einer im Sinne des jüdischen Volkes patriotischen und religiösen Tat nicht ganz ent- - kleiden wollen/ Er faßte sie auf." als die Tat des Gottes Israels, durch welche dieser sein auserwähltes Volk vor seinen Drängern errettet hat, das Werkzeug freilich dabei zugrunde geht. Der. Gott Israels hat sich' in dieser Judith das geeignete Werkzeug,, die Waffe, möchte man sagen, selbst geschaffen. Durch seine Einwirkung würde Judith zur unberührten Witwe. ' Das erotisch erregte Weib ist ein. Werkzeug in Gottes großem Rettungsplan für sein auserwähltes Volk. Und hier gelangte, der Redner, nach 'seinen eigenen Bemerkungen, zum wichtigsten Punkt seiner. Ausführungen, denn' er glaube etwas gefunden.zu haben,. was bisher unbekannt war, wenigstens habe er es in keiner 'Besprechung der Judith, die ihm. zu Gesicht gekommen sei,..gelesen. Der Redner hat nämlich die Stelle d e r B i b elentd eckt, von welcher.Hebbel die.Anregung zur Mänasseepisode gekommen ist. Im Buch „Judith" ist. keine. Zeile zu finden,, die darauf.hinwiese, daß ihre Ehe mit Manasse. nicht eine völlig normale.- gewesen wäre. „Und ihr Manu hätte geheißen Manasse; der war in. der Gerstenernte gestorben. Denn als er auf dem Feld war bei den.Arbeitern, ward er krank von der Hitze, und starb in seiner Stadt Bethulien und ward zu. seinen Vätern begrabend" Das ist alles, was das Buch Judith von Manässe sagt.. Dagegen aber enthält das Buch Tobias eine Episode,.von. welcher der Redner nicht bezweifelt, daß sie das Samenkorn, war, welches in Hebbels erotisch, heißer Phantasie zur Geschichte der Ehe Judiths aufging. Das ist die Geschichte der Sara, der Tochter Raguels zu Ekbatanä. Von dieser wird erzählt, daß.sie sieben Männer zu Gatten gehabt habe, ohne daß einer vermocht, hätte, , ihr den jungfräulichen Gürtel zu. lösen. Denn ein böser Geist, Asmodi geheißen,. tötete sie, als. sie sich zu ihr tun wollten. Der Engel,, welcher den jungen Tobias auf seiner.Reise geleitete,' hieß ihn diese Sara zum Weibe zu nehmen, versprach ihm seinen Schutz und deutete an, daß deshalb kein anderer Mann ihr Gatte zu werden vermochte, weil Gott sie von Ewigkeit an für den-jungen Tobias, bestimmt hatte. In dieser Geschichte fand Hebbel, der nach einer plastischen und dabei im Geist der Bibel empfundenen Verkörperung des Gedankens suchte, daß Gott Judith als. ' Werkzeug. zum- Verderben des.Holofernes sich erzogen hatte,, das, was er - brauchte.. -Er.-machte .-aus-..den I-ehen. Männern - natürlich, ejtfett, .r Im übrigen war diese Geschichte ganz dazu, angetan> He bb e l, der die Mi schm mg d eß Er o ti.f'ch.e ns mit d e-m'Mh sti.sch en liebte, zu reizen. Da in den lieber-' Setzungen der Bibel das-Buch Judith vom Büch. Tobias nur' durch wenige-Blätter getrennt ist, lag es nahe,, daß er, wach s einemgeeigneten Motip, grübelnd, auch im Büch Tobias blätterte,' wo ihm,die Gestalt der „unberührten.Witwe", Sara aufstieß. Der metaphysische. Inhalt der „Judsth'"^.ist der' Kampf zwischen der sich selbst vergötternden Menschheiff im Heiden Holofernes, verkörpert, und der durch ein..Volk wirken-. den Gottheit. Wunderbar ist esdem Dichter gelungen, den persönlichen Gott Ifra el s ml s uns ich t b ir r; allgegenwärtig, d u r ch d i e M e n s ch e n seine Taten verrichtend' empfinden zu lassen." Nach dem Vortrage stellte mir Berger die Tragödin Frau Dorö vor, die-ich als Judith gesehen-hatte. Aus die Frage - nach einem Urteile über ihre - Darstellungdie mit' den Ergebnissen der Bergerschen Forschung der-Apokryphen- Tobias und. Judith in der ' Tat übereinstimmte, -'antwortete ich -zögernd: „Die Wolter, die. ich' als Student etwa bierzehnmalals Judith gesehen' und bewundert habe,- spielte anders". Sie:- „Was wollen Sie damit sagenk" Ich: „Jene war die Hebbelsche Judith"-: Sie: „Und ich?? Ich: „Sie die Bergersche". -Ich vermute, daß sie. mich verstanden hat.- Ihre Judith war - eine von der Hebbelschen . Poetischen Interpretation der Apokryphen, die Hebbel nur den Namen liehen; eine wert, weit sich entfernende, eine mehr als sinnliche Judith. . Als Baron Berger noch erschöpft von der Vortragsbegeisterung und der. Entgegennahme der 'Beifallssalven, zu' mir herantrat und mich fragte, was ich zu seiner Forschung' sage, entgegnete ich nach langer Verlegenheitspause: T a/l m u d i s ch. Hierauf er: „Talmüdisch?. In der Tat: die Heranziehung von Tobias.zur Erklärung des. Wesens Judiths, der jungfräulichen Witwe, mag wie talmudische Auslegung erscheinen, aber ich stehe ihr nicht so fern, wie Sie wohl meinen, denn, wissen Sie: I ch b in ei n R ei s v o m a l t e n S t a m m — u n d m e in e Gro ßmu'L-'t er. w ar ein e td eal e,' fr o mme Talmud ist i n.'"-'-' . Als Berger von Hamburg und feinen zahlreichen Verehrern Abschied nahm, , begleiteten ihn auch meine Wünsche in den neuen. Wirkungskreis. - Vor etlichen Wochen lud ich Berger namens des. Komitees wieder ein zu einem Vorträge über: Einflüsse der orientalischen Legende auf das deutsche Drama. Berger antwortete', mir:' D as T h e m a' r ei z t mich mächtig, ab er ich ' kann kei n' s.icher es Datum. angeben; -Ich bin ein 'Theaterm ann, auf den ist kein Verlaß." Auf mein nochmaliges Schreiben erhielt ich keine Antwort mehr. Baron Berger ging-den Weg allen Fleisches. Vor kurzem haben sie ihn, den 60 jährigen großen. Theatermann, einen Fürsten im Reiche des Geistes, zur ewigen- Ruhe gebettet. Oesterreich und Deutschland trauern um eine hervorragende Persönlichkeit. Als die letzten Staubschollen auf feine Bahre herniederrollten, las ich seinen letzten Brief und dessen Schluß „kein Verlaß" zwei Freunden vor, und unwillkürlich zitierte'ich die Verse 3 bis 6 aus dem 146^ Psalm: „Kein V e r l a ß, Ihr l.e n s ch e n, auch nicht auf die Edelsten hinieden, kein Verlaß auf Adelige, abhängige oder unabhängige Freih'errn, kein Verlaß auf' den Mensch enfo h n, bei d em keine Hilfe und kein Heil! Es geht ihm der Odem aus, er kehrt zur ü ck z u fei n e r M u t t e r E r d e. A n' d i e f e m D ä ge gehn verloren -seine Gedanken, Strebungen, feiner Hoffnungen Ziele" ' ' ' >