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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-08 · Heft 45 (8.11.1912) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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Dieses ist der Grabstein der Frau Orgia, Tochter.. des Rabbi Jehuda, die in die/ Ewigkeit einging am Freitag, den 27. Tamus des Jahres 5009 (— 9. Juli 1249). Den Sinn der vier Buchstaben der letzten (12.) Zeile kann ich nicht mit Sicherheit bestimmen. Der Fraüenname Orgia, der vielleicht eine Abkürzung von Georgia vorstellt, ist auch sonst mehrfach bezeugt. (Vgl. Salseld, Das Nürnberger Memorbuch.) Dieser, auch wegen der . Form seiner Schriftzüge interessante Steiw findet sich in der Fassade der Apotheke des bayerischen. Städtchens-Kelheim an der Donau. Die Vermutung, daß er von dem Friedhof der alten Judengemeinde der benachbarten. Stadt Regensburg stammt, wird genährt durch ein Relief, das sich an dem gleichen Hause oberhalb dieses Steines befindet (s. die Abbildung) und die Inschrift trägt: „Anno Domini 1519 worden die Juden aus Regenspurg ausgeschasst." Unter diesem direkten Zeugnis christlicher Nächstenliebe, das „aus der Wand schreit", erblickt man zwei Männer, die ein Schwein und eine Tafel mit hebräischen Schriftzeichen halten. Darunter liegt ein Jude mit spitzem Bart und spitzem Hut, der an dem Schwein saugt und die Hände bittend emporstreckt, ein ebenso liebwie geschmackloser Hohn aus die unglücklichen Opfer blinden Glaubenshasses, die 1519 nach einer unglaublich kurzen Frist von nur fünf Tagen die alte Reichsstadt verlassen mußten. Es sollen ihrer mehr als 500 gewesen sein, und der Anblick dieser ins Elend hinausgestoßenen Menschen habe sogar das verhärtetste Christenherz gerührt. Aber trotzdem sei der Eifer, namentlich der Frauen, bei der Zerstörung der Synagoge ungemein groß gewesen. ' Der Tourist, der nach der Besichtigung Kelheims mit seiner herrlichen, von König Ludwig I. in den Jahren 1842—1863 errichteten Besreiungshalle seine Schritte donauauswärts lenkt, findet sich, vorausgesetzt, daß er überhaupt für jüdische Dinge Interesse hat, durch eine dritte Entdeckung belohnt. Vor der im Donautale, 3 Kilometer oberhalb Kelheims gelegenen Wirtschaft. „Klöster!" sieht man in der /Gartenmauer abermals einen Grabstein mit folgender erstaunlich.gut lesbaren Inschrift) von der ich' aber 'leider keine Photographie besitze: nw- ■ mmp raito - ionrm& nm -1 na nDbnw ona- , . 2 rrabirb ■ rrr? avn tna?. -nrimjö'i : rir i» Auf Deutsch: Das ist der Grabstein der Frau. Verona (Vrona. Vroni), Tochter des Gemeindevorstehers R. Moses, die in die Ewigkeit einging am Dienstag, den 2. Jjar 980 (— 7. April 1220). Sie ruhe im Gan Eden. Dieser Stein ist also fast siebenhundert Jahre alt, eine unendliche Zeit gemessen an der Durchschnittsdauer schwacher Sterblicher. Aber während ich die Inschrift abschreibe, taucht die brennende Julisonne Stein und Mauer in eine Flut von Licht; hinter mir murmelt der Strom, seine ewige Weise, Ruderschläge künden an, daß eiy Boot 'sich nähert, aus dem Wirtschaftsgarten dringen fröhliche Kinderstimmen und' . . . die graue Vergangenheit wandelt sich in greifbare Gegenwart. Frau Verona und ihre, jüngere Landsmännin Orgia aus der Regensburger Judenstadt sind nicht mehr die Frauen hohenstaufischer „Kammerknechte", sie sind erst gestern dahingegangen, sind ausgetaucht Und untergetaucht in dem unaufhaltsam rinnenden Strom der Zeit) wie so viele, die wir gekannt, und die jetzt der grüne Rasen deckt. Ich kann nichts von ihren näheren Lebensumständen berichten? Aber was weiß ich denn oder was weist ich nicht von dem Leben

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