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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-08 · Heft 45 (8.11.1912) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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.Epochegellen kann,. mit Rahel Lewin, stand sie nicht sonderlich-gut. Zwei geistreiche Mauen vertragen sich selten-und zwei so verschieden geartete, zumal herrschsüchtige, die keinen Nebenbuhler neben sich äushalten, vermögen auf die Dauer nrcht miteinander aüszukommen. Aber selbst wenn sie mit Rahel wirklich befreundet gewesen wäre, was sie nicht war, so hätte sie m den Kreisen der berühmten Schriftstellerin wenige Juden angetroffen. Im eigenen Hause dagegen gestattete sie jüngeren - jüdischen Dichtern und Schriftstellern Zugang. Am Ende der dreißiger.und am Anfang der vierziger Jahre waren die damals -jungen Schriftsteller Max Ring und H. B. Oppenheim viel bei ihr. Der erstere weiß von diesem Verkehr in seinen „Erinnerungen" zu berichten, H. B. Oppenheim hat mündlich gern von den anregenden Plauderstunden gesprochen. Auch.Moritz Veit war nicht bloß als Verleger in regem Umgang mit Bettine, er hat in seinen Briefen an Michael Sachs und in manchen anderen Schriftstücken ein Bild der genialen Frau gezeichnet und viele wichtige Züge aus ihren Unterhaltungen und der ganzen Art ihres Wesens uns überliefert. Einer dieser jungen Männer, wahrscheinlich Ring, hatte auch 1839 oder 1840 meinen Vater in diesen Kreis eingeführt. Mein Vater erzählte gern davon, ich glaube aber nicht, daß es sich bei dieser Einführung darum handelte, Bettinens Fürsprache bei seinen Streitigkeiten über das Bürgerrecht zu erlangen. Soweit ich mich erinnere, begnügte er sich von der ungemeinen Lebhaftigkeit und den geistsprühenden Einfällen der merkwürdigen Frau zu erzählen, verfehlte aber nicht lächelnd hinzuzufügen, daß sie ihn in einem etwas sehr freien Neglige -empfing und nicht stehend oder sitzend, sondern auf dem Sofa liegend, und zwar dem Besucher die Seite zukehrend, die man sonst nicht präsentiert. Es wäre denkbar, daß Bettinens Teilnahme für Juden und jüdische Dinge gerade in jener Zeit durch ihre jüdischen Besucher neu geweckt wurde, es läßt sich wenigstens denken, daß jene nicht verfehlt haben werden, die einflußreiche Frau auf die Besorgnisse hinzuweisen, die die Juden gerade in den ersten Jahren der Regierung Friedrich Wilhelms IV. von Preußen empfanden. Nicht lange nach der Thronbesteigung des genannten Königs nämlich, der die liberalen Anwandlungen seiner allerersten Zeit bald genug abgelegt hatte, verbreitete sich die Befürchtung, daß eine Neuordnung der jüdischen Verhältnisse geschehen sollte, die, ohne gerade das Gesetz von 1812 aufzuheben, doch bestimmt war, vielerlei Beschränkungen einzuführen, wie sie schon der Entwurf des Jahres 1833 angedeutet hatte. Im Jahre 1842 war man insbesondere besorgt wegen zweier, recht eigentlich vom Könige selbst ausgehender Ideen: der Zusammenschließung der Juden in Korporationen und der Aushebung der allgemeinen Militärpflicht. Jüdische Schriftsteller griffen zur Feder, die jüdischen Gemeinden — Berlin voran, richteten Petitionen an den König und die Minister, Diese eifrige Tätigkeit hatte zunächst zur Folgen daßMie-Minister die Gemeinden beruhigten: die Bildungvom: Korporationen würde den Juden eine größere Selbständigkeit und Autorität einräumen, die Aufhebung der Militärpflicht würde die einzelnen nicht hindern, freiwillig,sich zum Dienste im Heere zu melden. Die beiden Bestimmungen, die man so sehr gefürchtet hatte, wurden damals nicht erlassen. Nun erschien im Jahre 1843 Bettine v. Arnims sogenanntes „Königsbuch", dessen genauer Titel lautet: „Dies Buch gehört dem „ .. Bettine stand dem König-nahe, sie hatte schon gesucht, den * Kronprinzen für sich zu gewinnen und war eifrig bemüht, den König zu liberalen Maßregeln zu veranlassen, vor reaktionären. zu warnen. (Ich habe alle diese Verhältnisse in. meinem Buche „Bettine v. Arnim und Friedrich Wilhelm IV." Ungedruckte Briefe und Aktenstücke herausgegeben und -erläutert, Frankfurt a\ M. 1902 auseinandergefetzt.) Es kann nicht Zweck dieser Zeilen sein, auf die Bedeutung und den eigenartigen Inhalt dieses Buches hinzuweisen, um so weniger als dies in einer eben erschienenen Schrift von Wilhelm Frels „Bettina v. Arnims Königsbuch^ ein Beitrag zur Geschichte ihres Lebens und ihrer Zeit, Schwerin i. Meckl. 1912" ausreichend geschieht. Wohl aber verdiente eine Stelle aus diesem Buche eine Mitteilung, da sie sich auf" die Juden bezieht und den vorurteilslosen Geist Bettinens deutlich bekundet. Die Stelle lautet: „Die immer höher sich bildende Zensuredikte, die Anstrengungen gegen Sittenlosigkeit, die eifrigeren Forschungen über Gott und Satan, die brillanten Erlasse gegen die Juden . . . das erhält den hitzigsten Wetteifer der Nachahmung von Sparta, Athen und Korinth." Ich will diese Stelle mit keinem Kommentar beschweren; nur ein kleines Nachwort sei gestattet. Ich wurde auf; den Passus hingewiesen durch die eben erwähnte Schrift-von Frels. Nun sollte man denken, dast dieser sorgsame und wohlunterrichtete Schriftsteller bei Erwähnung der Judenangelegenheiten auf eine Arbeit hinwiese, die diese Angelegenheit gründlich behandelt, etwa auf meine Geschichte der Juden Berlins oder aus meine Biographie Abraham Geigers oder auf Martin Philippsons Geschichte des jüdischen Volkes. Weit gefehlt. Der Verfasser unserer Schrift schöpft seine Kenntnisse aus Varnhagen, aus L. v. Gerlachs Memoiren, aus der „Augsburger Allgemeinen Zeitung". Das ist immer wieder dieselbe Ignorierung jüdischer Arbeiten, gegen die zu kämpfen wir nicht müde werden dürfen. Was von Juden herrührt, was über Juden von jüdischer Seite geschrieben wird, das existiert für die sogenannte christliche Wissenschaft nicht. Es ist traurig, daß dem so ist, um so trauriger, wenn solche Mängel in einer sonst tüchtigen Arbeit Vorkommen. Drei Denkmäler jüdischer Geschichte. Von Dr. Karl Werth eim, Nürnberg. er Prophet Habakuk gebraucht einmal das Bild von Steinen, „die aus der Wand schreien." Ohne jede Metapher läßt sich, dieser Ausdruck anwenden auf Mauersteine mit Inschriften, namentlich wenn sie direkt oder indirekt Zeugnis ablegen von Verfolgungen und Mißhandlungen. Solche indirekte Zeugnisse sind die jüdischen Grabsteine, die man nicht selten in den Wänden von Häusern antrifft an Orten, die in alter Zeit jüdische Gemeinden beherbergten. Nach der üblichen Austreibung aus diesen älteren Wohnsitzen bemächtigte man sich nicht nur der Judenhäuser, sondern demolierte auch die Ruhestätte ihrer Toten und verwendete die Grabsteine als Baumaterial. Einen solchen, trotz seines hohen Alters wunderbar erhaltenen Stein zeigt uns die umstehende Abbildung. Die Inschrift lautet in deutscher Uebertragung: näauö rrrbp mö •o-i nn ‘Srw ■ii'T d Tvebtih öTttönb' fi rw i Li D'S&K ton

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