Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229061--68932-3281217- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
532 , 6! 'i-' w i; ■II . (; I beamter, der auf dem Kongreß als Vertreter der „Personal Rigths Association"- (Vereinigung für persönliches Recht) einen Vortrag über „Die Vivisektion an Menschen" hielt, war durchaus von der Notwendigkeit (?) des erwähnten Beschlusses überzeugt und stimmte demselben bei. Ja, er hatte seine Abreise um einen Tag verzögert, damit bei der -Abstimmung auch die Stimme eines Juden zur Geltung käme- Er hatte sich auch zum Wort gemeldet, wobei er erklärte, .daß das Schächten seinerzeit, als es von den Juden als Schlachtart ausgenommen wurde, wohl eine Besserung darstellte. ' Den Juden wäre als unbrauchbar zu ihrer Nahrung ' das Fleisch verwundeter Tiere verboten. Solches Fleisch wurde als trese — zerrissen erklärt. Mithin sei Ane Verwundung der Tiere vor dem Töten verhindert worden, was im Gegensatz zu den rauhen 'Gewohnheiten jener Zeit sich wohltuend abgehoben habe. „Jetzt^ aber sei durch Anwendung der raschen Betäubungsarten.solch ein Fortschritt im Schlachtwesen, daß man am Schächten nicht mehr festhalten dürse." Nun wird aus London folgender interessanter Fall mitgeteilt: Der hiesige Tierschutzverein hat in der letzten Zeit eine lebhafte Agitation gegen das rituelle Schächten entfaltet. Es entspricht' aber ganz dem praktischen Wesen der Engländer, daß sie es nicht'!beim theoretischen Kampfe bewenden ließen, sondern vergleichende Studien über die verschiedenen Schächtmethoden Vornahmen. .Vorige Woche wurde nun die Vorführung der verschiedenen Schächtmethöden im Londoner Schlachthause in Gegenwart eines großen Publikums vorgenommen. Auch die Vertreter der jüdischen Gemeinde wurden hierzu eingeladen. Es ist nun interessant, daß sämtliche Methoden, welche die vorherige Betäubung des zu schlachtenden Viehes bezwecken, vollständig versagt haben, und selbst die eifrigsten Mitglieder des Tierschutzvereines mußten konstatieren, daß das Vieh bei diesen Methoden viel länger und viel größere Schmerzen leidet, als bei der jüdischen rituellen S ch l a ch t m e th o d e. Ein Vorstandsmitglied des Verbandes der englischen Tierschutzvereine sah sich denn auch veranlaßt, einem Vertreter der jüdischen Gemeinde gegenüber öffentlich die Bemerkung zu machen: Die jüdische Schlachtmethode hat die Probe siegreich bestanden. Das wird nun der ganzen Hetzkampagne gegen das rituelle Schächten in diesem Lande ein unrühmliches Ende bereiten. Hoffentlich hat der obengenannte Herr I. H. Levy der Vorführung der verschiedenen Schlachtmethoden beigewohnt und ist nun in bezug auf die jüdische Schächtvorschrist eines Besseren belehrt worden. Wie der Belgrader Korrespondent des Londoner „Standard" seinem Blatte mitteilt, hat sich in der serbischen Hauptstadt ein aus 900 Mitgliedern bestehendes jüdisches Freiwilligenkorps gebildet und ist gegen die türkische Grenze marschiert. Diese Freiwilligen rekrutieren sich aus Juden, die : noch nicht oder nicht mehr zum Militärdienst im Kriege herangezogen werden konnten. Ist es schon mit der Unisormierung der serbischen Kriegsarmee schlecht bestellt, so macht dieses jüdische Freiwilligenkorps einen sehr tiefen Eindruck. Ohne jede Militäruniform, bloß mit einer Schärpe in den serbischen Nationalsarben gekennzeichnet, viele von ihnen in der typischen jüdischen Kleidung, gruppierten sie sich auf dem Hauptplatze von Belgrad und zogen unter großen Ovationen seitens , der heimischen Bevölkerung aus der Stadt in den Krieg. Die serbischen Blätter feiern diesen patriotischen Heldenmut und die Opferwilligkeit der Juden in langen Artikeln, ■jfr Aus Petersburg wird der „Oesterreichischen Wochenschrift" berichtet: Vor einigen Tagen fand hier die Generalversammlung der Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und der Landwirtschaft unter den Juden Rußlands statt. Großes Interesse erweckte ein Referat des Schriftstellers Bruzkus über die nächsten Ziele und Ausgaben der Gesellschaft, hauptsächlich auf dem Gebiete der Verbreitung . landwirtschaftlicher Tätigkeit * unter den Juden. Aus Grund amtlicher -statistischer Ausweise stellte Bruzkus fest, 'daß es '.kn" Rußland nicht weniger als rund 80 000' Juden gibt/'die 'sich ausschließlich' mit der. Bearbeitungdes Bodens als Lehensberus beschäftigen. In dieser -'Zifferist nicht die große-Zahl.-der Juden, inbegriffen^ welchesich in Bessarabien mit Tabakkultur .befassen unddie ganze hierzu nötige Feldarbeit selbst /besorgen.. Ueber-ies finden sich/viele Juden, in . Gärtnereien, hauptsächlich in den Gouvernements Grodno, Mohilew, Minsk, Kownö und in Polen.'In den Gouvernements Minsk und Grodno versorgen die Juden 'die Gärtnerarbeit sogar für die Bauern. ' Aus Grund der Erfahrung in der Vergangenheit kommt , nun Bruzkus zu dem. Schluffe, daß -den Juden für Feldarbeiten 'sowohl als auch für Gärtnerei in Rußland selbst im abgegrenzten Ansiedlungsgebiete noch ein ziemlich breites Gebiet ofsenstehe. Seiner Meinung nach müßten in dieser Richtung behufs Erschließung, neuer Gebiete'Versuche gemacht und auch bei der Förderung der Handwerke besonderes Gewicht auf diejenigen Gewerbe und Kleinindustrien gelegt werden, welche mit der Landwirtschaft' im Zusammenhänge stehen. Die Generalversammlung hat den mit großem Beifalle aufgenommenen Anträgen des Referenten zügestimmt und beschlössen, sie in kürzester Zeit in die Tat umzusetzen. Aus Konstantinopel wird gemeldet: ... Jü den nächsten Tagen wird hier unter dem Titel „Gedanken über -dgs Judentum" ein Buch erscheinen, das sowohl wegen seines. Autors, als auch wegen seines-Inhaltes das Interesse der Oesfentlichkeit in Anspruch nehmen wird. Es ist dies ein Werk des vor einiger Zeit verstorbenen griechischen Prälaten aus Zante, Monsignore Dionys Latta.Dieser auch von seinen Gläubigen nahezu vergötterte Geistliche war einer der nicht/allzuvielen liberalen und hochherzigen griechischen geistlichen Würdenträger, die inmitten des gerade unter den Griechen wütenden Judenhasses den Mut fanden, in Artikeln und Kanzelreden in objektiver. Weise das Wesen des Judentums zu beleuchten und aus seine/ Verdienste um die Entwicklung des menschlichen Geistes hinzNweisen. Die „Gedanken über das Judentum" sind eben eine posthume Sammlung jener Artikel und Reden, die schon zur Zeit, dasie geschrieben und gesprochen wurden, allgemeines Aufsehen-erregt und tiefen-Eindruck gemacht haben. Die Drucklegung dieser Sammlung, wurde von der Familie des Verstorbenen, die gleichfalls im'Geiste ihres würdigen Familienhauptes lebt, veranlaßt. Sie' wird jedenfalls einen wertvollen Beitrag zur Apologetik des Judentums bilden. lgettMt uMrnim und das geplante Iudengeletz van 1842. Von L u >d w i g G e i g e r. ^ettine v. Arnim war bekanntlich eine Gönnerin der Juden, obgleich sie den stteng antisemitischen Achim v. Arnim zum Gatten und einen womöglich noch schlimmeren Antisemiten Clemens Brentano zum Bruder hatte. Sie hat zum Beispiel in ihrem Briefroman „Die Günderrode" ein ' sehr hübsches Bildchen eines alten Handelsjuden gezeichnet und in ihrem „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" Goethe, wiewohl vergeblich, zur Anerkennung der Juden, besonders ihres Kampfes gegen die von dem Frankfurter Senate geplante „neue Stättigkeit" (1808) zu bewegen gesucht. (Von diesen ihren Bemühungen und dem Widerstande Goethes, zugleich aber von dem Interesse, Bas der Meister den verschiedenen, ihm durch Bettine MDeschickten Schriften widmete, habe ich vor einigen Jahren in diesen Blättern gehandelt.) Diesen ihren Philosemitismus bezeugte sie aber nicht nur in ihrem literarischen Wirken, sondern auch in persönlichem Verkehr und in ihren mehr praktischen Arbeiten. Was jenen betrifft, so darf man freilich nicht sagen, daß sie ausschließlich oder auch nur vorzugsweise sich Juden zum Umgänge wählte. Sie lebte in der Aristokratie, im 'Verkehr mit Künstlern und Gelehrten; in der ersten waren die Juden gar nicht, in der zweiten zu jener Zeit, nicht übermäßig vertreten. Mit der Frau, die, wenn sie auch schließlich zum Christentum überging, doch als bedeutendste Jüdin: der ganzen