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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-01 · Heft 44 (1.11.1912) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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dein Manne nachstreben zu wollen, der jahrzehntelang.— gleichmäßig ■ entfernt vxm romantischer und ideologischer Geschichtsauffassung — nur bemüht war, zu sagen, was ist. — Den Ausführungen folgte lebhafter Beifall. L2 Berlin, 29. Oktober. Am 2. November feiert der Geheime S ani tätsrat D r. I. Boaseinen 80. Geburtstag. Als Arzt wie als Mensch genießt er die Hochachtung und Wertschätzung aller feiner Kollegen und Patienten. Er ist Ehrenmitglied der Medizinischen Gesellschaft, zu deren Begründern er gehört. An der sozialen Fürsorge und an den Werken der Wohltätigkeit nimmt er hervorragenden Anteil. Er gehört den Vorständen mehrerer Fürsorge- und Wohltätigkeitsvereine an. Besonders verdient seine Tätigkeit als Vorsitzender des Vereins „Freunde der Taubstummen — Jedide Jlmim" hervorgehoüen zu werden. Mit liebevollem, opferfreudigem Herzen, mit Hingabe seiner ganzen Persönlichkeit weiß er jederzeit das Beste des Vereins zu erstreben und zu erreichen zum Wohle der von der Natur stiefmütterlich behandelten armen taubstummen Kinder. Die jugendliche Begeisterung, die ihn beseelt, verleiht ihm die Kraft, seine Aufgaben so zu lösen, als hätte er eben die Fünfziger überschritten. Vor wenigen Monaten war es ihm vergönnt, in stiller Zurückgezogenheit und Bescheidenheit seine goldene Hochzeit an der Seite seiner liebenswürdigen'verehrten Gattin und umgeben von Kindern und Kindeskindern zu feiern. Möge es dem edlen Manne vergönnt sein, noch viele Jahre zum Wohle der Gesamtheit zu wirken! L. P. Berlin, 25. Oktober. In der üblichen Weise fand am vergangenen Sonntag die Eröffnung des neuen Studienfemesters des 3t a b b i n e r s e m i n a r 3, das jetzt in düs 40. Jahr seines Bestehens eintritt, statt. In einer wirkungsvollen Ansprache wandte sich der Rektor, Herr Dr. D. H o s f m a n n, an die Schüler der Anstalt und legte ihnen, an geeignete Bibel- und Talmudsprüche anknüpfend,' in eindringlichen Worten die Pflichten ans Herz, die ihnen aus ihrer Zugehörigkeit zum Seminar erwüchsen. Vor allem müsse dieses volle Hingabe zu den von ihr gelehrten Disziplinen verlangen' denn trotz der gleichzeitigen Studien an der Universität bleibe es doch oberste Pflicht jedes Räbbinatskandidaten, sich bewußt zu bleiben, daß ihnen als Zukünftigen geistigen und geistlichen Leitern der Gemeinden ein möglichst gediegenes und umfassendes Wissen im Talmud und den Deziforen zu eigen sein müsse. Ganz besonders gelte diese Mahnung den neu eingetretenen Hörern, deren Anzahl stattlicher als in den letzten Semestern sei. Als erfreuliches Zeichen fei es auch zu betrachten, daß von den'acht neueingetretenen ordentlichen und außerordentilchen Hörern sechs aus Deutschland seien. Auch sonst hat sich der Kreis von Wohltätern erweitert. Eine große Reihe neuer Mitglieder ist beigetreten, Spenden sind in nicht unbeträchtlicher Höhe eingegangen. Außer der Stiftung, die von den Erben des verstorbenen Herrn Kommerzienrats Benjamin Hirsch (in Höhe von 12 000 SJtavt) errichtet worden war, ist neuerdings eine solche von Herrn und Frau Joses Granat hinzugekommen, die zirka 13 000 Mark spendeten, damit die Zinsen für Stipendienzwecke verwendet werden; auch der altbewährte Gönner der Anstalt, Herr Max-Jas sa, hat sein lebhaftes Interesse für diese von neuem bewiesen, indem er die kostbare Talmudausgabe von Strack der Bibliothek überwies und für eine zu errichtende mensu einen namhaften Jahresbeitrag stiftete. Durch letztwillige. Verfügung sind dem Institute 2000 Mark von Herrn Jacob Mosbach er in Frankfurt am Main zugefallen. — So kann das Rabbinerseminar, von allseitigem Vertrauen getragen, sein vierzigstes Lebensjahr beginnen, um seine verantwortungsreiche, aber auch erfolggesegnete Tätigkeit svrtzusetzen. W. Ans der Provinz Posen, im Oktober. Miloslaw. Bei den Regierungsbehörden besteht die Absicht, die hiesige jüdische Volksschule, .deren Schülerbestand in den letzten Jahren rapide zurückgegangen ist, völlig aufzulösen. Der seit etwa drei Jahren hier amtierende Lehrer Isaak hat eine Versetzung nach Obornik zum 1. Oktober d. I. erhalten. Die vakante Stelle ist zu neuer Besetzung bisher noch nicht . ausgeschrieben worden. Gegen die Auflösung der Schule will die Gemeinde mit allen verfügbaren Mitteln protestieren, da die momentane geringe Schülerzahl nur eine vorübergehende Erscheinung bedeutet und der vorhandene Nachwuchs die Gewähr, dafür bietet, daß der Schülerbestand in den nächsten Jahren wachsen muß. Die erst spät bekanntgewordene Absicht der Regierung hat eine große Verstimmung iw^der jüdischen Gemeinde hervorgerujen, hauptsächlich deshalb, weil die Schulaufsichtsbehörde, der der Plan bereits längere Zeit bekannt sein mußte, nichts getan hat, um die Gemeindevertretung rechtzeitig von dieser Absicht zu unterrichten — Stenschewo. Die verwitwete Frau Pauline Warschauer ist im 98. Lebensjahre, am Jam Kippur, gestorben. Die Dahingcschiedene, eine wahrhaft fromme Jüdin, beobachtete streng die Lehren unserer Religion unb war auch wegen ihres biederen Charakters bei Juden und Christen gleich geschätzt und geachtet. Bei der Beerdigung waren alle Schichten der Bevölkerung vertreten. — Miloslaw. Rentier Hermann Kaphan Hierselbst starb nach vollendetem 88. Lebensjahre. Die Bürgerschaft erwies dem Verstorbenen durch eine starke Beteiligung bei der Beerdigung die letzte Ehre. — Bromberg. Durch das Hinscheiden des Rentiers S. Pulverma ch e r verliert die Stadt einen ehrbaren Bürger und die israelitische Gemeinde ein bewährtes Mitglied. Der Verstorbene erreichte ein Greisenalter von 90 Jahren. — Hvhensalza. Einen schweren Verlust hat die jüdische Gemeinde durch den Tod des Herrn Moritz H e i l s r o n erlitten. Bei der Beerdigung zeigte sich, in welch hohem Ansehen der Verstorbene bei allen gestanden. Die Beteiligung war eine sehr rege. V. Nettstettin, 27. Oktober. Durch den Tod des Rentners Gustav Heide m a n n wurde die Erinnerung an den Neustettiner Tempelbrandprozeß' noch einmal wachgerufen. Der Verstorbene wurde seinerzeit mit seinem Vater und drei anderen Gemeindemitgliedern angeklagt, den hiesigen Tempel in Brand gesetzt zu haben und vom Schwurgericht Köslin auch deshalb verurteilt. Auf die eingelegte Revision hin wurde die Sache an das Schwurgericht Könitz verwiesen, welches nach fünftägiger Verhandlung sämtliche Angeklagte sreisprach. Herr H e i d e m a n n, der sich hier allgemeiner Beliebtheit erfreute, gehörte mehr als 30 Jahre dem Repräsentantenkollegium, während der letzten Jahre dem Vorstand der hiesigen Gemeinde an. Die Beerdigung fand unter großer Beteiligung just an demselben Tage statt, an welchem vor 29 Jahren der Prozeß erstmalig endete. 2X2 Leipzig, 28. Oktober. Die Verwaltung der hiesigen isralitischen Religionsgemeinde habe es bedauerlicherweise unterlassen (?), den religiösen Bedürfnissen ihrer zahlreichen orthodoxen Mitglieder Rechnung zu tragen. Da die Opfer, welche dieselben für Unterhaltung der Synagoge Und der anderen Institutionen aus privaten Mitteln auszubringen haben, jährlich sehr bedeutend sind, sieht sich eine Anzahl Gemeinde-Orthodoxer gezwungen, aus der israelitischen Religionsgemeinde auszutreten. Hoffentlich gelingt es der Gemeinde, durch ihr Entgegenkommen den Frieden ausrecht zu erhalten. — Ferner, erstreben die nicht reichsdeutschen Gemeindemitglieder, welche hier ein Viertel der Gemeindesteuern ausbringen, mindestens das aktive Wahlrecht zu erhalten, wie dies in allen deutschen Gemeinden der Fall ist.' 2X2 Dessau, 27. Oktober. Die neue Schulordnung der anhaltischen staatlichen höheren Lehranstalten enthält folgende für den Schulbesuch der jüdischen und katholischen Schüler wahrhaft tolerante Bestimmungen: „Schüler katholischen oder mosaischen Glaubens sind zur Teilnahme am evangelischen Religionsunterrichte sowie an Schulsestlichkeiten religiösen Charakters nicht verpflichtet. An den festgesetzten katholischen und jüdischen Feiertagen sind sie von dem Besuche des Unterrichts ohne besonderen Antrag befreit, falls nicht der Vater oder sonstige Erziehungsberechtigte ausdrücklich einen gegenteiligen Wunsch äußern. In den Schulzeugnissen wird dieses Fehlen nicht als „Schulversäumnis" vermerkt." X. Steele, 27. Oktobers - Vor einiger Zeit gingen Nachrichten durch die jüdischen Blätter , über den Versuch, galizische Juden im oberschlesischen Kohlenrevier als Arbeiter anzusiedeln. Der Versuch konnte kaum als gelungen bezeichnet werden. Um so mehr dürfte es die Öffentlichkeit interessieren, daß hier im Westen, im Bezirk des Ruhrkohlengebietes, Juden in großer Zahl als Bergarbeiter oder Tagesarbeiter aus den Zechen tätig sind. Diese Juden kommen ausschließlich aus Holland, besonders aus Amsterdam, wo durch die Anhäufung von ärmeren Juden sich wenig Arbeitsgelegenheit bietet. Sie finden auf den Zechen in der Umgebung von Essen und Dortmund lohnende Beschäftigung und sind von den Zechenverwaltungen wegen ihrer Zuverlässigkeit und ihres Fleißes gern gesehene Arbeiter. Es sind dem Schreiber dieser Zeilen mehrere Fälle bekannt, in denen Juden als Lampenmeister oder Werkführer in den Brikettfabriken tätig sind. Die Eingewanderten lassen bald nach ihrer Einstellung in den Betrieb ihre Familien Nachkommen, die sich dann in Deutsch-

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