Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Zwanzig Meter breiten Abschnittes des alten Friedhofes in der Großen Hamburger Straße in der Länge des jetzigen Schulhofes der Knabenschule als SPielhof für deren ältere Schüler zu gestatten. Herr Emil P i n c u s gab seinem Bedauern Ausdruck, daß bei diesem Anträge nur der Vorsitzende, aber nicht der Vorstand der Altersversorgungsanstalt befragt worden sei, dg. die Insassen der Altersversorgungsanstalt durch eine solche Maßnahme geschädigt werden. Von anderer Seite, insbesondere von Herrn Geheimrat Bst u m e n t h a l, werden Pietäts- und praktische Bedenken geltend gemacht, -obwohl nach einem Gutachten von Professor Maybaum solche Pietätsbedenken nicht vorliegen. Auch Justizrat C o h n kann solche Bedenken nicht anerkennen. Vom Vorstandstische geben die Herren Dr. Feilchenfeld und Justizrat Lilienthal eingehende Erläuterungen, um die vorgebrachten Bedenken zu zerstreuen. Auch Professor Kalischer wendet sich gegen die Pietätseinwendungen, die er als unbegründet betrachten möchte. Dennoch stimme er für Vertagung, weil solche Bedenken hier geäußert worden sind, die man prüfen müsse. Es -sprechen noch die Herren Professor B l a s ch k e für Vertagung, desgleichen . Herr Willibald L o e w e n t h a l und Geheimrat B l u m e n t h a l. Schließlich wurde die' ganze Vorlage vertagt und an den Ausschuß HI zurückverwiesen. — Ein Nachtrag z-um.Haushaltsetat, der in Ausgabe und Einnahme mit 419 017,91 Mark abschließt, wurde debattelos genehmigt. — Der öffentlichen Sitzung folgte noch eine geheime, aus deren Tagesordnung neben andereil Personalien auch die Wahl eines Rabbiners stand. B. T«. Berlin, 29. Oktober. Der Verein zur A b w e h r des Antisemitis m u s hielt gestern äbend in der Kleiftstraße 10 seine diesjährige Generalversammlung ab. In einer kurzen Ansprache gedachte der Vorsitzende, Abgeordneter Gothein, der Tätigkeit des Vereins im verflossenen Jahre, die in erster Linie durch die Reichstagswahlen bestimmt worden sei. Der hierbei geführte Kampf gegen den Antisemitismus sei erfolgreich gewesen, denn die bei der Wahl abgegebenen Stimmen für die drei antisemitischen Gruppen seien von 248 500 Stimmen bei der Vorwahl aus 174 600 Stimmen gefallen, also um etwa 30 Prozent. Gleichwohl aber dürfe der Verein in seinem Streben nicht erlahmen, denn die Konservativen seien nichts weiter als eine Abart des Antisemitismus. Es gelte, den jüdischen Staatsbürgern die volle Gleichberechtigung mit allen Deutschen, namentlich hinsichtlich der Besetzung von Offiziersstellen und der Zulassung zu hohen Verwaltungsämtern, zu erringen. (Beifall.) Der nächste Redner war Dekan Holder mann. Rütteln, der das Thema: „Christliche Volkskultur und Antisemitismus" behandelte. Er kam dabei zu dem Ergebnis, daß es Aufgabe der christlichen Erziehung und der christlichen Volkskultur sei, immer wieder daraus hinzuweisen, daß der Rassenkampf des Antisemitismus etwas Unchristliches sei. Hier habe besonders die Kirche die Pflicht, die Religion der Liebe zu lehren. (Beifall.) Reichstagsabgeordneter Dr. Haas, Karlsruhe, sprach über „Deutschtum und Jude n t u m ". Er erteilte den Zionisten eine glatte Absage, weil diese Richtung sich auf den Standpunkt stelle, daß die Gegensätze zwischen Juden und Christen unüberbrückbar seien. In markigen Worten wies Redner nach, daß die deutschen Juden ein historisch gewordener Bevölkerungsbestandteil der deutschen Kultur seien. Eine jt'ldische Nationalität gäbe es hier nicht. Deutsche Sprache, Literatur und Wissenschaft, ja die ganze deutsche Kultur sei für die deutschen Juden die Grundlage ihres Denkens. Den Willen, bedingungslos zur deutschen Nation zu gehören, hätten sie ja auch im Kriege und in friedlicher Arbeit genugsam bekundet. Erfreulich sei, daß dieses Volk bei dem schweren Druck, der jahrhundertelang aus ihm gelastet, sich seine religiöse Uebeczeugung und seinen Charakter bewährt habe. (Lebhafter Beifall.) y. Berlin, 29. Oktober. Der Ausschuß des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" nahm am 23. d. M. Anlaß, fein Mitglied, Herrn Dr. Georg Minden, zur 26. Wiederkehr des Tages, an dem er vor einem Vierteljahrhundert in den Ausschuß gewählt wurde, zu beglückwünschen. Eine von dem jetzigen ersten Vorsitzenden, Herrn Professor Dr. Kali scher, und dem Ehrenvorsitzenden, Herrn Professor Dr. Philippson, geführte Deputation überreichte dem Jubilar eine A d r e s s e, in welcher seiner Verdienste als Organisator und langjähriger Leiter der Gemeinde-Unterstützungskommission und der Lehrabteilung, als Verfasser der Statuten für die Provinzialverbände, ferner seiner Mitwirkung bei Begründung des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschem Reiche und seiner Anregung für „ die Fürsorgeerziehung gedacht wurde. Herr Professor Kalischer hob in seiner Ansprache hervor, daß er es als ein gutes Omen betrachte, seine Amtstätigkeit mit einer so angenehmen Amtshandlung beginnen zu können. Herr Dr. Minden erinnerte in seiner Antwort an die Zeit seines Eintritts in den Ausschuß, als dieser in einer bescheidenen drei Treppen hoch auf dem Hofe, des Kristellerschen Hauses in der Siegismundstraße belegenen Stube tagte und seine Sitzungen unter Vorsitz.des Geheimrats Samuel Kxisteller bis spät in die Nacht, manchmal, bis morgens 4 Uhr, ausdehnte. Von den sämtlichen damaligen Ausschutzmitgliedern seien nur der ehrwürdige Josephsthal, Nürnberg, und er selbst noch am Leben. Das Ziel, das dem Gemeindebunde vorschwebte, eine f e st e Organisation der deutschen Juden zu bilden, sei zwar nicht in dem Grade erreicht worden, wie es damals angestrebt wurde. Aber auch die lose Organisation habe viel Gutes geschaffen. Trotz der scharfen Gegensätze, die im D. I. G. B. zutage treten, werde der Bund auch in Zukunft segensreich wirken. Selbstverständlich ließen sich der Jubilar und dessen gastfreundliche Gattin es nicht nehmen, die Deputation, die außer aus dein Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden noch aus Herrn Geheimrat Boas, aus beu Herren Professoren Schäfer, Dr. Türk, Emil Cohn und Generalsekretär Dr. Neumaun bestand, festlich zu bewirten. Im Laufe des Essens brachte Herr Geheimrat B o a s in humorvoller Weise ein Hoch aus Frau Direktor Minden, die freundliche Gastgeberin, aus. 22 Berlin, 29. Oktober. Mit Beginn des Wintersemesters wurde an der Lehranstalt für die Wissenschaft des I u d e n t u m s der auf den Namen Ludwig P hilippso n von seinen Söhnen gestiftete Lehrstuhl für jüdische Geschichte eröffnet. Der Inhaber des Lehrstuhls, Herr De. Täübler, Leiter des Gesamtarchivs der deutschen Juden, hielt am 27. Oktober vor einem größeren Publikum seine Antrittsvorlesung. Erschienen waren dazu das Kuratorium der Lehranstalt, die Dozenten, eine Anzahl Gäste und die Hörer. Der Vortragende führte aus: Er habe sich als Gegenstand seiner Vorlesung kein besonderes Thema gewählt, sondern wolle im Zusammenhang mit den von ihm angekündigten Vorlesungen einige propädeutische Fragen besprechen. — Das Ziel, das ec mit seiner Arbeit anstrebe, sei, den Hörern nicht eine Sammlung von. geschichtlichen Notizen in die Hand zu geben, sondern ihnen den organischen Lebensvorgang auszuzeigen, der sich in diesen Notizen äbspiegle; vorzufühcen, wie das Volk aus sich heraus Kräfte entwickelt habe, durch die es zu einem Organismus geworden sei. Wohl können hierbei Bedingungen ganz zufälliger Art mitgewirkt haben, aber -der Einfluß dieser Bedingungen aus das Volk verbinde sie organisch. Die Schwierigkeit einer solchen Darstellung sei freilich nicht, zu verkennen, denn der Lebens-Vorgang sei uns verschleiert. Die Notizen geben ein spärliches Bild, hinter ihnen stehen erst jene Vorgänge. Das Mittel, um sie zu erkennen, sei der. geschichtliche Sinn. Er läßt uns einen ruhigen Blick gewinnen und verhilst zur anschaulichen Erkenntnis. Diese aber müsse stets das Ziel alles Forschens bilden, alles andere sei nur Mittel. — Was nun die Darstellung des Stoffes betreffe, so sei es nötig, Grenzen zu ziehen. Zwar die Sicherung der Mittel dürfe solche Grenzen nicht kennen, wohl aber die Behandlung der - einzelnen Epochen. Habe man nun früher in der allgemeinen Geschichte die verschiedenen Gebiete getrennt dargestellt und sie erst später einheitlich angeschaut, so müsse man von der jüdischen Geschichte sagen, daß deren Darstellung nie ein Ganzes war. Alle Gebiete wurden teilweise behandelt, und die Literatur im Uebermatz. Es sei aber nötig — wenn auch immer im Hinblick auf 'das Ganze —, die Gebiete zu sondern, und die Geschichte des Staatswesens müsse das Rückgrat bilden, weil dieses als. Assoziationsgebilde der Träger aller Erscheinungen sei. Führe man die Religionsgeschichte dagegen an, so verwechsle man Sach- und Wertbestimmung. Dieser Teil der Geschichte dürfe in der Darstellung keineswegs überwiegen. Ueberblicke man freilich die jüdische Geschichte, so zeige sich, daß nur ein Drittel Staatsgeschichte war, und es fragt sich, was nachher zu behandeln sei. Die Antwort könne nurdahingehen, daß man die Auseinandersetzungen zu verfolgen habe, denen das innere Leben unter den neuen Formen unterworfen sei. Hier müsse der leitende Gesichtspunkt der Darstellung liegen, einmal, um die Bedingungen -des neuen Prozesses kennenzu lernen, sodann die Mittel, durch hie er sich vollzieht. —- Der Vortragende schloß mit dem Versprechen,