Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
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gereist, und das Reisen ist für die finanziell nicht zu sehr beengten Menschen so leicht und bequemdaß es kein Jude, der Stammesgefühl und Liebe zu seiner Religion besitzt, versäumen sollte, wenigstens einmal, im Leben das Land seiner. Ahnen aufzusuchen. Namentlich wird es als selbstverständlich erachtet 'werden, daß ein beruflich dem Judentum dienender Rabbiner, der den ganzen Sommer — man kann sagen: während der „kältesten" Jahreszeit — an sein Amt gekettet war, den wohlverdienten Herbsturlaub dazu verwendet, Palästina zu besuchen. Mit den eleganten Dampfern des Norddeutschen Lloyd, die jetzt von Venedig und Neapel nach.Alexandrien verkehren, ist die Reise zugleich eine Erholung und ein Vergnügen. Der Haken, den die Sache für einen Rabbiner hat, ist freilich die Einschränkung der sonst in unglaublicher Fülle gebotenen Verpflegung auf der Reise. Aber auch dafür ist Abhilfe geboten. Unter Aufsicht eines orthodoxen Rabbiners in Deutschland werden koschere Konserven fabriziert, mit welchen die stets entgegenkommende Direktion des Bremer Lloyds (wie übrigens auch die des österreichischen Lloyds in Triest) auf Wunsch der Passagiere ihre Dampfer für die Reise versieht. Ob nun diese Nahrung ein besonderer Genuß ist? Im Talmud gibt es zwei Meinungen darüber, ob man bei Erfüllung eines Gebotes, sagen wir: bei einer ethischen, in sich selbst den Lohn tragenden Handlung einen Genuß suchen darf. Ist dies nicht oder in nur sehr mäßiger Weise gestattet, so ist natürlich auch die Konservenverpflegung vollkommen am Platze. / Da der Dampfer nach Alexandrien Sonntag früh äbging, so verbrachten wir den Sabbat in Venedig. Mein angenehmer Reisegenosse ist der unter den jüngeren Rabbinern in Deutschland als Seefahrer bereits vorteilhaft bekannte (ebenso wie manche Rabbiner der alten Zeit als Fahrer „im Meere des Talmuds"' einen Namen hatten) Dr. Georg Wilde in Magdeburg. Die herrlichste Sonne beleuchtete den Canal gründe, und gerade war es der Sabbat, an dem die Taube in der Arche Noahs mit dem Oelblatt im Schnabel erscheint, als wir die unzähligen Nachkommen dieser ersten. Postbeamtin auf dem märchenhaften Markusplatze promenieren sahen — in der Wunderstadt, die mit ihren aus dem Wasser ragenden Palästen und dem Menschengedränge in den wirren Gäßchen selbst so sehr an die Arche erinnert. Wir besuchten die drei Synagogen, der Spaniolen, der Levantiner, der Italiener. Alle schön ausgestattet. Alamemör an der Westseite, die Thora und der größte Teil des Gebetes wird mit dem Gesicht ins Haus vorgetragen; nur bei den Spaniolen, im schönsten . Gotteshause, ist im Westen die Orgel, und der Vorbeter steht bei der heiligen Lade. Der Besuch ist sehr gering — tout comme cliez nous. „Sie werden sehen," sagte ich zu meinem Neisegefährten, „man wird uns fragen, ob wir Kohen oder Levi sind; da wir dies leider nicht sind, so wird der Tempeldiener mit Verachtung über uns hinweggehen. So war's. Als einfache Israeliten und da wir inkognito gekommen waren, wurden wir nicht zur Thora gerufen. Die Juden .sind, für den Adel, für das Prädikat „von", die Baronie ..oder — im Tenrpel — für die Abstammung vom Priesterstamm.' Tags vorher hatten wir am Lido dm jüdischen Friedhof besucht. Sehr schöne und geschmackvolle. Grabdenkmäler, auch soweit sie aus den letzten Jahren stammen, zumeist mit hebräischen Inschriften geschmückt, legen, Zeugnis ab, daß das Hebräische Lei den Juden in Italien noch immer in Ehren gehalten wird. Von Religiosität ist freilich wenig zu finden. Im Restaurant des Laggaro Fano war es Freitag abend eia Ereignis, das in Erstaunen setzte, als man uns „Kiddusch" machen sah. Das muß seit vielen Jahren dort nicht vorgekommen sein. Dagegen sahen wir dort ein hebräisches. Psalmenbuch, erst vor wenigen Jahren in Livorno schön gedruckt, , und offenbar sehr verbreitet, wo zu den einzelnen Kapiteln in Ueberschriften angegeben ist, wozu sie sich, als probate Mittel eignen: Psalm 2: Gegen Seekrankheit oder Sturmgefahr. Psalm 3: Gegen Kopfschmerzen. Psalm 6: Gegen Zahnschmerzen. . Psalm 16: Um einen Dieb zu finden. Psalm 63: Für geschäftliche Erfolge. Psalm 67: Gegen Fieber. usw. (man denkt unwillkürlich an die Anekdote von den Magenpsalmen). Am 13. Oktober schifften wir uns nach Alexandrien ein. jfrkundlchakt. Skizze von Anna Fried mann-Mandel. I. y j un hört aber endlich auf mit dem Lamentieren! Frguw lein Lotte ist es schon überdrüssig und mir auch!" rief Walter Treuen und blitzte Mutter und Schwester mit seinen dunklen Augen zornig an. Frau Treuen ließ sich aber nicht so leicht aus der Fassung bringen. „Natürlich, das paßt dir nicht. Vorwürfe willst du nicht hören. Aber ein Jahr unnütz das Geld verbrauchen, das paßt dir schon! Ja, das ist modern! Früher haben-sich die jüdischen Studenten durch Stundengeben das Geld verdient oder in der Gehilfenzeit zurückgelegt, um während der Universitätsjahre sorgenlos leben zu können. Aber heute ist das anders. Ach, Fräulein Lotte, mein Mann ist zu schwach. Er gibt immer -wieder. Und meine Reden nutzen ja nichts. Wollen Sie nicht unsere guten Schokoladenkakes versuchen? Erna, bring' mal die Schale herein. Und für mich eine Flasche Selters. Nein, ist das eine Hitze!" Lotte Elsner, ein schlankes, hübsches Mädchen lächelte sein, als die kleine, rundliche Frau sich aufgeregt in einen Sessel warf und mit einem feinen Batisttuche die Schweißtropfen von der Stirn trocknete. Erna, eine große Brünette, die ihrer Mutter sehr ähnlich sah, brachte die-Kakes. „Walter, trinkst du nicht etwas Selters? Und was willst du heute zum Nachtmahl essen?" Walters Lippen zuckten. Er sah Lotte an. Auch sie lächelte. Dann hob er das Glas und ries: „Prosit, Fräulein Lotte!" Sie nickte ihm zu. - , „Wollen Sie nicht etwas versuchen?" Er hielt ihr die Schale, mit Bonbons und Kakes gefüllt, hin. ' Lotte nahm einige Bonbons, und sagte Z)ann: „Leider kann ich nicht länger bleiben, liebe Frau Treuen. Ich muß nach Hause. Erna begleitet mich vielleicht ein wenig. Adieu, Herr Treuen, bessern Sie sich." Sie reichte Walter die Hand. Dabei trafen sich ihre Blicke einen Augenblick. Und es war, als hielte der seine sie fest, als suche er etwas in ihrem-Gesicht. Und unwillkürlich wurde auch der ihre forschend. Dann drückte er die kleine Hand und.sagte: „Ich reise morgen abend ab, Fräulein Lotte. Werden wir uns nicht mehr sehen?" . „Ich glaube kaum," erwiderte sie. Morgen habe ich sehr viel zu tun. Leben Sie wohl!"