Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Verschloß sich ferner nicht der Einsicht, -aß Ludwig August Frankl manche Epitaphien in seine „Inschriften des alten jüdischen Friedhofes" nicht ausgenommen hat, und daß die von ihm aufgenommenen Inschriften wegen ihrer Unvollständigkeit, wegen der willkürlichen Auslassungen, der korrupten Wiedergabe des Textes und der gänzlichen Mißachtung des formalen Prinzips von fraglichem Werte sind. Die historische Kommission hat eine glückliche Wahl getroffen, als sie den schon erwähnten Dr. B. W a ch st e i n mit jener schwierigen Ausgabe betraute, die Professor Kaufmann zugedacht war. Wachstein führt zwingende Beweise dafür ins Treffen, daß die Anfänge des alten Judenfriedhofes in die siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts zu verlegen sind. In der unmittelbar vorhergegangenen Zeit dürften die Juden überhaupt keinen Begräbnisplatz in Wien besessen, vielleicht auch kein dauerndes Wohnrecht ün der Residenz gehabt haben. Wenigstens kann der Judenordnung für die Stadt Wien, die am 18. Mai 1536 gedruckt wurde, nicht entnommen werden, daß in Wien eine jüdische Gemeinschaft mit irgendeinem Schein von Korporätionsrecht existiert habe. Wenn in Wien ein Jude starb, dürfte er meine der nahegelegenen Landgemeinden überführt worden fein. Durchmustert man die Inschriften aus der Zeit der älteren Siedlung, so wird man im ersten Augenblicke kaum erkennen, daß die Menschen, deren Andenken sie gewidmet sind, in einer Art von Ausnahmezustand gelebt haben. Erst eine eindringliche Betrachtung des den führenden Persönlichkeiten gespendeten Lobes verrät uns, daß die ihnen anvertraute Herde eines fortwährenden Schutzes bedürftig war. Auf dem Grabsteine des Meschulam Salman b. Schalom (Auerbach) prangen die Worte: „Ein Lenker und Oberer, ein Mann, der alles Rühmenswerte besaß, in der Lehre ein Licht, war er seiner Zeit ein Führer. Die Gefangenen löste er aus, die Würdigen ehrte er und die Verächtlichen verachtete er." Der Grabstein des David ha-Levi (Horowitz) trägt die Inschrift: „An die Spitze gestellt, war er Israel wie Tau. Er führte die Gemeinde ruhmvoll und scheute keine Opfer an Person und Vermögen, feine Herde zu weiden. Er machte sich mutig auf den Weg, um die öffentlichen Angelegenheiten zu besorgen, Fürsprache einzulegen und Schutz zu erlangen. Ein Panzer, ein Schild, ein Lenker des Schiffes." Auf dem dem 1635 verstorbenen Arzt Juda Göb Maor Katan (Lucerna) gesetzten Grabsteine lesen wir: „Er mehrte die Weisheit und verbreitete sie, war ein Licht für die Erde und ihre Bewohner. Mehr als feine Glaubensgenossen beherrschte er die sieben Künste. Er war ein treuer Hirte, Fürsprecher vor König und Fürsten. Fromme Werke übte er an Armen und Reichen; Recht, Wahrheit und Friede gehörten zu seiner innersten Natur. Er heilte Wunden und Gebrechen, verfaßte Bücher und Schriften. Verwaist ließ er seine Zeit zurück." Als Vorsteher der Judengemeinde unterschrieb er als erster unter den „Misten der ganzen jüdischen Gemain allhier zu Wien" den bei Einräumung der Leopoldstadt ausgestellten Revers: Leo Lucerna Hebräeus aulicus trium facultatum doctor. Schlager, der Verfasser der „Wiener Skizzen", sieht in aulicus den Hofbankier. Der dreifache Doktor war indes wohl hofbefreiter Jude, aber kein Hoffaktor. Er war der würdige Söhn feines im Jahre 1605 verstorbenen Vaters, des Arztes Moses Maor-Katan, dem die Inschrift nachrühmt: „Er war ein treuer Hirte . . . mit ihm starb die Weisheit, und auch das Buch der Heilmittel wurde mit ihm zu Grabe getragen." ' Unter den Unterzeichnern jenes Reverses figuriert auch Moses b. Gerson Cohen-Raga, dessen offizieller Name in Urkunden Moses Jeremias Gerstl lautet. Als solcher zeichnet er auch als Vorsteher und Vertrauensmann ' der Wiener Judenschaft am 2. November 1614 die' rechtmäßige Steuerverteilung unter seinen Glaubensgenossen. Ein Sohn dieses Vorstehers und Gelehrten ist Jechiel Port Rapa-Cohen, der unmittelbar vor der Vertreibung der Juden aus Wien die Bittbriefe an Teixeira, den Residenten der Königin Christine, und an die jüdische. Gemeinde in Venedig mitunterfertigt. Ein weiterer Unterzeichner des Reverses ist der 1637 verstorbene Abraham Oettingen, der durch feine Handelsbeziehungen, fein großmütiges Mäzenatentum und als Stammvater einer vielverästelten Rabbiner- und Autorenfamilie, die sich in ihren Ausläufern über Böhmen, Mähren, Galizien und Rußland erstreckt, eine über die Grenzen Wiens weit hinausreichende Rolle gespielt hat.' Sein offizieller Name ist Abr. Rieß. Ein einziges Mal wird auch einer Frau, der 1662 verstorbenen Gattin des Jsaschar Beer, Tochter des Märtyrers Zachäria aus Eisenstadt, nachgesagt, daß sie bei der Obrigkeit ihr gewichtiges Wort für'die einzelnen, wie für ganze Gemeinden einlegte. Ihr Sohn Zacharia muß ein Mann von nicht geringer Bedeutung gewesen fein, denn er ist einer von den wenigen, die von der geplanten Vertreibung im Jahre 1614 nicht bedroht waren. Von dem idealen Geiste feiner Zeit erfüllt, hat er eine Synagoge und ein Lehrhaus errichtet, um feine Glaubensgenossen moralisch und intellektuell zu heben. Schudt teilt iy seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" mit: „Mit gemeldter Judenschul zu Wien hat es diese merkwürdige Beschaffenheit gehabt, daß sie sonderlich zu eiseriger Erlernung des Talmuds gestifftet worden, dann, weil unter den Juden das Talmudische Studium so negligiret wird, daß auch wohl solche zu Rabbinen declariret werden, die kaum einen einzigen Talmudischen Tractat gelesen, sonderlich unter dey Jtaliänischen, Portugiesischen und Deutschen Juden, dann die Pohlnische gar eiferig sich auf Erlernung des Talmuds legen." 24 Schüler wurden auf Zacharias Kosten erhalten. Seine Stiftung war aber nicht von Dauer, denn, wie unser Gewährsmann berichtet, „an die Stelle des Talmuds ist das Neue Testament gekommen, indem Kayserliche Majestät erzehlter maßen eine Christliche Kirche daraus gemacht hat." (Schluß folgt) Duk dem Megr nach Irrulslrm. Reisebrief von Rabbiner Dr. A r m a n d K ä m i n k ä. ' . x ■ - - An Bord des Dampfers „Schleswig" (Venedig-Alexandria) 15. Oktober 4912. Satten Und Hungrigen gedenken Jerusalems: im Tischgebete wird dessen Wiedererbauung erfleht und am Schlüsse des großen Fasttages bedeutet die Erinnerung Jerusalems, von -Posaunenschall begleitet, das Ende der Kasteiung. Morgens, nachmittags und abends wenden alle Gemeinden Israels, in Ost und West, in Süd und Nord, ihr Gesicht den fernen heiligen Stätten zu, wo ihre ruhmreichen Vorfahren gewandelt; wo die fortgeschrittensten, sozialen Gedanken und ethischen Forderungen der Menschheit ihren vollendeten, für ewige Zeiten gültigen Ausdruck in prophetischen Reden fanden; wo die ganze Skala menschlicher Lyrik, „tonte la lyre", ein für allemal im Psalmenbuche erklungen ist. Von den vier Strömen, die aus dem Garten Eden fließen, umrauscht der erste Strom das Land „Chawilä". Chawila — sagt der Midrasch, — das vom Eden ströme umflossene, das ist das Land des Harrens und Höffens, das israelitische Land, das Land der Zukunft. „Dort ist das Gold" — „von dort aus ist ein Wort an die Menschheit ergangen, das ihren köstlichsten Schatz bildet." In unseren Tagen wird so viel