Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229060--68916-3281200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mehrmals in öffentlichen Vorträgen brillierte, fand ich mich in seinem Hause an der Papenhuder Straße ein, um ihn für unsere „Gabri e l-R'ießer-V er ein.i'gung zurFör d erung der Wifsenschast des Inbentums" zu einer Vorlesung zu gewinnen. Ich erinnerte mich, von meinem sel. Freunde Ludwig August Frankl, dem Berger manchen Artikel in der „N. F. Presse" gewidmet hat, gehört zu haben, Berger besitze außer der Kenntnis der biblischen Schriften auch die 'der nachbiblischen, besonders der von Herder durch Mendelssohn in die deutsche Literatur eingeführten Poesie der N a b b i n e n, des agadischen Teils des Talmuds und Midrasch. Zu Gesicht kamen mir oft Aufsätze, in denen man seine Phantasie arbeiten sah, Legenden und Märchen der Orientalen zu modernisieren, sie neu auszugestalten, und auch seine Dispute wiesen auf sein Interesse für die entzückenden Blüten des Hebräergeistes auf dem Gebiete der Poesie. Wie willkommen war ihm einmal meine Meldung, daß die ihm unzugängliche sechsbändige Sammlung kleiner Midraschim, genannt „Bethamidrasch" von Jellinek, von Prof. Wünsche-Dresden ins Deutsche übertragen wird. Auf meinen Wunsch, er, der Neubeleber Hebbels, möchte in unserem Verein einen Vortrag halten über das apokryph i s ch e B u ch Judith und die gleichnamige Hebbeltragödie", erhielt ich sofort eine Zusage. Ich vergesse es nie, wie es blitzartig aus seinem Auge leuchtete, als er mir sagte: „Ja, darauf bin ich vorbereitet, ich will Ihnen allen etwas Neues geben, noch nicht Gehörtes vortragen." Es war der ereignisreichste Abend, den unsere religiöswissenschaftliche Gesellschaft am 24. Oktober 1908 in der Aula des Wilhelm-Gymnasiums erlebt hat. Kopf an Kopf saß die lauschende Zuhörerschaft aus den besten Kreisen der Stadtgemeine, was Religion, Wissenschaft, Kunst, Handel und Industrie an hervorragenden Vertretern aufwies, alles war zugegen. Berger brachte auch Ungewöhnliches, Neues, „goldene Aepfel in silberner Schale". Tags zuvor war er noch in Wien, reiste dann Nacht und Tag durch, um zur Zeit hier einzutrefsen. Etwa zwei Stunden vor dem Vortrag fand ich ihn in feiner Wohnung über einigen Blättern hocken, die er unterwegs im Coupe mit Bleistiftbuchstaben gefüllt hatte, es war die „Skizze für heute", die er zurechtfeilte. Aber wozu? Er sprach aus dem Vollen schöpfend, frei, .elegant wie ein Herrscher im Reich der Rhetorik. Eine volle Stunde, bevor er sich für den Abend anklerdete, unterhielt er mich über verschiedene Themata, darunter auch über ein von ihm als schlecht befundenes Drama „Sabbatai Zwi" — wenn ich nicht irre, aus der Feder von Schalom Asch, wobei er mir seinen Besuch in der nächsten Zeit in Aussicht stellte, um in meiner Bibliothek das Historische über S. Zwi nachzulesen. Wir fuhren dann den ziemlich weiten Weg unter fortwährenden lebhaften Gesprächen zur Vortragshalle, wo ihn ein Jubel empfing. Was er sprach, und wie er seine Aufgabe löste, darüber soll der Berichterstatter des Hamburger Fremdenblattes die Leser unterrichten. Ich lasse hier. sein kurzgehaltenes Referat folgen. „Hebbels Judith ist eine erotisch schwüle Natur. Eine jungfräuliche Witwe, deren Sinnlichkeit durch den Gatten, den ein geheimnisvolles Hindernis abhielt, sie zur Frau zu machen, aufgereizt, aber nicht befriedigt ist. Wohl ist sie dem jüdischen Gesetz getreu, sie ist fromm und gläubig, liebt ihr Volk und haßt seine Feinde. Aber der mißversteht Hebbel und ahnt die dunklen Wege nicht, die sein Dichtergeist wandelt, der sich täuschen läßt und naiverweise glaubt, Judith gehe zum fürchterlichen Holofernes, um durch dessen Ermordung ihr Volk zu retten und den Gott Israels an seinem Verächter zu rächen. Möglich, ja sogar gewiß, daß sie selbst glaubt, Patriotismus und Neligiösität seien die Beweggründe ihres Tuns; aber der Dichter weiß es besser. Denn er blickt durch die durchscheinende Schale ihrer Gedanken und Reden in das dämmerige Dunkel ihres Unterbewußtseins hinab und gewahrt deutlich, was sich in diesen, ihr selbst verborgenen Regionen ihrer Persönlichkeit regt und sie unwiderstehlich hinaustreibt zu Holofernes, dem Mann der Männer, „der die Weiber mit seiner Umarmung tötet", um ihn zu töten, wie sie meint, in Wahrheit aber, um zuvor etwas durch ihn zu erleben, was ihr ein persönliches Motiv schaffen wird, sich an ihm für die grauenhafteste Erniedrigung zu rächen. In ihren Gedanken stellt sich ihr die Schändung durch Holofernes, aus die sie sich gefaßt macht, als das Mittel dar, durch welches allein sie ihren Zweck, die Rettung ihres Volkes durch Tötung des Holofernes, verwirklichen kann. (Schluß folgt.) Dir Inschriften des slten Iudrnkriedhokes in Wien.'' Von Dr. B. M ü n z. in eigenartiger Zug drückt der Wissenschaft der Gegenwart den Stempel auf. Die Behandlung von Einzelfragen, die Kleinarbeit,' die Monographie überwiegt. Die Spezialuntersuchungen sind ohne Zweifel für die Forschung von großem Nutzen; freilich geht die Gegenwart dabei zuweilen zu weit, sie verliert nicht selten die großen Zusammenhänge aus den Augen und verwechselt die Vorbereitungen mit den Zielen des Forschens. ... ‘ Am offenkundigsten zeigt es sich an der Geschichte, daß Dezentralisation, nicht Zentralisation eine gebieterische Notwendigkeit ist. Das Zerlegen muß dem Aufbauen vorangehen; Katalogisieren, Inventarisieren, Registrieren ist für die Geschichtsschreibung eine Lebensfrage; alle möglichen Bausteine müssen gesammelt und zusammengetragen sein, bevor die Synthese in ihr Recht treten, ein großzügiges, lückenloses Gebäude sich erheben kann. Den richtigen Weg wandelt die historische Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Eine Geschichte der Juden in Deutsch-Oesterreich besitzen wir noch nicht, dafür aber schon einige Bände Quellen und Forschungen zur Geschichte derselben. Den Reigen eröffnet das von Artur' G o l d - mann herausgegebene „Judenbuch der Scheffstraße zu Wien", das als einziger Ueberrest einer langen Reihe verlorengegangener Aufzeichnungen „nicht kraft seiner inneren Vorzüge, sondern kaute äe mieux" an die Spitze rückt und bescheiden bittet, näherer Betrachtung gewürdigt zu werden. Ihm folgt eine Bearbeitung des Wiener Ghettos, seiner Häuser und seiner Bewohner durch Ignaz Schwarz. Die dritte Stelle nehmen von A. Landau und B. Wach stein herausgegebene „Jüdische Privatbriese" ein, die zum Teil in hebräischer Sprache, vorwiegend jedoch im deutsch-jüdischen Idiom abgefaßt sind und in ihrer Art einzig dastehen, weil sie an einem Tage, dem 22. November 1619, von Prager Juden an Wiener Glaubensgenossen geschrieben sind. Saxa loquuntur. Dies gilt insbesondere von Grabsteinen. Die historische Kommission war daher wohlberaten, als sie auf Anregung des ausgezeichneten, der jüdischen Wissenschaft leider zu früh entrissenen Gelehrten Prof. David Kaufmann den Beschluß faßte, die Inschriften des sogenannten alten Roßauer Judenfriedhofes herauszugeben. Sie war dabei von der Erwägung geleitet, daß die Herausgabe und gründliche Bearbeitung der bis 1748 reichenden Grabinschriften für die Sitten- und Kulturgeschichte der Juden und nicht zuletzt für die Wiener Lokalgeschichte und darüber hinaus ein großes Interesse beanspruchen darf. Sie 1) 1. Teil. 1540 (?) — 1670. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1912.