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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-01 · Heft 44 (1.11.1912) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
Seite 522 (sequence 6)
Language
German
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Die fragliche Emanzipation hat auch auf dem Gebiete der englisch-jüdischen Literatur manche nennenswerten Vorteile erzielt. Auf diese wurde vorher fpottweise der biblische Spruch angewendet: KTI ü'b ab „Sie (die jüdische Wissenschaft) ist nicht jenseits des Meeres zu finden", aber dieser. Spott hat in moderner Zeit seinen Stachel ganz eingebüßt. Denn während der vergangenen fünfzig Jahre haben verschiedene jüdische Gelehrte in England Werke jüdisch-literarischen Inhalts veröffentlicht, die die gesamte jüdische Literatur' mit Zusätzen bereichert haben, die einen Permanenten literarischen Wert besitze^. Zum Schluß soll hier noch ein Punkt in Erwähnung gebracht werden, der nicht unberührt bleiben kann, wenn von der modernen Geschichte der Juden Englands die Rede ist. Dieser Punkt bezieht sich nämlich auf die guten und freundlichen Dienste, welche die emanzipierten englischen Juden zu verschiedenen Malen jenen ihrer Glaubensgenossen in brüderlicher Weise geleistet haben, die in unzivilisierten Staaten leben und häufig höchst grausamen Verfolgungen unterworfen sind. Sie besitzen zwei Vereine, nämlich: „lös Loarä ok Deputies" und die „Anglo-Jewish Association", deren Aufgabe es ist, den in verschiedenen Weltteilen wohnenden Juden, die in politischer, moralischer und pekuniärer Hinsicht Hilfe bedürfen, diese nötige Hilfe, soweit das möglich, angedeihen zu lassen. Dem bisher Gesagten zufolge haben daher die Annalen der gesamten Geschichte der Juden Englands keine bedeutendere Epoche auszuweisen als diejenige es war, die in diesem Artikel in gedrängter Kürze besprochen wurde, und die in diesem Jahre ihr Ende erlangt hat. Lin Sris vom sltrn Stamme. Erinnerungsblatt an Baron Alfred v. Berger. Bon Dr. D. Leimdörser in Hamburg, er vor kurzem verstorbene Direktor des Wiener Hofburgtheaters, Professor Dr. Alfred Freiherr v. Berger, der Schöpfer und Leiter des Hamburger Deutschen Schauspielhauses, mit dem ich seit 12 Jahren des öfteren zusammengekommen bin, gewährte mir einen Einblick in sein Wissen, Können und Wirken wie auch in das Wesen seines Charakters als Mensch, Gelehrter und Menschenbildner. Auf dieses Blatt der Erinnerung setze ich nun einige kleine Episoden aus der Zeit seines Hamburger künstlerischen Schaffens, in der ich ihn kennen und schätzen lernte, Episoden, die sein Denken und Forschen in den alten literarischen Denkmälern Israels und manche Berührungspunkte mit den Bekennern des jüdischen Glaubens beleuchten sollen. Der 18. August des Jahres 1900, der 70. Geburtstag des Kaisers von Oesterreich und Königs von Ungarn, führte uns zuw erstenmal zusammen. Nach dem Gottesdienste in der katholischen kleinen Michaeliskirche hatte sich unter Leitung des Generalkonsulates die österreichisch-ungarische Kolonie mit Fahnen, Sang und Klang im israelitischen Tempel versammelt, woselbst ich meine unter dem Titel: „Der Gesalbte des Herrn" veröffentlichte und nachher auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers der Feideikommiß-Bibliothek in Wien einverleibte Festrede hielt. Am Abend fand ein Festbankett im Uhlenhorster Fährhaus statt. An dem in die Saalmitte gestellten, für die religiös-rituell lebenden Teilnehmer hergerichteten Tisch war mein Platz gerade gegenüber dem des Herrn v. Berger, der mich mit Glückwünschen zu der gehaltenen Rede warm begrüßte und mir mitteilte, daß er mich noch von Wien her kenne, denn so meinte er: -,ich verkehrte viel mit dem glänzenden Wiener Prediger Dr. Jellinek, der oft von Ihnen, seinem Schüler in Hamburg, sprach." Als ich den Herrn Baron von unseren gemeinsamen Lehrer der Philosophie an der Wiener Universität: Hosrat Robert Zimmermann und an unseren gemeinsamen Freund, Meister Adolf Sonnenthal erinnerte, da war jedes Gefühl der Fremdheit gewichen, und unter lebhaften Zwiegesprächen knüpften sich die Fäden inniger Annäherung an uns für volle 10 Jahre seiner hierortigen Wirksamkeit. Es fehlten nur wenige Tage bis zur Eröffnung des neuen Schauspielhauses; ich lernte durch ihn seine Mitarbeiter und mehrere Künstler kennen, auch den von ihm „entdeckten" Rudolf Schildkraut, der sich mir und meiner Familie als Anverwandter vorstellte, und der bis zu seinem Konflikt mit Berger viel in unserem Hause verkehrte. Schildkraut entledigte sich einst eines Auftrages von Berger, der sich mit dem Studium der Bibel eifrig beschäftigte, ich möchte ihm die von mir erschienenen Arbeiten über die Psalmen und Ecclesiastes, nämlich das „Psalterego in den Jchpsalmen" und „Koheleträtsel" zugehen lassen, von denen eine Enkelin des Senatspräsidenten, Bürgermeisters Petersen, Frl. Clara Petersen, die ich säst ein Jahr hindurch in die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur eingeführt hatte, Herrn Baron Berger Mitteilung machte. Selbstverständlich schickte ich ihm die Schriften zu, über die ich nachmals oft persönlich mit Berger einen regen Gedankenaustausch pflog. Ein junger Schriftsteller veranlaßte mich einmal, ein von ihm verfaßtes Drama, das bei direkter Zustellung an die Bühnenverwaltung wenig Aussicht hatte, gelesen zu werden, da — wie ich erfuhr — etwa 500 solcher Werke stets Vorlagen, dem Direktor Berger zu überreichen, was mir freilich nur während einer Probenpause nach schwerer Mühe gelungen ist. Dabei sprach Berger von seiner Sehnsucht nach einer Zeit, in der der nackte Naturalismus der neuen Bühnenkunst überwunden sein werde durch den von ihm erstrebten idealen Realismus, sowohl der dramatischen Poesie wie auch der künstlerischen Darstellung. Ob diese Sehnsucht je in seinem Leben gestillt wurde, darüber wage ich nicht zu urteilen. Mir schien die Neuinszenierung der Hebbelschen Dramen durch Berger ein Novum, das dem prächtigen Ideal in keiner Weise entsprach, ja es galt mir oft als ein Gegensatz zu den alten klassischen Traditionen der Hosburger Musterbühne, die in dem Heim von Lessings Dramaturgie unter Maurice, Pollini und auch Bachur ihre Interpreten gefunden. Zur Zeit als Rudolf Schildkraut mit seinem Shylok die - Hamburger und später die Berliner in Staunen versetzte, schrieb Berger, einer der gelehrtesten und gewandtesten der philosophischen Feuilletonisten der „Neuen freien Presse" eine Abhandlung über Shylok, hinweisend aus die exzellente Leistung des lediglich Bergers Intentionen verkörpernden Charakterhelden, die Worte: „S h h l o k.ist der Vater Nathans." Der Professor der Aesthetik, der jedesmal in Wort und Schrift mit Ueberraschungen austrat, drang mit psychologischer Tiefe und logischer Schärfe in sein Problew ein und protestierte gegen die allgemeine Auffassung: Sheakspeares Shylok, diese Hyäne in Menschengestalt, bildet einen gewaltigen Kontrast zum Träger des Lessingschen Humanitätsdramas. Berger macht Shylok zum Vorläufer Nathans und lehrt Schildkraut in seiner Realistik dieses idealistische Theorem zu Fleisch und Blut werden zu lassen. Schildkrauts Lorbeer wuchs aus Bergerschem Boden; wohl, aber auch dem Empfinden des Publikums, das diesen Lorbeer darreicht, wurde an Stelle des brutalen Tiermenschen im Shylok ein fühlender Mensch nähergebracht, und das war vielleicht etwas von dem erstrebten idealen Realismus der Bergerschen Muse. Als es hieß, Berger wolle Hamburg verlassen, wo er außer seiner Tätigkeit als genialer Bühnenleiter auch alljährlich

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