Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
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zulegen" Jakob B. B r a n d eis gehörte zu den Pionieren der Renaissance des Judentums, seine Feder stand im Dienste unserer Glaubensgemeinschaft, sür die er gelebt.und gewirkt, und' die darum sein- Andenken stets in Ehren halten wird. - Ltwss über die moderne Geschichte der Inden Lnglsnds. Von Dr. I. Chotzn er -London. as jetzige Jahr schließt eine fünfzigjährige Epoche in den Annalen der modernen Geschichte der Juden Englands, worin gewisse Ereignisse stattgefunden haben, die für letztere sowohl, als auch teilweise für ihre in allen Weltteilen lebenden Glaubensgenossen von großer und permanenter Wichtigkeit sind. Denn im Jahre 1858, also gerade vor einem halben Jahrhundert, ist die Bill, welche die Emanzipation der Juden Englands zum Gegenstand hatte, in Leiden Häusern des englischen Parlaments endlich durchgeführt und zum Landesgesetz gemacht worden, nachdem sie von den Gegnern derselben während einer Reihe von Jahren hartnäckig bekämpft worden war. /'/Diese Gegner bestanden fast ausschließlich aus den hohen Würdenträgern der englischen Kirche, die im englischen Parlament Sitz und Stimme hatten, und auch aus verschiedenen Mitgliedern des H o u s e o f Lords, die der konservativen Partei angehörten. In ihren Debatten, die auf die fragliche Bill Bezug hatten, führten sie Argumente g e g e n die Durchführung derselben vor, die merkwürdigerweise von verschiedenen modernen Antisemiten, die auf dem Kontinente leben, hier und' da wiederholt werden. Eines von diesen Argumenten ist folgendes: Die damaligen englischen Antisemiten sggt'en nämlich, daß die Juden in England ein Imperium liimperio bilden, und daß sie nebstdem beständig in ihren Gebeten den lieben Herrgott anslehett, daß er ihnen die Möglichkeit verschaffe, nach Palästina zurückzukehren. Unter ditsen Umständen nun, meinten sie, wäre es'für den englischen Staat höchst nachteilig, wenn, er manchen seiner jüdischen Untertanen die Verwaltung von wichtigen Aemtern anvertraute, die sie nur zeitwei l i g inne zu haben beabsichtigten. -^/Glücklicherweise aber hatte das englische Parlament zu Mer Zeit eine geringe Anzahl von Mitgliedern aufzuweisen, die vom Geiste des Rechts und der Gerechtigkeit beseelt waren, und daher in ernsten und wohlgemeinten Worten die Durchfishrung der fraglichen Bill zu erstreben suchten. Unter diesen Rednern sind namentlich hervorzuheben: Lord Macanlh und Älr. Disraeli, der spätere Premierminister von England. Es würde zu weit führen, hier Auszüge aus Lord Macan'lys glänzender Rede zu bringen, die er zugunsten der Emanzipation der Juden Englands bei fraglicher Gelegenheit gehalten. hat,- und außerdem dürfte sie dem Inhalt nach verschiedenen Lesern dieser Blätter bekannt sein. Weniger jedoch ist wohl Mgemein die Rede bekannt, die bei derselben Gelegenheit von Msraeli in enthusiastischer Weise gehalten wurde, und folgender-kurzer Auszug daraus dürfte daher nicht ganz über- Mssig erachtet werden. 7^)!>Hätteb ihr," sagte Disraeli zu den Gegnern der fraglichen -BW, .^nicht/lrWchtlich. vergessen, was ihr dem jüdischen Volke /schuldig seid, und wäret ihr dankerfüllt sür die Literatur, die dasselbe euch verschafft hat — eine Literatur nämlich, die während einer Periode von Tausenden von Jahren der gesamten Menschheit nutzreiche Belehrung nebst Hoffnung und Trost gebracht —, so würdet ihr sicherlich höchst bereitwillig gewesen sein, von der jetzt zum erstenmal sich darbietenden Gelegenheit guten Gebrauch zu machen und für die Durch-" sührungder Bill zu stimmen, die den Zweck hat, den Juden Englands volle bürgerliche Freiheit einzuräumen. Leider seid ihr aber von einem Aberglauben (superstition) beeinflußt, der jetzt hierzulande herrscht und weit mehr sichtbar zutage tritt, als es je vorher geschehen war." Wie aus dem bisher Gesagten ersichtlich ist, waren die Gegner der fraglichen Bill größer an Zahl, als diejenigen es waren, die die Durchführung derselben befürworteten, und doch — mirabile dictu —' trugen letztere in diesem denkwürdigen parlamentarischen Kampfe den Sieg davon! Dieser Sieg war es nun, der in den Annalen der modernen .Geschichte Englands eine neue Epoche eröffnet hat, die in verschiedener Beziehung als eine höchst merkwürdige angesehen werden kann. , In diesem recht kurz sein sollenden Artikel kann natürlich nur wenig über die glänzenden Resultate gesagt werden, welche die Emanzipation der Juden Englandserzielt' hat, und daher sollen hier bloß einige wichtige Punkte in gedrängter Kürze berührt und besprochen werden, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. — Einer der wichtigsten Vorteile, welche die fragliche Emanzipation den, Juden Englands verschafft Hai, war ihre unbeschränkte Zulassung zum Besuch der englischen Hoch- und Mittelschulen. Von diesem wünschenswerten Privilegium machten sie sofort einen reichlichen Gebrauch, und die Folge davon war, daß verschiedene englische Glaubensgenossen während des verflossenen halben Jahrhunderts auf fast jedem Gebiete menschlichen Tuns oder Schaffens sich mehr oder weniger ausgezeichnet haben. Sie machten sich dem englischen Staat sowohl als auch dem englischen Volke in verschiedenen Richtungen höchst nützlich. Sie nahmen zum Beispiel als Verwalter von englischen Provinzen, als Staatsminister und als .im Dienst der englischen' Regierung stehende Richter recht hohe und ehrenvolle Stellungen ein. Nächstdem fungierten sie mit großem Erfolg als Bürgermeister (Lordmahors) in London und in mehreren Provinzialstädten, und nicht wenige von ihnen halfen, die'Industrie in verschiedenen Teilen des englischen Weltreiches in Aufschwung zu 'bringen. Tatsache ist es auch, daß auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Literatur verschiedene englische Juden manches Schöne und Nützliche produziert haben. Die Verbreitung von akademischer Bildung unter den englisch-jüdischen Studenten erzeugte auch höchst günstige Resultate auf dem Gebiete des jüdischen Kultus in England. Es ist nämlich selbstverständlich, daß jüdische junge Leute, die aus Hochschulen studiert haben, wenig Erbauung in einem jüdischen Gottesdienst fanden, der außerordentlich lang war und nebstdem auch verschiedene unschöne Gebräuche aufzuweisen hatte. Dieser Umstand nun veranlaßte mehrere von ihnen, der bereits früher hier bestandenen kleinen jüdischen Reformgemeinde sich anzuschließen, obschon diese von dem damaligen Londoner Rabbinat mit einem Bann (Eherem) belegt war. Letzterer existiert noch jetzt, scheint aber bisher recht wenig Schaden verursacht zu haben. Daß die hiesige jüdische Reformgemeinde die meisten anderen hier und in den Provinzen existierenden jüdischen orthydoxen Gemeinden indirekt mehr oder weniger vorteil- , hast beeinflußt hat, beweist die Tatsache, daß nämlich augenblicklich der in den meisten Synagogen abgehaltene Gottesdienst mehr dem Zeitgeist entsprechend ist, als er je vorher gewesen war. Man kann daher mit Recht sagen, daß das moderne englische Judentum und das englisch-jüdische Gemeindeleben von mehreren Auswüchsen geläutert worden ist, womit beide v o r der Emanzipation recht -sehr, verunstaltet gewesen waren.