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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-01 · Heft 44 (1.11.1912) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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Wunderdaß der vollkommen bankerotte Frauenverbgnd' sich jetzt an dieses Mittel hält. * Aus M a r s ch au wird der ,,N. I. K." gemeldet: Bei den am 16. d. M. vollzogenen Urwahlen zur russischen Reichsduma siegte die jüdische Liste. Von den gewählten 80 Wahlmännern sind 47 Juden. Der Führer und Dumakandidat der Polnischen Nationaldemokraten, Roman Dmowski, siel durch, kommt also für die Hauptwahl zur Duma nicht mehr in Betracht. Aber auch die Partei der polnischen Konzentration, die den „Salonantisemiten" Jan Kucharzewski für die Duma kandidiert, hat eine empfindliche Niederlage . erlitten. Ob das jüdische Wahlkomitee nunmehr für die Dumahauptwahl einen jüdischen Kandidaten aufstellen wird, ist noch unbestimmt. Jedenfalls wird es aber nur einem solchen polnischen Mandatswerber seine Unterstützung leihen, der sich unbedingt für die vollständige Gleichberechtigung der Juden erklärt. Dem Vernehmen nach haben sich sämtliche gewählten jüdischen Wahlmänner vor der Wahl schriftlich verpflichtet, bei der Hauptwahl gegen Dmowski und Kucharzewski zu stimmen. In der jüdischen Bevölkerung Warschaus herrscht große Befriedigung über die. selbstbewußte Haltung der jüdischen Wählerschaft und die-Niederlage des offenen und verkappten Antisemitismus.. Wie ferner aus Lodz berichtet wird, gewannen auch dort die Juden bei den Ur-, Wahlen die Mehrheit. Die der jüdischen Wahlmänner in Lodz beträgt 51. faftob L LrandeislA. mit Jakob B. Brandeis, der am 20. September d. I. das Zeitliche gesegnet hat, ist eine der markantesten Gestalten des Prager jüdischen Gemeindelebens dahingegangen. Die ausgedehnte Tätigkeit des Verblichenen aus kulturellem, publizistischem und humanitärem Gebiet hat ihn zu einer der populävsten, geachtetsten und beliebtesten Persönlichkeiten des jüdischen Prag gemacht. Das Bedauern über sein,— allerdings in hohem Alter erfolgtes — Hinscheiden war ein allgemeines und herzliches. Brand eis entstammte einer alten, angesehenen Prager Familie. Sein Vater Bermann Brandeis war vierzig Jahre Hauptkassierer und Prokurist im Bank- und Großhandlungshause Simon Edler von Lämel in Wien, bzw. in dem dessen Sohnes Leopold Ritter von Lämel in Prag. Von den zwei Brüdern seines Vaters war der eine russischer Hofrat und Protomedikus, ein hervorragender Internist, der andere Oberstintendant in der französischen Armee. Jakob B. Brandeis widmete, sich frühzeitig der schriftstellerischen Tätigkeit. Er redigierte mehrere Zeitungen, unter anderen „Die Gegenwart" und die „Israel. Geme-indezeitung", er begründete den seinen Namen führenden illustrierten israelitischen Volkskalender und schrieb einen „Naturwissenschaftlichen.Leitfaden", sowie eine Reihe anderer ^wertvoller Schriften und Gedichte. Er veröffentlichte auch, viele Arbeiten in verschiedenen Tagesblättern und Jahrbüchern. Im Jahre 1880 errichtete er seine Buch- > handlung, entfaltete als Verleger eine ungewöhnliche Rührig-' keit, begründete im Jahre 1896 die „Jüdische Universalbibliothek", in der er einige Meisterwerke der jüdischen Literatur den weiten Kreisen des Volkes zugänglich machte. Weit über hundert Werke, unter diesen manche aus seiner Feder, gingen aus seinem Verlage hervor, darunter die Volksausgabe des bekannten Sagenwerkes „Sippurim". Im Jahre 1899 errichtete er ein Zweiggeschäft in Breslau. Rastlos tätig -war er auf gemeinnützigem und humanitärem Gebiete. Im Jahre 1870 wurde er in das Prager Stadtverordnetenkollegium, im Jahre 1872, in welchem Prag von einer großen Überschwemmung heim-gesucht wurde, in das städtische Hilfskomitee gewählt. Der von ihm gegründete Verein zur Unterstützung der hilfsbedürftigen Jugend „Chanuka", an dessen Spitze er volle 38 Jahre als Präsident stand, dankte seiner Organisation und Leitung einen ungewöhnlichen Aufschwung. Er gehörte ferner dem Ausschüsse des israelitischen Ferienkolonienvereins seit dessen Gründung an. Auch dem Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten, sowie dem Fortbildungsverein für israelitische Mädchen gehörte er früher mehrere Jahre als Ausschußmitglied an. Bis in sein hohes Alter hatteer sich volle geistige Frische bewahrt. An der Bahre'des Verstorbenen trauern seine Kinder: Buchdruckereibesitzer Richard Brandeis, Dr. -Arnold Brandeis, Chefarztstellvertreter der k. k. böhmischen Nordbahn, und Oskar Brandeis, Dirigent der Filiale Leipa der Böh- , Mischen Eskomptebank, sowie eine Tochter, Frau Bertha Kohn. Ein Sohn, Viktor Brandeis, Besitzer des Breslauer Zweiggeschäftes, ist dem Vater vor drtzi Monaten im Tode vorangegangen. Von der großen Wertschätzung, deren sich Brandeis nicht nur wegen seines öffentlichen Wirkens, sondern auch wegen seines biederen Charakters und seines liebenswürdigen Wesens in den weitesten Kreisen, auch über die jüdische Gemeinde hinaus, erfreut hat, legte die massenhafte Beteiligung an dem am 22. September stattgehabten Leichenbegängnisse beredtes Zeugnis ab. Von den weit über tausend eingelangten brieflichen und telegraphischenWeileidskundgebungen sei nur das hier vom Präsidium des^Stadtrates der königlichen Hauptstadt Pragan die Hinterbliebenen gerichtete Kondolenzschreiben angeführt: „Das Präsidium des Rates der königlichen Hauptstadt Prag erlaubt sich in Kenntnis der tieftraurigen Nachricht ’. vom Hinscheiden. Ihres hochgeschätzten! Vaters, des Herrn Jakob B. Brandeis, Prager Bürgers, gewesenen Mitgliedes des Stadtverordnetenkollegiums der königlichen Hauptstadt Prag, der geschätzten Familie sein aufrichtiges Beileid aus Anlaß des schmerzlichen Verlustes auszudrücken. Gleichzeitig erlaubt sich das Präsidium mitzuteilen, daß dasselbe in Anerkennung der Verdienste des Verewigten beschlossen hat, namens der Prager Stadtgemeinde einen Kranz aus den Sarg nieder- Iakob B. Branöeis geb. 3. Juni 1835. gest. 20. September 1912.

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