Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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willigenkorps erhalten, und die bulgarischen Blätter wiesen wiederholt daraus hin, daß dieses jüdische Korps zu den tapfersten und verläßlichsten zählt und auch eine ruhmreiche Vergangenheit besitzt. In dem obenerwähnten bulgarisch-serbischen Krieg hat dieses jüdische Freiwilligenkorps ganz selbständig einen sehr wichtigen strategischen Punkt unter besonderem Heldenmut besetzt und dadurch einen späteren Sieg herbeigeführt. Unter solchen Umständen ist es wohl nicht zu verwundern, daß die bulgarischen Juden in ihrem glühenden Patriotismus jeden wehrfähigen Mann mit Vergnügen in die Front schicken, nur dem Vaterlande zu Hilfe zu eilen. Aber auch in der Erbringung materieller Opfer stehen, wie die bulgarischen Blätter besonders betonen, die jüdischen Staatsbürger obenan. Die Juden in der Türkei zeigen dieselbe Opserwilligkeit und Entschlossenheit zur Verteidigung ihres Vaterlandes. Die ottomanischen Juden, deren größter Teil in der europäischen Türkei lebt, werden seit der Zulassung der nichtmohammedanischen Ottomanen zum Militärdienst jetzt zum erstenmal in die Lage versetzt, als türkische Soldaten in größerer Zahl für ihr Vaterland zu kämpfen. Und es vergeht fast kein Tag, wo die ottomanischen Juden nicht neue und erhöhte Beweise ihres Opfermutes und ihrer Bereitwilligkeit erbrächten, Gut und Blut für ihr bedrängtes Vaterland zu opfern. Allsabbatlich wird jetzt in den Synagogen durch den Rabbiner die jüdische Bevölkerung ausgefordert, dem Vaterlande zu Hilfe eilen. Und diese Appelle werden mit Enthusiasmus ausgenommen, und in allen Städten, in denen die Juden in größerer Zahl leben, melden sich jüdische Freiwillige, die sich für den Krieg anwerben lassen.' In Konstantinopel, im Stadtbezirke Haskeuy, fand eine von vielen Tausenden besuchte jüdische Versammlung statt, in welcher eine neuerliche Verbrüderung zwischen Juden und Mohammedanern stattsand und mit der Wahl eines Komitees endete, das die Ausgabe hat, in den jüdischen Vierteln über die Pflichten des Patriotismus ausklärend zu wirken. Der „Note Halbmond", eine nach dem Muster des „Noten Kreuzes" geschaffene Institution, zählt zu den Hauptsörderern Juden. Jüdische Frauen haben sich in allen Städten zu Vereinigungen züsammengetan, um sich an dem Hilfswerk zu beteiligen. Und die Bedeutung dieser Erscheinung wird noch durch den folgenden Umstand erhöht. Während die vier verbündeten Balkanstaaten unter dem Schlagworte gegen die Türkei ziehen, daß sie die Rechte ihrer in der Türkei lebenden christlichen Glaubensbrüder verteidigen und für die Dauer sichern müßten, während ferner die Türkei den heiligen Krieg proklamiert, um den Mohammedismus gegen die drohende christliche Oberherrschaft zu verteidigen, ziehen die jüdischen Bürger der kriegsführenden Staaten in den Krieg, weil das Vaterland in Gefahr ist. Sie ziehen in den Krieg und werden mit Todesverachtung kämpfen und streiten, kämpfen, trotzdem es auf der einen Seite sich um die verletzten Rechte der Christen, und auf der anderen Seite um die bedrohte Existenz des Mohammedanismus in der Türkei handelt. Und noch etwas. Sie werden ehrlich und tapfer kämpfen und streiten, selbst dann, wenn sie im Kampfe ihrem Glaubensbruder des feindlichen Staates Auge in Auge gegenüberstehen werden. Und sie werden ehrlich und mit Todesverachtung kämpfen und streiten, selbst wenn sie daran denken werden, daß der Glaubensbruder im Feindeslager gleichfalls jenen Juden entstammt, die am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aus Spanien vertrieben und von der Türkei gastlich ausgenommen wurden. . . * Aus Madrid wird der „Frankfurter Zeitung" geschrieben: Bei ihren Unternehmungen in Marokko trafen die Spanier dort eine Bevölkerungsfchicht, mit der sie ohne weiteres gleichsam landsmännische, in vielfacher Hinsicht nützliche Beziehungen anknüpfen konnten. Es waren die Nachkommen der vor über vier Jahrhunderten aus Spanien vertriebenen Juden, die dem Vaterland ihrer Vorfahren in Sprache und Sitte treu geblieben sind. Ihr Tun und Treiben bot eine Fundgrube, etwas wie eine lebendige Antiquiitätensammlung spanischer Dinge. So, wenn der Schriftgelehrte neben den rabbinischen Autoritäten und, ihnen ebenbürtig, den „Haschol Keminahri Castilla", eine Aufzeichnung altkastilischer Rechtsgebräuche, seinen Entscheidungen zugrunde legt. Von da aus hat sich dann das Interesse gebildeter Kreise Spaniens den ehemals spanischen Juden überhaupt zugewandt. Die vor Jahren gegründete „Asociaciön ebreo-espanola",. die selig entschlafen schien, begann sich wieder zu regen. Stellenweise wurde sogar schon des Guten zuviel getan: mit Recht warnte die ausgezeichnete Schriftstellerin Carmen de Burgos vor unzeitigem Uebereifer, als unlängst eine mit halbamtlichen Befugnisten ausgestattete Mission die serbischen und bulgarischen Spaniolen (die ersteren sollen etwa 800, die letzteren 30 000 bis 35 000 Köpfe Zählen) auf ihre Lust zur Rückkehr in die „Heimat" sondieren ging und das wenig ermutigende Ergebnis nach Hause brachte, das schon aus wirtschaftlichen Gründen zu erwarten war. Bei weitem lobenswerter ist die literarische Propaganda, die daraus abzielt, zunächst die intimen geistigen Beziehungen auszuzeigen, die das hauptsächlich im Orient zerstreute spanische Judentum mit der alten Heimat bewahrt hat. Als besonders verdienstvoll ist hier, etwa neben des Senators Angel Pulido „Espaijoles sin patria“, der von Rodolfo Gil herausgegebene „Jüdisch!-Spanische Romancero" „Romancero Judeo-Espanol", Madrid, Imprenta alemana zu nennen, der weiteren Kreisen die bisher in Monographien und gelehrten Zeitschriften Zerstreuten Beweisstücke zugänglich machen will, die den „Sephardi" als Träger echt spanischer Geisteswerte dokumentiere. Denn die in Gils Romancero gesammelten Volks- und Wiegenlieder sind mit wenigen Ausnahmen — unter.ihnen ein Beschneidungslied, das den König Nimrod gegen den noch ungeborenen Abraham den gleichen Anschlag schmieden läßt, den Pharao gegen. Moses und Herodes gegen Jesus im Schilde führten — Erzeugnisse rein spanischer Volkspoesie. Höchstens, daß bisweilen ein arabisches,, türkisches oder persisches Wort aus das Wanderschicksal derer hinweist, die ihnen durch die Jahrhunderte der Verbannung solche Treue bewahrten, daß heute, wie Sanchez, Moguel im Bulletin der Historischen Akademie bemerkt, „die jüdische Romanze" — und darin eben liegt ihr hoher Wert — den einzigen Beleg für die metrischen Formen der alten Volksgedichte bildet, bevor ihnen der lyrische Einfluß der Troubadours und Poeten die definitive Gestaltung gab, in der sie sich.bis heute erhalten haben." Rodolfo Gil will seine Arbeit als „inbrünstige Botschaft der spanischen Seele" an die Verstoßenen gewertet wissen. Ihr gebührt jedenfalls ein bevorzugter Rang in den Akten des Revisionsprozesses, unter dessen Fürsprechern sich heute, in der ausgezeichneten Gesellschaft eines Angel Pulido, Menendez Pidal, Jsaac Munoz usw., die besten Namen der spanischen Intelligenz einschreiben. . .. * Dem Warschauer „Harnt" wird aus London geschrieben: Der Verband der englischen Frauen, die für die Gleichberechtigung des schwachen Geschlechtes kämpfen und schon verschiedene Mittel benutzt haben, um diesen Kamps zu gewinnen, wie zum Beispiel Fenstereiuschlagen, Privat- und Negierungsgebäude anzünden, Hungerstreiks und hysterische Anfälle, haben jetzt ein neues Mittel gesunden, um ihr Ziel zu erreichen; das Mittel ist zwar nicht sehr originell, aber es ist oft ein ganz bewährtes Mittel und bringt Erfolg. Vorige Woche hat Mrs. Drumand, die Hauptanführerin der Frauenbewegung, einen Vortrag in Glasgow gehalten und hat darin die „Fremden" angegriffen, welche gekommen seien, um über England zu herrschen. Erst vor kurzer Zeit haben die Juden die Gleichberechtigung in England erhalten — so hat sich Mrs. Drumand ausgelassen — und jetzt haben wir schon jüdische Minister, wie Herbert Samuel und Sir Rusus Jsaacs. Die Frauen protestieren heftig dagegen, daß solche Diktatoren Gesetze schaffen. Wenn es noch Engländer wären, dann täte es nichts; aber sie sind es ja gar nicht. Das ist eine der Hauptursachen, weshalb die Frauen ihr Stimmrecht verlangen. Dazu ist zu bemerken,'daß sich in den Reihen des Frauenverbandes eine große Schar bekannter jüdischer Männer und Frauen befindet, welche die Bewegung sehr gefördert hat. Es genügt, nur einige Namen . zu nennen: Israel Zangwill, der Millionär Franklin (ein Schwager von Herbert Samuel), der Schriftsteller Jakobs und viele andere. Unter den Frauen, die zu Gefängnis verurteilt worden sind, befand sich zuweilen auch eine große Zahl jüdischer Frauen, sowohl aus der aristokratischen Gesellschaft als auch aus niederen Klassen. Es ist auchbekannt, daß Sir Rusus Jsaacs ein Anhänger der Gleichberechtigung der Frauen ist und im Parlament nicht nur einmal zu ihren Gunsten geredet hat. Wie es scheint, ist aber der Antisemitismus auch in England ein gutes Mittel, um sich beim Pöbel beliebt zu machen. Es ist also kein