Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
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nicht zu erklären, daß man mit dem „Bekenntnis zum Pan-' theismus sich außerhalb der Lehre des Judentums" stellt! Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie! Die Begründung einer solchen Vereinigung, wie die Agudas Jisroel es ist, die Sammlung verschiedener Richtungen unter e i n e r Fahne und für ei n Ziel, wo jeder einen Teil seiner spezifischen Eigenart aufgeben oder doch wenigstens zurücktreten lassen muß, sollte.zum Nachdenken und zum Tolerieren der Eigentümlichkeiten anderer Gelegenheit geben. Täuschen sich die Herren von der deutschen Orthodoxie etwa darüber, daß die Chassidim im Grunde ihres Herzens auf alle die „Tatschen" ' von oben herabblicken, die europäische Kleidung tragen, die europäische Sprachen reden und von Rabbinern geführt werden, die an Universitäten verbotene Studien getrieben haben und sich Doktor nennen? Haben die Herren vom Verein für die Erhaltung des überlieferten Judentums es nicht selbst erleben müssen, daß man ihrer Gesinnung nicht traute, ihnen den Beitritt zur Agudas Jisroel fast verweigern, und nur diejenigen als einwandfreie und aufnahmefähige Orthodoxe anerkennen wollte, die aus der Gemeinde ausgetreten sind und sich in Sonderkorporationen zusammengeschlossen haben? Und wie sieht es auf seiten derer aus, die in Deutschland an der Spitze der Inquisition stehen, die obersten Instanzen der Ketzergerichte bilden? Wie lange ist es her, daß Dr. Breuers höchsteigenem Sprößling öffentlich zum Vorwurf gemacht werden mußte, daß er Bibelerklärungen verfaßt hat, die an Leichtfertigkeit und Frivolität die Leistungen der Neologie weit hinter sich lassen? Dazu führt es, wenn man statt an sich selber einen strengen Maßstab zu legen, sich zu Prüfen und zu läutern, nur immer die Splitter im Auge des Nächsten sucht und ihn für jeden, den man findet, anklagt und verketzert! Dann entsteht jene Gesinnungsschnüffelei und -riecherei, vor der keiner bestehen kann und wo schließlich nur der recht behält, der am lautesten zu schreien vermag. Wir Juden, die wir tagtäglich für Gewissensfreiheit, für die Anerkennung unserer Weltanschauung durch die. Majorität Andersgläubiger zu kämpfen haben, sollten doch wahrlich gelernt haben, Unduldsamkeit von uns fernzuhalten.. Zum mindesten aber sollte der Kampf stets nur mit den lautersten Mitteln, nicht mit vergifteten Waffen geführt werden. Man .soll den Gegner belehren, den vermeintlich Irrenden über das Verkehrte seiner Anschauung ausklären, aber nicht unter Verzicht aus Sachkenntnis und Gerechtigkeit lediglich den blinden Parteihaß zum Richter machen! Dem Ideale des Judentums entspricht das nicht. Von einem Vereine, der sich die Erhaltung des überlieferten Judentums zur Aufgabe macht, darf füglich erwartet werden, daß er den alten Satz unserer Weisen beherzigt, daß auf drei Dingen die Welt ruht: auf Wahrheit, Recht und Frieden.. Jwri. vorgerufen: habe. Die Börse hat also — da sie nun einmal den Prügelknaben für alles.abgeben muß — nach der Behauptung dieses agrarischen Sachverständigen das Kunststück fertiggebracht, Begeisterung für den Krieg und Angst vor demselben zu gleicher Zeit zu bekunden. Ein Artikel des Herrn, Dr. Karl Peters im „Tag" über die Panik an der Berliner Börse ging ebenfalls von merkwürdig falschen Voraussetzungen aus: „Man scheint da bei uns so in einem blöden Friedensdusel hinzuvegetieren und mit den realen Gefahren des Völkerlebens gar nicht mehr-zu rechnen. Sonst wäre solche kopflose, feige Angst, wenn das Menetekel des Krieges auch nur in nebelhafter Verschwommenheit mit trüben Horizont erscheint, gar nicht zu erklären. Das ist wie eine Herde Hühner, in welche ein dummer Junge einen Stein wirft. Man könnte au§ erzieherischen Gründen fast hoffen, daß recht viele von diesen wimmernden und kreischenden Börsianern, wie Rindvieh in den brennenden Stall, in ihren finanziellen Ruin hineingerannt sind. Aber hat solche Szene, wie sie nun innerhalb 14 Monaten zum zweitenmal in Berlin ausgesührt wird, nicht gar eine symptomatische Bedeutung? Man fragt sich unwillkürlich: Ist dies noch das Volk von 1870/71? Werden diese Leute mehr Kaltblütigkeit zeigen'im Kugelregen, wenn es sich um ihr Fell, als hier, wo es sich um ihren Nickel handelt?" Mit der Kaltblütigkeit und dem kriegerischen Sinn des deutschen Volkes, bemerkt sehr richtig die Abwehr-Korrespondenz — hat diese Panik an der Berliner Börse nicht das geringste zu schaffen. Gerade die deutschen Börsen haben sich in der allgemeinen Deroute am besten gehalten. Die Kursstürze in Wien, Paris und London und demgemäß die . Einbußen an Nationalvermögen sind dort ungleich größere gewesen; die deutsche Börse verdient daher eher Anerkennung, aber nicht Tadel. - * Prinz Ludwig von Bayern hielt am vorletzten Sonntag anläßlich der Einweihung einer Kirche in München eine Rede, die folgenden programmatischen Passus enthielt: „Was das Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen 'betrifft, so wäre ich der Anschauung, daß es am besten ist, wenn jede Neligionsgesellschaft ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln und sich möglichst wenig in die anderen einmischen würde. Wir werden dann allseits recht gut fahren. Noch eins möchte ich empfehlen: Wenn man mit verschiedenen Leuten und insbesondere mit Leuten von verschiedener Religion zusammenkommt, so sieht man verschiedenes, was einem im ersten Augenblick nicht recht gut gefällt. Aber darin besteht die wirkliche Toleranz, daß m an sich an der Ausübung nicht stößt. Wir Katholiken stoßen uns nicht an der Ausübung anderer Religionsbekenntnisse. Nun glaube ich, habe ich genug gesagt. Ich wünsche, daß der Friede der Konfessionen bleibe und daß keine von ihnen Ursache zu berechtigter Klage habe." Die Rede wird besonders auch in der jüdischen Bevölkerung Bayerns sympathisch begrüßt. Me Woche. Berlin, 29. Oktober 1912. s ist wieder einmal die — natürlich „verjudete" — Börse und das „verjudete" Großkapital, gegen die in der argrarisch-antisemitischen Presse die ungereimtesten Beschuldigungen erhoben werden. So hat aus der Provinzialversammlung des Bundes der Landwirte in Köln der Vorsitzende Hauptmann Pauli nach einem Bericht der „Deutschen Tageszeitung" vom 22. d. M. in einem Atemzug behauptet, daß das „deutsche Volk durchaus friedliebend fei — im Gegensatz zur Börse und zum internationalen Großkapital" und doch anderseits die „Angst vor dem Kriege" an der Börse eine wahre Panik her¬ * In sämtlichen Staaten des Balkans, die gegenwärtig in den Krieg verwickelt sind, leben die Juden im Genüsse vollster bürgerlicher Gleichberechtigung. Sie nehmen in den betreffenden Staaten auch eine bedeutende soziale und politische Stellung ein. Hauptsächlich ist dies in den zwei wichtigsten Staaten, die bei diesem Kriege in Betracht kommen, in der Türkei und in Bulgarien, der Fall. Wir lesen hierüber in der „Oesterr. Wochenschrift": Die 40 000 Juden, die in Bulgarien leben, wohnen nicht bloß in den Städten, sondern sind auch aus die Dörfer verteilt, in denen sie Landwirtschaft treiben und mit der Bauernbevölkerung im friedlichsten Einvernehmen leben. An den Fortschritten, welche das bulgarische Militär aufzuweisen hat, haben die Juden einen nicht geringen Anteil. Bezeichnend ist, daß die bulgarischen Juden feit dem bulgarisch-serbischen Krieg im Jahre 1878 ein eigenes jüdisches Frei-