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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-25 · Heft 43 (25.10.1912) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 43 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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W8KW —— 515 - Juden verschenkt, einen Teil erhält das jüdische Waisenhaus, in dem augenblicklich zwölf Waisen erzogen werden. Einige Familien schicken anstatt der Früchte Geld; dafür kaust der Rabbi Kartoffeln und andere Lebensmittel. Das ist praktisches, soziales, lebendiges Judentum! Sanitätsrat Dr. St einth al. ■ i ■ ifii Lalle. Erzählung von Georg 3. Plotke. <+* UL ' Uch teile Ihnen die ganze Geschichte um so seelenruhiger mit, als ich keinerlei Indiskretion damit begehe. Vielmehr glaube ich, den unklaren und entstellenden Gerüchten, die seinerzeit umliefen, durch meine reine Schilderung der Tatsachen ihre böse Spitze zu nehmen. , Dorothea Dohms war also unzertrennlich von ihrer Mutter und-bildete mit dieser, ebenso wie aus der anderen Seite Max und der Vater, ein getreues Abbild jener merkwürdigen Kreuzungsehe. Dabei ähnelte sie-dem Vater wie ein Ei dem anderen. Sogar dessen etwas grimmigen Zug hatte sie - - wohl durch die leicht vorstehende Oberlippe verursacht — wenn sie, in Gedanken vertieft, über die Straße ging. Eine Herbigkeit, die schon während ihrer Kinderjahre sich in drollig schnippischem Wesen zu äußern begann, ist diesem kerngesunden, leuchtenden Geschöpf immer eigentümlich geblieben. Heranreifend, wurde sie überaus zurückhaltend und selbst für die jungen Leute in der Tanzstunde ganz unnahbar. Das ist ihr, weil sie ebenfalls gescheit war, oft als Einbildung verdacht worden, aber ich weiß aus bester Quelle, daß sie die Herzensgüte selber ist. Mit Max, den sie schon als Kind bemutterte, verstand sie sich ausgezeichnet. Es bildete sich mit dem um zehn Jahre älteren Bruder eine Prächtige Kameradschaft heraus. Und die gestaltete sich nach dem Tode der Mutter, der von den Zurückgebliebenen unsäglich schwer, und gerade von Dorothea erst nach Jahren verwunden wurde, nur noch fester. Max war inzwischen Advokat geworden. Er hält sich ja trotz seiner Unstätigkeit, und obwohl ihm sein Berus sicherlich fremd geblieben ist, ganz tapfer. Er schloß mit Dorothea gewissermaßen eine geheime Allianz dem Vater gegenüber, der mit den Jahren hier im Wiener Kultusministerium zum -Oberregierungsrat aufrückte und auch in seiner Häuslichkeit etwas grämlich konservativ-geworden ist, worunter natürlich die Tochter zu leiden hatte. Er beklagte sich manchmal im halben Ernst bei mir, seine Kinder hätten sich gegen ihn verbündet, und Dorothea erreiche dadurch alles, was sie wolle. In der Tat legte Max alle Energie dafür ein, der Schwester zur Entwicklung ihrer Talente zu verhelfen und sie vor der üblichen Pensionszeit zu bewahren. Er hatte in ihr den „Nerv" für die Welt des Schönen wie der alte Bischer es nennt, entdeckt und drang nun darauf, ihr eine Betätigung ihrer Neigungen zu ermöglichen. Sicherlich hoffte er, die Schwester, indem er ihr in der Kunst eine innere Heimat gab, vor den Qualen zu bewahren, die sein Leben zerstört hatten. Und in gewisser Hinsicht sollte das ja glücken. ' Aber ganz anders, als er es Vorausfehen und wünschen konnte —Dorothea malte Miniaturen auf Elfenbein — die Sammelliebhäberei des alten Rosenstein schien sich ihr in Kunstbegabung umgeartet zu haben — und brachte kunstgewerbliche Arbeiten zuwege, die ein.recht achtungswertes Gesicht trugen. Schließlich' erreichten die Geschwister nach monatelangem Bemühen sogar, daß Dorothea aus längere Zeit nach Prag übersiedeln durfte, um dort ein berühmtes kunstgewerbliches ' Atelier zu besuchen/ Dort in den Kreisen, wo sie ihre frühen Mädchenjahre verbracht hatte, fühlte sie sich bald heimischer als in der Wiener Häuslichkeit, in der sie nur zu Ferienzeiten wie ein Sonnenschein einkehrte. Dort in Prag wurde die mütterliche Freundin, bei der sie Ausnahme gefunden hatte >und wie ein Kind des Hauses gehalten wurde, auch auf «ihre Stimme aufmerksam, und Max strahlte vor Freude, als er mir erzählte, daß seine Schwester ihm in den Ferien mit schon leidlich geschulter Stimme ein Strauß'sches Lied vorgesungen hatte. Natürlich besaß sie da- (mals noch nichts von dem inneren prachtvollen Glühen und dem perlenden Schmelz ihres heutigen Könnens. Diese Brahmslieder vorhin waren doch unvergleichlich! Damals war sie einundzwanzig Jahre alt. Ich sehe auf Ihren Gesichtern die Frage nach der Liebe, die doch auch in dies reiche Herz einmal feierlichen Einzug halten mußte. Gedulden Sie sich! In Prag lernte sie irgendwo — die näheren Umstände sind mir fremd — den jungen Gutewski kennen,, den einzigen Sohn einer der ältesten rumelischen Adelsfamilien. Er war eine glänzende und bewegte Persönlichkeit, erregte aber gerade seiner blendenden geistigen und körperlichen Vorzüge wegen erst später Dorotheas Aufmerksamkeit. - Denn sie glaubte von den Wiener Gesellschaften her diese Art Menschen sattsam zu kennen, die hinter ihrer geistreichen äußeren Physiognomie eine abgründige Leere verbergen. Das traf nun für den jungen Gutewski wirklich nicht zu. -- Sie werden seinen Namen vielleicht vom Budapester Derby her kennen. — 'Er war ein energischer Mensch, in dem sich eigentlich eine aristokratische, weltkennerische Form aus dem Umwege über die Kultur mit starken leitenden Urinstinkten glücklich vereinigte. Er mochte so sein, wie ich mir die Natur, des'Grasen Gobineau, als er Jüngling war, vorstellte. Jene edle Kulturfülle und Lebensverfeinerung besaß er, wie sie in ganz alten Familien zu Hause ist, die viel Diplomaten und Geistliche, in früheren Jahrhunderten auch Feldherren, gezeugt haben. Die Erben solcher Eigenschaften stehen, wenn sie nicht ganz überragende Persönlichkeiten sind, oft jenseits von gut und böse: wie rassige edle Tiere werden sie gedrängt, ihrer Witterung, ihrem Triebe als. dem formgebenden und leitenden Daseinselement nachzugeben, und zwar entfalten sie in diesem Nachgeben ihre zäheste Energie bis in die äußersten Konsequenzen hinein. Darin liegt vielleicht sogar etwas Religiöses, indem ein dunkler innerer Wille wie ein Schicksal, eine Vorsehung, in ihnen treibend zu walten scheint; aber der maßlose Egoismus ihrer Lebensführung'widerspricht meistens solcher Auffassung. Gutewski interessierte sich zunächst nur für Dorotheas Kunst. Die Ratschläge, die er für ihre gesangliche Ausbildung und die Hilfe, die er ihr bei schwierigen kunstgewerblichen Arbeiten gab, waren wertvoll; auch blieb er in ihrer- - Nähe einfach und frei von Unaufrichtigkeiten. Es' ergab sich dann, weil Dorothea sein beharrliches schweigendes Werben nicht beachtete, eine Art Freundschaft zwischen den beiden jungen Menschen. Mir altem Mann, glauben Sicks mir, kommt Freundschaft zwischen Mann und Frau, solange sie jung und ungebunden sind, Glut und Kraft besitzen/wie ein Unding vor. Hier war sie nur eine Kulisse, die wie Nebel sich verflüchtete, als Dorothea die Augen öffnen wollte. Und nun löste sich ihre ganze Herbheit. 'Die Gerüchte, die dann über das Verhältnis der beiden umliefen und von unserer zermürbten Gesellschaft tuschelnd kolportiert, einen bösartig peinlichen Charakter annahmen, sind mir höchst gleichgültig. Sie können mir in keinem Fall cm

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