Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Doch kehren wir zu Poes Erzählung, die in ihrergrotesk-dramatischen Lebendigkeit kaum zu überbieten ist, zurück. Der Dichter zeigt hier eine solche Kenntnis heidnischer Kulte, — man vergleiche insbesondere die Anführung heidnischer Gottheiten (nach. II.. Kön. XVII. 30, 31), — daß wir bewundernd ihm folgen. — Ein wirklich großer Geist, ein Gelehrter und Phantast zugleich, spricht zu uns aus dieser Erzählung, wie, aus den übrigen Dichtungen dieses orginellen Genies, dem nur eines gefehlt zu haben scheint: das Maß. Jedenfalls konstatieren wir es mit Freude, daß auch Poe, so sehr sonst ihm Juden und Judentum fernabliegende Gebiete bildeten, an ihnen nicht achtlos vorüberging. Bibel und Talmud lieferten ihm Quellen für seine allerdings absonderlichen poetischen Gestaltungen. Wir freuen uns darüber, neben „William Wilson" und den „Raben", neben „Gordon Pym" und der Darstellung einer grandiosen Weltanschauung in seinem „Heureka", der Schilderung seiner phantastischen. Luftschiffahrt zum Monde, unternommen von dem mutigen Hans Pfaal, auch manches Jüdische zu finden, wie es uns Freude bereitet, in der Fremde Bekannte" zu treffen./Vielleicht wird diese Skizze einige anregen, die Werke dieses eigentümlichen Dichters zu lesen. Man kann in seinen Novellen auch den Vorläufer der so viel gelesenen Sherlock-Holmes-Geschichten erkennen. Hier sollte nur gezeigt werden, daß Poe nichts Menschliches fremd war, auch nicht, wenn. es. Juden betraf. Neilrbrirkr II. Washin g t o n , 27. September 1912. as Judentum lebt, nicht wie ein alter Baum, der allmählich verdorrt, dessen Zweige keine Blätter mehr tragen, sondern wie ein kräftiger Stamm, der neue Reize ansetzt, an dessen Zweigen Blüten hervorsprossen. An seinen Früchten werdet ihr, liebe Leser, dies erkennen. Unsere deutschen Glaubensgenossen, die Zeugen des immer mehr um sich greifenden Abfalls von dem Väterglauben sind, fürchten um den Bestand des Judentums. Fort mit dieser Furcht! Wer es irgendwie ermöglichen kann, gehe hin nach Amerika und überzeuge sich, wie kraftvoll unsere Glaubensgemeinschaft hier lebt und wirkt, und wie andächtig sie betet, nicht nur in den orthodoxen Synagogen, sondern erst recht in den reformierten, und nicht nur am Versöhnungstag, sondern auch am Laubhüttenfest, das ja viele Berliner Juden kaum dem Namen nach kennen. Unseren geistlichen Führern möchten wir aber nach dem, was wir gesehen und erlebt haben, zurufen: „Videant consules ne quid detrinenti capiat religio!“ Nachdem ich den Kolnidreabend, eingeladen von einem der bedeutendsten Aerzte und angesehendsten Bürger Philadelphias, Dr. I. Solis Cohen, dessen Vorfahren vor 250 Jahren. aus Portugal in Pennsylvanien eingewandert waren, in der Portugiesischen Svnagoge verlebt und einem sehr langen ermüdenden Gottesdienst beigewohnt hatte, der auch beson^ ders durch das . Fehlen Unserer schönsten Gebete und durch die absolute Stimmlosigkeit des Vorbeters unbefriedigend war, suchte ich am Versöhnungstage selbst das' Gotteshaus „Randes Scholaum" auf, wo ich trotz der im ersten Augenblick ganz ungewohnten Erscheinung der mangelnden; Kopfbedeckung bei den Männern inkl. Rabbi und Vorbeter die allerinnigste Andachl fand.' Es wird hier das Gebetbuch benutzt, welches 200 Gemeinden Amerikas angenommen, haben: Das Union Prayer Book for Jewish Worsliip, etwa einviertel hebräische und dreiviertel englische Gebete enthält. Die letzteren sind ganz ausgezeichnete Üebersetzungen^ der hebräischen Gebete und imstande, auchvom Ausländer, der die Sprache nicht beherrscht, empfunden zu werden. Sehr praktisch ist es, daß der Vorbeter oder Rabbi bei . jedem neuen' Gebete die Seitenzahl angibt; dadurch fällt die berühmte Frage-„wo hält man?", die so oft den/ersten Anstoß zur Unterhaltung gibt, fort: Letztere gibt es einfach nicht in diesem Gottesdienst. Das Publikum nimmt lebhaften Anteil an der Andacht, da die Psalmen und viele andere Gebete als Responsorien gebetet werden. Als um 1 Uhr Schacharith zu Ende war, sagte der Vorbeter, daß weiter gebetet wird; wer aber sortgehen wolle, möge jetzt gehen. Eine Pause von 1—2 Minuten, und der Gottesdienst bleibt ungestört. Gegen Störungen besteht überhaupt die möglichste Sicherung: der Tempel ist mit einem riesig großen Teppich vollständig ausgelegt, so daß die zuspät Kommenden nicht gehört werden. — Die Totenfeier findet am Nachmittag nach der zweiten Vorlesung aus der Thora statt. Für Amerika charakteristisch ist, daß nach dem stillen Gebet, bevor-die im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder der Gemeinde genannt werden, die Namen der berühmten, Männer Erwähnung finden, welche im selben Zeitraum dahingingen, so in diesem Jahre Lord Lista, Strindberg u. a. Philadelphia besitzt fünf große Synagogen, .vier mit. Orgel, aber im ganzen etwa fünfzig Betstätten, die an den hohen Festtagen auf hundert sich vermehren. Wir sahen einen Gottesdienst z. B. in einem großen Theater etabliert, wo auf der Bühne der Vorbeter mit einem großen Knabenchor stand und zwar im weißen Kittel, das Parkett und sämtliche Ränge waren mit Glaubensgenossen gefüllt, wohl meist Russen — das Ganze machte keinen sehr erquicklichen Eindruck. Alle Synagogen in Amerika befinden sich frei an der. Straße, ebenso wie die Kirchen, welche auch nicht auf öffentlichen Plätzen stehen. Hier haben alle Religionen gleiches Recht, und man ist im, allgemeinen viel frommer als in Europa, was aus der großen Anzahl der Kirchen zu schließen ist, obwohl oder vielleicht, weil der Staat um den Glauben seiner Bürger sich nicht kümmert. Wir glauben, daß die Entwicklung Amerikas bzw. der Vereinigten Staaten in wenigen Jahrhunderten zu einer so hohen Kulturstufe nur durch das Fehlen aller religiösen Kämpfe ermöglicht wurde. Wie entwicklungsfähig aber das Judentum ist, sollte ich bei der Feier des Sukkoth-Festes in Washington erfahren. Am Vorabend desselben holte mich der Rabbi Dr. Simon, den ich bei dem angesehensten Mitgliede der hiesigen,Bne- Brith-Loge, Mr. Simon Wolfs, Ehrendoktor der Universität Straßburg (im Jahre 1881 -Minister und amerikanischer Gesandter in Aegypten), kennen gelernt hatte, aus dern Hotel ab. In der Synagoge fand ich eine Laubhütte um den Almemor erbaut, auf der Estrade desselben waren in großer Menge Früchte niedergelegt, welche die Mitglieder der Gemeinde gesandt hatten. Nach dem Abendgebet zogen etwa 200 Kinder, Knaben und Mädchen, unter Orgelklängen ein, die kleinen Kinder eine Frucht bringend, die größeren einen gefüllten Korb, zuletzt die ganz großen auf ähren Schultern große Maisstauden mit den Kolben daran tragend. Maisspielt , ja hier in der Nahrung eine sehr große Rolle. Nachdem die. Kinder Platz genommen, sangen sie einen Hymnus, dann trat von jeder Frucht ein Vertreter oder eine Vertreterin auf den Almemor und sprach einen oder einige Verse, welche' die Bedeutung der Frucht dartun, auch der Lulow, d. Esroy, die Myrte und die Weide erschienen einzeln vor uns. Dann wieder ein Hymnus und zuletzt eine kurze Predigt. Kurz:^ ein wirkliches' Erntedankfest ist hier aus dem Sukkoth geworden,- was es ja auch in Palästina einst war. Groß und. klein dankt Gott für den Segen der Ernte. Am Nachmittag des.ersten Feiertags aber werden alle die dargebrachten Früchte an arme