Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
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—— 513 Jüdilches in den TÄerdkn non . Ldgsr Allan One?' Von Dr. M. G r ü n f e l d. Ufer amerikanische Dichter, geboren am 19. Januar 1809 zu Boston, gestorben am 7. Oktober 1849 zu Baltimore, gehört zu jenen Gestalten, deren Charakterbild in der Literaturgeschichte „schwankt". Das groteske Wesen in seinen Novellen und namentlich in seinem „Romane" „Gordon Pyms Abenteuer", der eigentlich einer Robinsonade viel ähnlicher ist, seine ausschweifende Phantastik, sein mehr als grimmiger Humor, haben viele Bewunderer gefunden. Andere wieder, so insbesondere Griswöld, sahen in den angegebenen Eigenschaften des Dichters Ausgeburten eines Alkoholikers, eines von Lastern aller Art zermürbten Geistes. Die Biographie des Dichters, die von Ingra m mit vieler Sorgfalt geschrieben wurde, gehört zu den modern gewordenen „Rettungen" vielfach verkannter und nicht richtig gewürdigter Männer. Arthur Moeller - Bruck hat uns durch eine seine, psychologische Studie in das dichterische Schaffen dieses merkwürdigen Menschen einzuführen versucht. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß die Dichtungen des eigenartign Mannes auf den Unbefangenen den Eindruck machen, daß wir es mit einer, wie man jetzt sagt, perversen Natur zu tun haben. Eines wird aber jeder zugestehen müssen: Es gibt wenige Persönlichkeiten in der Weltliteratur, die, bei aller Phantastik in der Darstellung, so viel Gelehrsamkeit und Kenntnisse auf den verschiedenartigsten Gebieten des Wissens vereinigen, wie Edgar Allan Poe, der Dichter des „Raben", Und ich möchte nun in dieser Skizze aussühren, wie er in seinen Werken auch Zeugnis ablegt, daß ihm das Judentum, seine Geschichte und Lehre, nicht ganz fremde Gebiete gewesen sind. Ich beginne damit, daß ich auf 'einen schönen Vergleich Hinweise, den er in seiner Novelle „Morella" (4. Band der „Werke", S. 69) macht. Hier sagt er: „Und so erstarb die Freude bald im Entsetzen, das Schönste wandelte sich zum Gräßlichen, wie einst das Tal Hinnom zur'Gehe n n a w u r d e." Nur ein mit den Worten des Propheten Jeremias (VII. 32) tief vertrauter Geist konnte sich zu einem solchen plastischen Vergleiche aufschwingen. Doch diese Vertrautheit mit der Bibel ist bei Schriftstellern und Dichtern protestantischen Bekenntnisses nichts Ungewöhnliches. Was mich beim Lesen der Werke Poes mehr wunderte, war die Anführung eines t a l m u d i s ch e n Satzes, der besagt: „Wer das Amen mit Kraft ausspricht, dem ist das ewige Leben sicher." In der Novellenreihe, die den in der Tat wunderlichen Titel, „Der Engel des Wunderlichen" führt, findet sich die Groteske „Der verlorene Atem". Am Schluffe dieser Novelle, die den ganzen phantastischen Geist des Dichters in deutlichster Gestalt zeigt, sagt er: „Ich kann die Erzählung der Einzelheiten dieser sehr merkwürdigen Epoche meines Lebens . . . nicht schließen, ohne die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Verdienste jener Philosophie zu lenken, die ein sicherer Schild gegen die Pfeile dös Mißgeschickes ist, welche man weder sehen, fühlen, noch vollständig verstehen kann. Es lag im Geiste jener Weisheit, daß die alten Hebräer glaubten, die Tore des Himmels öffneten sich jedem, ob Sünder oder Heiliger, der nur mit voller Lungenkrast und absolutem Vertrauen das Wort „Amen" au srufen konnte." (Werke, 10. B., S. 46.) Es wäre interessant zu erforschen, woher dem Dichter diese Kunde ward. Daß Poe in der Novelle „Der Untergang des Hauses Usch er" (Werke, x) Ich beziehe mich auf die Uebersetzung der Werke Poes, herausgegeben von H e d d a u'n d Arthur M o e l l e r - B r u ck, 10 Bde. Minden in Westfalen, Bruns Verlag. - lI .tili S. 137—173), in dem Helden einen Juden zeichnen wollte, ist mehr als wahrscheinlich, wenigstens deuten der Name und die Schilderung Uschers darauf hin: „Eine leichenhaste Bläffe — große, klare, unvergleichliche leuchtende Augen — schmale, bhiäjc, doch unübertrefflich schön geschwungene Lippen — d i e Nase von edel st em jüdischen Schnitt, mit eigentümlich breiten Nüstern, die man sonst nie mit diesem Typus vereinigt findet — ein schön modelliertes Kinn, dessen Zurücktreten auf einen Mangel an Energie schließen ließ — spinnwebseines, seidenweiches Haar — alle diese Einzelheiten bildeten mit seinen ungewöhnlich breit ausladenden Schläfen ein Antlitz, das man nicht leicht vergessen konnte." (Werke, IV.' S. 148). Nicht nur diese Physiognomischen Angaben, auch die Schilderung des Geschwisterpaares selbst in dieser grauenvoll schönen Erzählung, in der Poe das von ihm sehr geliebte Thema der Scheintoten wieder behandelt, weist auf jüdische Familienliebe hin. Doch kehren wir wieder zu der Novellensammlung: „Der Engel des Wunderlichen" zurück. Die Groteske „Vier Tiere in einem. Der Homo-Cameleopärd", beschäftigt sich mit dem uns wohlbekannten Antiochos Epiphanes und. führt uns in dessen Hauptstadt. Wenn aber Poe'(Werke, X. S. 187) sagt: „Antiochos Epiphanes wird gewöhnlich für den Gog des Propheten Ezechiel gehalten" (Ez. Kap. XXXVIII), so möchten wir dieser Anschauung widersprechen, da sie einen Anachronismus enthält. „Diese Ehre kommt aber", wie Poe verbessernd bemerkt, „viel eher dem Cambyses, dem Sohn des Cyrus, zu." Diese Ansicht hat schon mehr für sich. Sie läßt sich wenigstens chronologisch bestätigen, obwohl man, nach Ewald, viel eher den Gog-Magog Ezechiels mit der Skytheninvasion in Zusammenhang bringen kann. Jedenfalls gehört die Schilderung des Epiphanes oder Epimanes, wie sie Poe uns darbietet, zu den Hervorbringungen eines naturalistischen Genies, die von den Nachtretern des Dichters in späterer Zeit nachgeahmt, aber bei weitem nicht erreicht wurden. Und nun zu dem Hauptstücke: „Eine Widerbor st igk e i t". (Werke, X. S. 201—210). Hier erhalten wir eine phantastisch aufgeputzte kurze Erzählung einer Episode aus der jüdischen Geschichte. Es erzählt uns darüber Josephus in den Antiquitates (XIV. 2, 1—2), aber auch im Talmud (Sota, Ende) wird über diese nicht sehr erbauliche Geschichte berichtet. Mit Poe sagen wir, es handle sich bei dieser „Widerborstigkeit" um das „unaussprechliche Fleisch." Natürlich meint er das Schwein. Aber auch in dieser Erzählung geht Poe nicht ganz historisch vor, wenn er den Tempel damals von Pompeius belagern läßt. Nicht die Römer haben sich der „Widerborstigkeit" schuldig gemacht, sondern die Juden, oder vielleicht die mit ihnen verbündeten Heiden. Josephus und auch der Talmud (der letztere freilich in anderer Art) berichten: „Als während des Bruderzwistes zwischen Aristobulos und Hyrkanos, den Söhnen der Alexandra, der erstere von seinem Bruder im Tempel belagert wurde, baten die hier eingeschlossenen Priester die Belagerer um die nötigen Opfertiere und gingen auf das Verlangen, für jedes Tier 1000 Drachmen zu zahlen, ein. Als sie aber das Geld von der Mauer heruntergelassen hatten, brachen die Belagerer ihr Wort und lieferten die Tiere nicht. Der Talmud aber erzählt, die Belagerer hätten gegen Zahlung eines Denars ein Opfertier geliefert; einmal aber statt dessen — ein Schwein. Diesen Bericht verwertet Poe in der Erzählung „eine Widerborstigkeit". Wieder fragen wir uns, woher der Dichter seine Kunde besitzt. Brann sagt in seinem Werke „Geschichte der Juden" (I. S. 103), „die heidnischen Kriegsgefährten der Belagerer" hätten in ihrer „rohen Spottlust über jüdische Gebräuche ein Schwein in den Tragkorb" gelegt. Das wäre eine Milderung des argen Frevels, die sich aus dem talmudischen Berichte freilich nicht belegen läßt. —