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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-25 · Heft 43 (25.10.1912) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 43 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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lind wenn wir zum Beispiel in Neuenahr 1911. in unserem Heim unter achtundvierzig jüdischen.Kranken der minderbemittelten Klasse zweiundzwanzig Diabetiker zu verzeichnen hatten, so spricht diese Zahl schon deutlich genug. Wir, die wir seit einer Reihe von Jahren diese unbemittelten Kranken unter unsere Obhut genommen haben, beobachten und registrieren genau deren soziale Verhältnisse und sehen leider, daß unsere ärmeren und ganz armen Kranken recht oft von jenen Leiden heimgesucht werden, die ebensowenig die Menschen klassifizieren wie der unbarmherzige Tod. Angesichts der großen Zahl von Juden aller Kreise und religiöser Schattierungen, die 'alljährlich zur Kur nach Neuenahr kommen, stellte sich die Notwendigkeit heraus, da der Wohlhabende sich jeden Komsort und jede Behandlung leisten kann, und eine Reihe guter jüdischer Hotels verschiedenen Genres für rituelle Verpflegung sorgt, auch für die ärmeren und insbesondere dem kleinen Mittelstand Angehörigen, ein Heim zu schassen, in dem sie rituell und kurgemäß leben können und zwar unter ärztlicher Aussicht, der einzig sicheren Garantie eines erfolgreichen Kurgebrauches. Aber auch für Fälle Plötzlicher ernster Erkrankungen jüdischer Kurgäste sollte die Möglichkeit einer Unterbringung Bessersituierter vorhanden sein, die das Bedürfnis eines jüdischen Milieus für die Tage ernster Krankheit empfinden (Gallensteinkranke, schwere Formen diabetischer Störungen, die oft Plötzlich eintreten und die Heimreise nicht gestatten). Man hat in maßgeblichen jüdischen Kreisen die Ansicht gehabt, daß eine solche Notwendigkeit nicht vorhanden sei, und daß das Judentum wichtigere soziale Ausgaben zu erfüllen habe, als in Kurorten Krankenheime zu errichten, die dazu angetan seien, den angeborenen Mangel an Anspruchslosigkeit dieser Schichten, den man bei Andersgläubigen nicht fände, noch zu steigern. Wir ersparen uns eine Kritik an solchen Anschauungen. Aus der zwingenden Notwendigkeit heraus haben wir vor Jahren in Ems einen Hilssverein für jüdische Nerven- und Geisteskranke ins Leben gerufen, aus denselben Gesichtspunkten heraus, daß der jüdische Kranke, auch der Geisteskranke, am besten in jüdischer Umgebung gesund wird, bestärkt in unseren Anschauungen und Erfahrungen durch die Gutachten hervorragender christlicher Sachverständiger, die unseren Nöten, bei Gott, oft mehr Verständnis und Wohlwollen entgegenbringen, als unsere sogenannten großen jüdischen Männer. Dieser Verein, dessen - Kranke zumeist in der Jacobischen Heil- und Pslegeanstalt in Sahn untergebracht sind, leistet Hervorragendes. Das Judentum aber erfüllt eine bedeutsame soziale Aufgabe, wenn es neben der Erziehung und Pflege der Heranwachsenden Jugend zu Sport und Gymnastik, der Stählung des Körpers und des Willens, der Fürsorge für geistig Minderwertige und körperlich verkümmerte Kinder, die zeitlebens eine Last der Gesellschaft bilden, der Heranziehung der Jugend zu Berufsarten, die der alten und älteren Generation fremd waren, durch Ackerbauschulen und Handwerkervereinigungen usw., wenn eD neben diesen Problemen das Problem nicht aus dem Auge läßt, das sozial und wirtschaftlich gute Zinsen trägt, arme unbemittelte Kranke durch Kuren in geeigneten Kurorten, Sanatorien, auch Hospitälern, entweder so zu bessern, daß sie für ein Jahr wieder leistungsfähig und. erwerbsfähig werden, geschwächte. Mütter ihrem Haushalt und der Familie so zurückzugeben, daß sie wieder die sorgende Hand darüber halten können, oder Väter, daß sie wieder etwas. verdienen und anderen nicht ganz zur Last fallen, daß sie lernen, wie sie daheim leben sollen, um sich die erzielte Besserung zu erhalten, oder was ja doch oft vorkommt, wenn nicht durch einmalige Kur, nun. dann in Gottes Namen durch wiederholte Kuren ganz geheilt zu werden. Was für den Neichen selbstver-' stündlich -ist, soll «dem Armen uicht vorenthalten werden! Das ist soziale Arbeit im jüdischen Geiste. Und vergessen wir doch eines nicht, daß wir Juden immer und immer wieder und immer und immer noch auf Selbsthilfe angewiesen sind. Wer Hilst uns, wenn nicht wir selber? Das hatte der selige Raphael Ettlinger in Frankfurt begriffen und tief erfaßt,^ er, der selbst in Neuenahr Heilung suchte, als er die Idee des Krankenheims zur Tat werden ließ, er, der selbst die Saat ausstreute, aber die Frucht nicht völlig reifen sah. Wir wissen und verkennen es nicht, daß manchem dieser Kranken auch wohl in einem (jüdischen) Hospital könnte geholfen werden, aber ein Hospital ist kein Kur- und Erholungsort, und leider muß es gesagt sein, wir haben zu wenig jüdische Krankenhäuser, das ist ein Punkt, der wesentlich anders werden muß; die Verhältnisse der jüdischen Aerzte werden nicht besser werden, die Möglichkeit ihrer B e t ä t i g u n g a n Krankenanstalten immer geringer. Hier haben wir keinen Kulturfortschritt zu verzeichnen. Viäeant eon8u1es! Der jüdischen Aerzteschast — es gibt leider eine solche — und ich kenne eine große Stadt in Süddeutschland, in der die reinliche Scheidung der Aerzte so weit geht, daß bei Versammlungen die jüdischen Aerzte aus der einen, die christlichen aus der anderen Seite sitzen! Im Jahre des Heils 1912! — aber es erwächst daraus für uns die sittliche Pflicht, sich auf diesem Gebiete einmütig und ohne Eigenbrödelei zu rühren! Es ist höchste Zeit! Denn was nützt es, zu vertuschen, daß man sie überall an die Seite zu drücken sucht, außer etwa die, die sich abseits stellen. Doch zur Sache. Unser Heim haben wir nun mietweise seit zwei Jahren, ein hübsches sauberes Häuschen, mit allem, was man mit den geringen Mitteln bieten kann. Bis dahin mußten wir unsere Kranken in Privatlogis unterbringen und verpflegen, wodurch der Kurerfolg sehr in Frage gestellt wurde. Der Verein, dessen Spender- und Mitgliederzahl erfreulich steigt, gewährt armen und weniger bemittelten Kranken aus allen Teilen Deutschlands, aber auch, hilflosen Glaubensgenossen des Auslandes freie Kur, Verpflegung und Behandlung. Leider müssen wir alljährlich eine große Anzahl von Aufnahmegesuchen zurückweisen, da die bisher vorhandenen Mittel nicht reichen. Einen tatkräftigen Förderer fand das Heim, das unter selbstlosester ärztlicher Fürsorge steht, in der Person des Herrn Kommerzienrats Wahl in Barmen, des zeitigen Vorsitzenden. In hingebender liebevoller Arbeit leitet eine tüchtige unermüdliche jüdische Krankenschwester die Wirtschaft, die Beaufsichtigung der Kranken und die Ausführung der ärztlichen Verordnungen. Wir. konnten im Jahre 1911 48, im Jahre 1912 58 Kranke verpflegen, und haben die hohe Freude, daß alle unser Heim gekräftigt an ' Leib und Seele, dankerfüllt und hofsnungsfroh verließen, und wir haben die Gewißheit, daß sie zur Zeit der hohen Feiertage nicht nur Segenswünsche daheim und fromme Gebete im Gotteshause für unser Werk emporsteigen ließen, sondern auch draußen durch Erzählen des Selbsterlebten und der Wohltaten in' diesem friedlichen Heim wirksame Propaganda machen werden. Ein umsichtiges Kuratorium leitet und hegt das hohe Vermächtnis eines idealgesinnten Toten. Wir aber rufen allen zu: „Kommet und helfet dem Herrn ein Haus zu bauen, denn Segen hundertfältig bringt die gute Tat!" Dr. Lichtenstein - Bonn.

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