Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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vorgerückteren, Jahren, noch dazu als Junggeselle, den alten mit-dem neuen Glauben vertauscht hat, ist uns ebensalls unfaßbar. - ~ „Erkläret .mir, Graf Oerindur, , . - . Diesen Zwiespalt der Natur!" Die Aufklärung derartiger „Extravaganzen", gelinde gesagt, die sich meistens bei dem Alter der Täuflinge gar nicht einmal durch die Rücksicht auf das eigene Vorwärtskommen oder das der gar nicht vorhandenen Nachkommeirschaft vom Praktischen Standpunkt aus rechtfertigen läßt, wäre im höchsten Grade Psychologisch interessant. Eine andere Frage, die ja wiederholt schon in 'jüdischen Blättern ventiliert worden ist, ist die: Wie sollen wir als überzeugungstreue Juden uns zu den Taufjuden stellen? Die Entscheidung hierin, die unzweifelhaft bezüglich des Persönlichen und Geschäftsverkehrs von einer gewissen Bedeutung ist, muß dem Taktgefühl jedes einzelnen überlassen werden. Wichtiger ist die Frage: Wie stellen wir uns zu den Taufjuden, die im öffentlichen,Leben eine Rolle spielen oder gern spielen wollen? Allerdings haben die Neüchristen bei den letzten Reichstags- . Wahlen, die erfreulicherweise verschiedene, sich noch zum Judentum bekennende Sozialdemokraten und nach langjähriger Unterbrechung auch zwei waschechte jüdische Fortschrittler in den Reichstag gebracht haben, viel schlechter abgeschnitten, als ihre Stammesbrüder, die offen ihr Judentunr zur Schau trugen. Der getaufte Herr Justizrat Lew in in Berlin, der Schwiegersohn Albert Traegers, fiel im Wahlkreis. Mühlhausen-Langensalza schmählich durch, trotzdem er sich vom Prinzen Carolath-Schönaich, in dessen Bezirk Guben er früher wohnte, schriftlich bescheinigen ließ, daß er. Lewin, Christ sei. Auch der Amtsgerichtsrat Hertz in Harburg, der „fortschrittliche" .Reichstagskandidat des gleichnamigen Wahlkreises, der erfreulicherweise ebensalls unterlegen ist, ohne in die Stichwahl zu gelangen, hat so entschieden seine christliche Konfession hervorgehoben, daß man, wenn man sich aus den eigenartigen Standpunkt stellt^ daß unverfälschte arische Herkunft ein Vorzug, jüdische Abstammung ein Mangel,'ja geradezu ein Makel sei, geneigt ist, an die Anwendung des bekannten Sprichworts zu denken: „Qui s’excuse, s’accuse!" Anderseits trat bedauerlicherweise Fabrikbesitzer Loewenthalt in Brieg als fortschrittlicher Kandidat iu Brieg zurück, -weil das Wahlkomitee annahm, ein christlicher Kandidat würde mehr Stimmen erzielen. Das war aber keineswegs der Fall. Der christliche Redakteur W i n k l er erhielt sogar noch weniger Stimmen, als bei der vorletzten Wahl auf Herrn Loewenthal gefallen waren. Farbe bekennen heißt also für uns die Parole, und deshalb lehnen wir es als aufrechte Juden von echtem Schrot und Korn ab, eine Prämie aus die Gesinnungslosigkeit zu setzen und Daufjuden, alias Neuchristen, den Steigbügel zu halten, um das Roß zu tummeln, auf dem sie ihren Ehrgeiz im öffentlichen Leben befriedigen' können. Das hieße uns selbst erniedrigen. . Dr. Carl Pinn. löonner Lrirk. ^rn einem vor kurzem in dem Israelitischen Familien- J blatte erschienenen „Neuenahrer Brief" war über die Neuenahrer Verhältnisse und Einrichtungen, speziell die jüdrschen, berichtet und dabei auch in liebenswürdiger Weise des dortigen israelitischen Krankenheims gedacht worden. Es dürfte aber wohl - weitere Kreise interessieren, etwas Näheres über dieses Heim zu erfahren. Ich wurde in der letzten Generalversammlung, am 15. v. M., beauftragt, darüber zu referieren. Das gibt , mir Anlaß zu den folgenden Betrachtungen: Alljährlich zur Saison von Mitte Mai ab strömen tausende Kranker, zum Teil Schwerkranker, insbesondere auch Glaubensgenossen, Hilfe und Heilung suchend und erhoffend nach Bad Neuenahr, der einzigen alkalischen Therme in Deutschland. Die Bäder und Quellen erfreuen sich in Laien- und Aerztekreisen weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus eines guten Rufes/ nicht minder die landschaftlich schöne Gegend des Ahrtales, die das Ziel großer Scharen wanderfroher Menschen zur Frühjahrs- und Sommerszeit ist. Es mögen ja über die Wirkungen solcher Heilquellen die Meinungen noch geteilt sein,, so Wiel steht einwandssrei fest, daß die günstige Wirkung und der Einfluß der Trink- und Badekuren bei Zucker-^ Leber-, Gallenblasen-, Nieren-, Magenrurd Darmerkrankungen u. a. m. ein unbestritten heilsamer, bisweilen überraschender ist. Wie viel von, diesen Erfolgen aus Konto der anderen Heilsaktoren, Ruhe, Lust, sachgemäße Diät, Fernsein von der Arbeit und den Belästigungen des Alltags zu setzen sind, bleibe dahingestellt, da diese Umstände bei allen Kurorten schwer ins Gewicht fallen. Es ist aber falsch und vor allem unsachgemäß, sich, wie das leider zuweilen noch immer geschieht, auf den Standpunkt zustellen/als sei dies alles übertrieben und der eigentliche Erfolg der Neuenahrer Kuren auch unter anderen Verhältnissen und an jedem anderen Orte zu erzielen. Diese rein medizinischen Erörterungen, die sich leicht wissenschaftlich beweisen lassen, sind notwendig zum Verständnis des folgenden: Ich sagte vorhin, daß in Neuenahr besonders viele Glaubensgenossen Heilung, Besserung und Erholung suchen. Das hat darin seinen Grund, daß gerade die Juden, wie ja bekannt ist, viel von Erkrankungen des Stoffwechsels, Zuckerharnruhr-, Gallenblasen-, Leber-, Nierenusw. Leiden heimgesucht werden und zwar möchte ich an dieser Stelle endlich einmal die Fabel aus der Welt schaffen, als ob diese Leiden durch zu großen Komfort der Lebenshaltung herbeigesührt würden. Gerade das Gegenteil trifft den Kern der Sache. Die Unruhe und Hast des Daseins, die unsere Altvorderen hinaus auf die Landstraße trieb, die sie in Wind und Wetter um das tägliche Brot sich mühen und quälen hieß, ihnen nicht Zeit zu ordentlichen Mahlzeiten ließ, die Sorge um das eigene Leben und das der Ihrigen, das oft genug von außen bedroht war, .die ewige Angst, in der sie die Tage verbrachten, hat ein für all diese Leiden disponiertes Geschlecht erzeugt, nicht nur die Rücken gekrümmt, die Sohlen verflacht und den Blick verängstigt. Nur ihr gesundes Blut hatten sie von den sittenstrengen Vorfahren ererbt, und dieses Lebenselixier ließ sie das körperlich und seelisch Schwerste ertragen. Das alles ist zürn Teil geblieben, zum Teil schlechter geworden. Vor allem ist durch die für die Juden in ungleichem Maße enorm erschwerte Existenz und Konkurrenz aus allen Gebieten die nervöse. Disposition ganz gewaltig in die Höhe geschnellt. Daher auch die Zunahme der Zuckerkrankheit und der übrigen Erkrankungen, der frühzeitigen Verkalkung bei den Juden (welch letztere nicht immer, wie vielfach behauptet wird, arff vorausgegangene Syphilis beruht), sondern vielmehr aus den gehäuften Sorgen und Nöten des alltäglichen Lebens. Und es ist grundfalsch, selbst wenn einmal von autoritativer Stelle, zum Beispiel für Frankfurt, behauptet wurde, daß der Diabetes weit mehr die wohlhabenden und wohllebigen reichen Juden befällt, als die ärmere und mittlere Klasse. Wir sprechen diese Worte nicht nach, sondern die große Erfahrung vieler anderer lehrt, daß es ebenso viele arme Diabetiker, Gichtkranke usw. gibt wie reiche, daß sie aber nicht so. oft zur Beobachtung kommen. Doch diese akademischen Fragen werden an anderer Stelle erörtert werden. Wir befassen uns mit den Tatsachen,