Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Abschnitt über Lazarus ist kurz, geht im wesentlichen auf dessen jüdische Ethik ein. Besonders wichtig sind die Ausführungen über Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und christlicher Theologie. In einer Besprechung des bekannten Werkes von M. Friedländer hebt Nippold die scharfen Worte hervor, mit denen Friedländer seine Glaubensgenossen dringend ermahnt, sich bibelkritischen Arbeiten zuzuwenden. (Zu S. 621 mag beiläufig erwähnt werden, daß die „Zunzstiftung" Geldbeiträge zur Drucklegung wichtiger Arbeiten gewährt, die „Gesellschaft zur Beförderung der Wissenschaft des Judentums" dagegen großapgelegte Serien von selbständigen Arbeiten publiziert, kleinere Schriften ediert, Monographien und Quellenpublikationen unterstützt.) Das mutige Wort, das Nippold in diesem Abschnitt braucht, verdient besondere Hervorhebung: „In viel höherem Grade, als der jüdische Apologet es kann, bedauern wir die übliche Unkenntnis der jüdischen Literatur in der christlichen Welt. Wir kämpfen dagegen nicht minder an, wie gegen die Nichtbeachtung der katholischen Wissenschaft aus protestantischem Boden. Wir erheben auch keinerlei Einwand, wenn gerade den größten bahnbrechenden Geistern jener Vorwurf gemacht wird." In weitere Einzelheiten möchte ich nicht eingehen. Ich schließe mit einer allgemeineren Bemerkung: Das ganze Werk ist eine hocherfreuliche Erscheinung. Der Verfasser, der viel erfahren und viel erlebt hat, schildert seine Erlebnisse in anmutiger Weise. Der Autor, der viel gedacht hat, weiß seine Leser zum Selbstdenken anzuregen. Am wohltuendsten ist aber die lichtvolle Klarheit, die reise Ruhe, die schöne Vorurteilslosigkeit, die-das ganze Buch durchzieht. Der Verfasser ist ein kampfbereiter Mann, und doch Predigt er Frieden. Er weiß wohl, daß Christentum und Judentum zwei Mächte sind, die, so nahe sie sich in manchen Dingen stehen, Gegensätze bleiben und nicht aushören werden, einander zu befehden. Aber daß sie zu einer richtigen Würdigung ihres gegenseitigen Inhalts gelangen, mehr das hervorheben, was sie eint, als das, was sie trennt, daß sie, soweit es angeht, in Verbindung miteinander sich anstrengen, um zum Ziel einer Menschheitsreligion zu gelangen oder, wenn dies nicht möglich, vielleicht auch nicht erwünscht ist, nebeneinander zur Höhe heranklimmen, das ist der Ruf, den der warmherzige Verfasser zu erheben nicht müde wird. Das wollen wir mit Freude anerkennen und den wackeren Streiter, der bald dreiviertel Jahrhunderte zurückgelegt hat, zu dem schönen Werke beglückwünschen, mit dem er uns erfreut und erhoben hat. Wir hoffen und wünschen, daß es ihm - beschieden sein möge, noch viele reise Früchte seines Denkens, und Forschens den Zeitgenossen darzubieten. . Taukjuden und Keuchrilten. „Und will sich nimmer erschöpfen und leeren. Als wollte das Meer noch ein Meer gebären! . . ." o unerschöpflich wie das Meer ist, in dem sich unaufhörlich Woge auf Woge türmt, so unerschöpflich ist leider das Thema der modernen Judentausen. Was zunächst die Kind er taufe anlangt, hat Schreiber dieser Zeilen schon vor zwanzig Jahren in diesen Blättern, auf die damals im allgemeinen wenig beachtete unsäglich traurige Erscheinung der Taufe zarter, willenloser Kinder aus Veranlassung der eigenen Eltern (nicht durch Gewaltmaßregeln von christlicher Seite, wie es bedauerlicherweise noch vielfach gegenwärtig in Galizien der Fall ist), aufmerksam gemacht. Damals und heute, nach zwei -Dezennien, in noch viel höherem Grade hatten beziehungsweise haben wir zwei Kategorien von Kindertausen zu verzeichnen: 1. Die unmittelbar oder jedenfalls einige Wochen nach der Geburt ersolgende. ' ■■■■■;/. r -^ ■ 2. Die kurz vor Eintritt in die Schule stattfindende, damit das Kind als christliches Kind ausgenommen wird.' Auf letztere, gar nicht so vereinzelte, vielleicht sogar bei denKindertausen überwiegende Erscheinung, die sich nicht selten aus Fälle erstreckt, wo der Knabe acht Tage nach der Geburt in den Bund Israels ausgenommen worden. war — äußere Rücksichten waren maßgebend — nimmt der Witz Bezug, der auf einer Tatsache beruhend, in einem Berliner humoristischen Blatt stand und im Lesepublikum viel belacht wurde. Ein sechsjähriger neugebackener Gymnasialschüler von der letztgenannten Kategorie wird am ersten Schultag vom Lehrer gefragt, welcher Konfession er angehöre: „Evangelisch, aber Großpapa darss nicht wissen", lautet die verständnisvolle Antwort. Kann es eine ärgere Erziehung zur Heuchelei geben? Nur die Rücksicht aus die Karriere ist bestimmend, die ja an und für sich eigentlich nach einem, dem verstorbenen Parlamentarier Eduard Laster zugeschriebenen bon mot schon mit der am achten Lebentstage erfolgten Zirkumzision abgeschnitten ist. Der beste Beweis für die dem Taufakt zugrunde liegende raffinierte Berechnung ist die unumstößliche Tatsache, daß die Töchter vorläufig beim alten Glauben bleiben. Dem neuen sollen sie erforderlichenfalls eventuell später, je nach den Heiratschancen — jüdischer- Kapitalist oder arischer Offizier — zugesührt werden. Manchmal findet auch -- sit venia verbb — Umtaufe statt. Neuchristinnen werden wieder aus materiellen Gründen Jüdinnen,' wie dies sich tatsächlich mit der Gattin eines in Berliner jüdischen Kreisen bekannten Herrn ereignet hat. In anderen Fällen entscheidet der „vornehme" Verkehr und ähnliche hochwichtige Rücksichten über Annahme eines neuen Glaubensgewandes. So ließen sich auf Veranlassung der Eltern die Töchter eines jüdischen Finanziers taufen, weil sonst die Aufnahme des Bruders in ein feudales Korps auf Schwierigkeiten stieß. Denn letztere wurde, was kaum glaub- ~ lich ist, von dem Glaubensbekenntnis der Schwestern, abhängig gemacht und dieserhalb von der exklusiven Verbindung Recherchen angestellt. So entscheiden studentische Spielereien über ein oder mehrere Menschenschicksale. Was soll man . aber dazu sagen, wenn Männer, die sich längst durch ihre wissenschaftliche oder künstlerische Betätigung einen Namen geschafft haben, sich plötzlich zu diesem doch nicht ganz unwichtigen Schritt -entschließen? Die von der jüdischen Gemeinde zu Berlin seit etwas länger als Jahresfrist veröffentlichten Tauflisten geben hiervon Kunde. Wir greifen aus der Zahl solcher Unbegreiflichkeiten, wie sie die jüngste - Zeit zutage gefördert hat, nur einige heraus: Wir-verzeichnen also den Uebertritt von Heinrich Grünse-ld, dem be- . kannten Cellisten, seinem Musikkollegen Professor Karl Fl e sch und von Oskar Fried, dessen Ruhm als Chordirigentweit über die Grenzen Deutschlands hinaus gedrungen ist. Wenn letzterem, wie er im vorigen Jahre selbst in einer Berliner Tageszeitung berichtete, wegen seines alttestamentarischen Glaubens der längere Aufenthalt in der russischen Hauptstadt verwehrt wurde, hätte dieser für Ihn nur ehrenvolle Umstand um so mehr seinen-Nacken als Jude .steifen müssen. Daß Dr. Otto Br ahm (eigentlich Abvahanrsohn mit Stammnämen), der langjährige Th-eaterdirektor und Leiter des „Lessing-Theaters", früher viel beachteter Kritiker der „Voss. Ztg.", ein verdienstvoller Literarhistoriker,: auch in