Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das durch den Tod des Abgeordneten Peltasohn erledigte Landtagsmandat für den Wahlkreis Mo-gilno- Znin-Wongro Witz ist wiederum durch das Zusammenhalten aller deutschen Wahlmänner eiyem unserer Glaubensgenossen, nämlich Herrn Justizrat Bärwald-Bromb e r g, zugefallen. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten hat also keine Einbuße erfahren. Der neugewählte Landtagsäbgeordnete steht seit 24 Jahren im Ehrendienste der Bromberger jüdischen Gemeinde; er gehört auch seit einer Reihe von Jahren dem Orden Bne Brith an und ist zugleich Mitglied der höchsten Behörde dieses Ordens, des sogenannten Generalkomitees. Nebenbei sei bemerkt, daß außer Herrn Justizrat Bär Wald auch der Reichstagsabgeordnete Dr. Haas sowie der Landtagsabgeordnete Wolff-Lissa Mitglieder des U. O. B. B. sind. Da Herr Justizrat Bärwald-Vromberg auch im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund seine geschätzte Kraft in den Dienst des Judentums gestellt hat, er ferner auch an den Bestrebungen des Zenträlvereins, des Hilfsvereins und des Verbandes der deutschen Juden regen Anteil nimmt, darf man wohl annehmen, daß dieser Abgeordnete, wenn im Landtage Fragen jüdischen Interesses auftauchen, ein eifriger Verfechter unserer berechtigten Wünsche sein wird. Da erst vor nicht langer Zeit Herr Assessor Dr. Levy-Hohensalza, der der nationalliberalen Partei angehört, zum Abgeordneten gewählt wurde, so zieht mit Herrn Justizrat Bärwald nunmehr der achte Abgeordnete jüdischen Glaubens in den Landtag. # Aus Wien erhalten wir folgende Zuschrift: In der österreichischen Delegation wurde der Kriegsminister R ö t t e r von A u f s e n b e rg über seinen bekannten jüngsten Erlaß betreffs Einschränkung der Reserveofsiziersprüfungen interpelliert. In diesem Erlasse wurde ein versteckter Angriff namentlich gegen jüdische Einjahrig-Freiwillige erblickt. In der Delegationssitzung vom 1. Oktober nahm der Kriegsminister Gelegenheit, diese Interpellation zu beantworten. Er sagte dabei wörtlich: „In der ö st e r r e i ch i s ch - u n g a r i s ch e n Armee hat nie die Rasse, dieReligion, sondern nur die Tüchtigkeit oes Mannes etwas g e g o l te n. Keine andere Armee hat diesbezüglich solche Traditionen wie unsere. In keiner anderen Armee ist die demokratische Richtung so ausgeprägt wie in der österreichischungarischen." Der Kriegsminister schloß seine Rede mit den Worten: „Der zweite Schatz ist unsere unvergleichliche Mannschaft. Ob sie aus dem Norden oder Süden, Osten oder Westen stanunt, welcher Nation oder Religion sie immer angehört, sie zeigt die gleiche ruhige Ausdauer, die Unermüdlichkeit in der Ertragung von Strapazen, und man kann nur staunen, was die Leute bei den anstrengenden feldmäßigen Manövern leisten." Man sieht daraus, daß der österreichische Kriegsminister die Tüchtigkeit der jüdischen Soldaten in keiner Weise in Abrede stellt, und es wäre zu wünschen, daß jene Faktoren, die berufen sind, seinen jüngsten Erlaß auszusühren, sich von denselben Prinzipien leiten ließen: nur von der Qualifikation und . Tüchtigkeit, nicht aber von der Rasse und der Glaubenszugehörigkeit. ■Jfr Nach einer neueren Statistik gibt es in Mazedonien insgesamt 61 910 Juden. Davon leben im Wilajet Saloniki 55 320 Juden, während die Gesamtbevölkerung in diesem Wilajet, welches das südliche Mazedonien umfaßt, 1 165 390 Bewohner zählt. Im westlichen Mazedonien leben 4750 Juden. In Albanien gibt es ingesamt 11 000 Juden. 3fr In der außerordentlichen Sitzung des Zentralkomitees der Alliance Jsraelite Universelle vom 16. Oktober 1912 wurden die folgenden Beschlüsse gefaßt: 1. Durch Zuruf wurde der ausscheidende Vorstand wiedergewählt, und zwar Herr Narcisse Le v e n als Vorsitzender, die Herren Dr. Netter und Eugene See als stellvertretende. Vorsitzende, Herr I. Machiels als Schatzmeister. . .2. Auf Antrag der Herren Rabbiner Tr. Nobel. m.d H. Gumpertz gibt das Zentralkomitee nachstehende Erklärung ab: a) Das Zentralkomitee hat seinen fcsten Willen kundgegeben, einer unfruchtbaren.Agitation, die nur allzulange gedauert hat, ein Ende zu machen und solche Projekte ein für allemal zu verwerfen, die nicht allein gegen die Statuten, sondern auch gegen den Geist der A. I. U. überhaupt verstoßen. - . b) Das Zentralkomitee würde jedes Projekt willkommen heißen, das aus Grund der Statuten und der früheren Beschlüsse des Zentralkomitees dahin zielen würde, ein engeres Zusammenwirken der Mitglieder der A. I. U. in Deutschland zu ermöglichen und das weitere Gedeihen des gemeinsam zum Besten des Judentums unternvlnmenen Werkes zu fördern geeignet wäre. 3. Die Demission des Herrn Eugen F e l l h e i m in Stuttgart, der sein Amt als Mitglied des Zentralkomitees mit besonderer Bezugnahme auf seinen Gesundheitszustand niederlegt, wird angenommen. Eine weitere Bewilligung von 5000 Frank wird zugunsten mehrerer jüdischer Gemeinden im.russischen Ansiedlungsgebiet votiert, die von Brandkatastrophen heimgesucht worden sind. 3* Der „Neuen Jüdischen Korrespondenz" entnehmen wir folgende Notiz: Wie.wenig in Wirklichkeit von einem Mißerfolg der Bemühungen Amerikas zur Erlangung einer besseren Behandlung seiner jüdischen Bürger in Rußland die Rede sein kann, geht aus einem Bericht hervor, den die „N. I. K." von ihrem New Porter Berichterstatter erhält. Danach hat der amerikanische Botschafter in Petersburg, Curtis G u i l d, Ir., der zurzeit in Washington auf Urlaub weilt, dem Präsidenten Taft vor kurzem über die Vorschläge der russischen Regierung betreffs der Erneuerung des gekündigten Handelsvertrags Bericht erstattet. Wie in gutinformierten, der Negierung nahestehenden amerikanischen Blättern versichert wird, sind die bisher mündlich gepflogenen Verhandlungen des Botschafters mit den zuständigen russischen Stellen soweit gediehen, daß demnächst zu einerschriftlichen Weiterbehandlung der Angelegenheit vorgegangen werden soll. Nach den Gepflogenheiten der russischen Diplomatie finden nämlich derartige schriftliche Unterhandlungen erst statt, nachdem im mündlichen Meinungsaustausch eine gewisse Annäherung zwischen den" beiderseitigen Standpunkten erzielt worden ist. Jedenfalls hat, wie in gutunterrichteten politischen Kreisen Amerikas verlautet, Rußland seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, die amerikanischen Wünsche in Erwägung zu ziehen und die Erneuerung des Handelsvertrages aus neuer Grundlage anzustreben. Nun ist es vollkommen ausgeschlossen, daß Amerika den im Vorjahre gekündigten Vertrag erneuert, ohne daß Rußland hinsichtlich des Hauptbeschwerdepunktes, der ungleichen Behandlung seiner jüdischen Bürger, weitgehende Konzessionen macht. 3fr Die amerikanischen Blätter publizieren jetzt einen Brief, den Osk a r Sir a u ß, der Kandidat der Rooseveltpartei für die Gouverneurstelle im Staate New Pork, an den, Präsidenten einer jüdischen Gemeinde gerichtet hat. Der Präsident der „Ahabeth-Achim-Synagoge" in Buffalo gratulierte Oskar Strauß im Namen seiner Gemeinde zu seiner Kandidatur, und bat ihn gleichzeitig um ein Schreiben, welches der Präsident der genannten Gemeinde während des Jomkippur-Gottesdienstes in der Synagoge zur Verlesung bringen wolle. Hievaus richtete Oskar Strauß an den Briesschreiber das folgende äußerst charakteristische Schreiben: „Ich danke Ihnen sehr für Ihr Schreiben und das meiner Kandidatur entgegengebrachte lebhafte Interesse. Ich bin überzeugt, daß Ihr Ersuchen um ein Schreiben, das in Ihrer Synagoge am heiligen Jomkippur zur Verlesung gebracht werden soll, den besten Msichten entsprungen ist. Ich will jedoch die heiligen Ideale dieses heiligen Tages nicht durch meine Kandidatur und ihre Förderung profanieren. Als gute Amerikaner sollten wir uns alle davor hüten, die Religion mit der Politik und die Politik mit der Religion zu verquicken. Ich bitte bloß meine Mitbürger aller Konfessionen, daß die einen mir ihre Unterstützung nicht deshalb entziehen mögen, weil ich nicht ihrer Religion angehöre, und die anderen wieder, daß sie mir ihre Unterstützung nicht bloß deshalb zuwenden mögen, weil ich ihr Glaubensgenosse bin. Alle mögen meine Kandidatur nur von dem Gesichts-