Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
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Auch in K an ad a nimmt die Zahl der von der Landwirtschaft leben? . den Juden beständig zu. Gegenwärtig bestehen in diesem Telle Nordamerikas zwölf größere und kleinere Ansiedelungen nebst 53 einzelnen Farmen mit 828 Familien.und 3482 Seelen, welche zusammen etwa 55 000 Hektar Land bewirtschaften.. Fünf Von diesen Ansiedelungen sind vom Baron Hirsch respektive von der I. C. A. begründet worden, die übrigen sind aus dem Wege der Selbsthilfe entstanden. Auch in Rußland leben gegenwärtig sehr viele Juden als Landwirke. Die Bemühungen dieser nützlichen Elemente, im Schweiße ihres Angesichts sich ihr kärgliches Brot zu erarbeiten, werden aber durch die bekannten Maigesetze vereitelt. Die I. C. A. sucht daher die zur Verfügung stehenden Ländereien, weil sie quantitativ nicht vergrößert werden dürfen, durch intensive Bewirtschaftung ertragreicher zu machen. Zu diesem Zwecke erhalten die jüdischen Landwirte alljährlich erhebliche Darlehen, um Obst-, Gemüse-, Wein- und Tabakbau zu betreiben, wertvolle Zuchttiere zu erwerben und sich ausgesuchtes Saatgut zu verschaffen. Im Berichtsjahre wurden zu diesem Zwecke von der I. C. A. 137 841 Rubel-ausgegeben, wogegen sie an Rückzahlungen 93 000 Rubel und 6200 Beiträge für die Verwaltungsunkosten erhielt. Die Mittel der I. C. A., welche ursprünglich nur zur Förderung der ländlichen Bevölkerung bestimmt waren, kommen aber seit 1898 in hohem Grade auch den übrigen Erwerbsschichten . der Judenheit zugute. Der Handwerkerstand wird in erster Reihe durch eine große Anzahl weiter unten noch zu erwähnender Schulen gefördert. Ferner bestehen in vier Städten Rußlands Verkaufgenossenschaften respektive Verkaufsstellen, welche im Berichtsjahre zusammen 210 Handwerker beschäftigt und Ware im Werte von 85 625 Rubel abgesetzt haben. Die große Weberei in Dubrowno beschäftigte 500 Arbeiter. Ferner besitzt eine von der I. C. A. kontrollierte Aktiengesellschaft in drei russischen Städten sieben Häuser, deren luftige und geräumige Wohnungen zu billigen Preisen an wenig bemittelte Juden abgegeben werden. Im Berichtsjahre hat diese Gesellschaft einen Ueberschuß von 6000 Rubel erzielt. Endlich hat die Ji C. A. in vier Städten, die von den in Rußland so häufigen Sommerbränden heimgesucht waren, einer Anzahl Leuten erhebliche Darlehen zur Wiederherstellung der eingeäscherten Häuser gewährt. Weit wichtiger aber als alle diese nur wenigen Leuten zugute kommenden kleinen Mittel ist ein Hilfswerk geworden, dazu bestimmt, Hunderttausenden von jüdischen Bauern, Handwerkern und kleinen Händlern einen b i l l i g e n Kredit zu verschaffen. Zu diesem Zwecke werden seit 1899 von der I. C. A. überall Spar- und Darlehnskassen ins Leben gerufen. Von solchen Kassen bestehen 52 in Argentinien, Brasilien und in den Bereinigten Staaten und 24 mit 21623 Mitgliedern, welche zusammen 398 880 Kronen Kapital und 231311 Kronen Reserven besitzen, in Galizien. Eine gewaltige Ausdehnung hat diese Hilfsaktion in Rußland angenommen. Hier gab - es vor sieben Jahren nur 26 solcher Genossenschaften, fünf Jahre später zählten sie bereits 270 und für das Berichtsjahr teilt die I. C. A. wertvolle Daten über 377 von ihr kontrollierte Kassen mit, die zusammen 218 556 Mitglieder zählen. Dieselben verfügen über 2 727 320 Rubel Grundkapital und 548 906 Rubel Reserven. Die Kassen genießen im hohen Grade das.Vertrauen der lokalen Bevölkerung, welche ihnen 12101909 Rubel an Depots und Darlehen anvertraut hat. Mit Hilfe dieser durch das eigene Vermögen der Gesellschaften mit 28 Prozent gedeckten Kapitalien konnten sie nicht weniger als 34 482 593 Rubel verleihen, von denen 29 260 479 Rubel Zurückgezahlt wurden. So hat in Rußland jeder kleine Kausmanu, Handwerker oder Bauer es nicht mehr nötig, wegen eines geringfügigen Darlehens den größten Teil seines Gewinnes an einen Geldverleiher abzugeben. Nunmehr sehen sich diese durch die wachsende Konkurrenz der Kassen genötigt, von ihren wucherischen Forderungen erheblich abzugehen und ihre Gelder gleichfalls zum mäßigen Zinsfuß auszuleihen. Außer diesen 377 Kassen, welche einer jüdischen Bevölkerung von 1631000 Seelen zugute kommen, bestehen in Rußland weitere 86 Kassen, welche der I. C. A. die zu ihrer Begründung ihnen gewährten Kapitalien, bereits zurückgezahlt haben. Endlich blühen daselbst 225 Kassen, die überhaupt ohne Zutun der I. C. A.'entstanden sind. ' Bezeichnend ist, daß die I. C. A. diese 688 Kassen mit einem relativ geringfügigen Anfangskapital von nur 320 000 Rubel ins Leben gerufen Hat.. Man sieht daraus, was oft mit verhältnismäßig geringen' Mittehr,'die aber zur^ rechteü Zeit am rechten Orte verwendet werden, erreicht werden kann. Mit dem von der I. C. A. gewährten einmaligen Betrag ist unter den Juden Rußlands die Selbsthilfe geweckt worden, und es besteht die berechtigte Hoffnung, daß im nächsten Jahrzehnt sämtliche 1701 Städte -und .Städtchen Rußlands mit einer überwiegenden jüdischen Bevölkerung solche Darlehnskassen besitzen werden. Es bleibt uns noch züm Schluß das nicht direkt produktive, reine Wohltätigkeitswerk der I. C. A. mit einigen Worten zu erwähnen. Außer den beiden A ck e r b a u s ch u l e n der Alliance in Jaffa und Djedeida unterhält sie weitere acht Ackerüauschulen mit zusannnen 466 Zöglingen, von denen 112 im Berichtsjahre die Schule mit Erfolg beendet haben. An Handwerkerschulen bestehen in New Jork, Jerusalem und Stanislau je eine. In Rumänien eine für Knaben und zwei für Mädchen, in Rußland 19 für Knaben und 16 für Mädchen. Die Knabenschulen in Rußland haben 2111 Zöglinge beherbergt, von denen 181 die Schule mit Erfolg verlassen haben. Die 16 Mädchenschulen zählten 1488 Schülerinnen, von denen 177 die Schule bis zum Schlüsse besucht hatten. Außerdem unterhält die I. C. A. in Rußland 13 Fortbildungsschulen mit 831 Teilnehmern. Leider haben von 4203 Zöglingen nur 536 dem Unterricht bis zum Examen folgen können, 686 mußten die Schule vorzeitig verlassen. Bon Primär - respektive Volksschule n kommen in erster Reihe die 163 Anstalten der Alliance mit 44 000 Zöglingen in Betracht. Zur Unterhaltung dieser Schulen steuert. die I. C, A. bekanntlich eine Viertelmillion Mark bei. In den diversen Kolonien werden 80 Schulen mit 5278 Zöglingen unterhalten. In Rußland zählt der Bericht 55 Knaben- und Mädchenschulen mit 8731 Zöglingen und 13 Fortbildungsschulen mit 1537 Schülern. Zu diesen 68 Anstalten mit zusammen 10 209 Zöglingen kommen 18 Schulen in Odessa hinzu,' deren Schülerzähl nicht angegeben ist. In Rumänien subventioniert die I. C. A. 12 Knaben-, 13 Mädchen- und 12 gemischte Schulen mit 8830 Zöglingen. Im ganzen unterhält die I. C. A. 262 Schulen und Erziehungsanstalten mit zusammen 24 276 Zöglingen. Rechnet man die Subventionen an die Allianceschulen hinzu, sowie die 18 'Schulen in Odessa, so wird man zugeben müssen, daß die I. C. A. auch als die größte Schulorganisation im Judentum angesehen werden muß. Der Schutz der jüdischen Auswanderer, deren Zahl im Vorjahre 106 000 betragen haben dürfte, wird von der I. C. A. teils unmittelbar, teils durch Vermittelung einiger von ihr subventionierten Institutionen und Vereine besorgt. In Rußland wird von der I. C. A. mit einem Kostenaufwand von 100 000 Mark ein Jnformationsbureau nebst 19 Provinzialkomitees und .442 Filialen unterhalten, die jedem.Auswanderungslustigen mit Rat und Hilfe beizustehen haben. Außer dem zweimal monatlich in einer Auslage von 2000 Exemplaren erscheinenden Blatt „Der jüdische Emigrant" wurden im Berichtsjahre 19 200 Broschüren .und Flugschriften, 30 000 öffentliche. Anschläge und 3000 Rundschreiben verbreitet. Das Vertrauen der Bevölkerung zu diesen Bureaus ist so groß, daß von 77 000 Juden, die im Jahre 1911 Rußland verlassen haben, nicht weniger als 64000 seine Hilfe in Anspruch genommen haben. Durch Vermittlung der verschiedenen Komitees haben 14 000 Personen Auslandspässe und 5000 Personen Schiffs- oder Eisenbahnkarten zu ermäßigten Preisen erhalten. 13 000 Auswanderer wurden von Augenärzten untersucht und zum Teil behandelt. An der diesseitigen russischen Grenze wirken sechs Grenzkomitees, die zusammen 12 450 Personen Rat und Hilfe gewährt haben. Der unablässige Kamps zwischen diesen Komitees und den gewinnsüchtigen Auswanderungsagenten hat in Wirballen und Alexandrowo mit der völligen Niederlage der letzteren geendet, während sie in Kalisch. mit Hilfe willfähriger Tschinowniks das dortige Komitee lahmlegen konnten. Infolgedessen wird Kalisch von den Emigranten nunmehr gänzlich gemieden. - Der Durchmarsch der Emigranten von der Grenze Rußlands bis zum Einschissungshafen wird in Deutschland bekanntlich vom Hilfsverein der deutschen Juden überwacht, den die I. C. A. im Berichtsjahre, mit .124000 Mark subventioniert hat. Ebensb unterstützt sie die Wiener Alliance sowie die kleineren Organisationen in London, Antwerpen, Amsterdam und Basel. In den beiden wichtigsten Landungshäfen von New Hork und Montreal bestehen Komitees, welche bemüht sind,.den jüdischen Einwan-