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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-18 · Heft 42 (18.10.1912) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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boxen, die unbekümmert um alle Zeichen der Zeit, die. gebieterisch eine Reform des Judentums fordern, an den alten Formen und Gebräuchen nichts ändern wollen; besonders scharf-wandte er sich gegen die Täuflinge und ihre jüdischen Freunde, die weder die Kraft noch den Mut und den Willen haben, an der Erhaltung des Judentums mitzuarbeiten. Die Führer der Jugend, die früher völlige Teilnahmslosigkeit bei der Jugend, jetzt aber mit eigenen Augen ein Wiederaufleben des religiösen Gewissens miterleben, sie sind die Berufensten, der Jugend einen gangbaren jüdischen Lebensweg, ein liberales Judentum zu geben und damit gleichsam für die Zukunft und das Bestehen unserer Religion Sorge zu tragen. In äußerst schlagfertiger und über die Lage des Zionismus wohl unterrichteter Weise ging der dritte Redner Dr. Wert heim aus die Stellung des Liberalismus zum Zionismus ein. Mit kurzen Worten gab er einen Rückblick aus die Geschichte des Zionismus, der durch die 48 er Jahre, die nicht gleich die völlige Gleichbeerchtigung brachten, durch die 80 er Jahre — als die Wogen des Antisemitismus etwas hoch gingen — bedingt, die Judenfrage aller Länder durch die Gründung -eines jüdischen Staates lösen wollte. Nachdem der Redner die Nassenfrage kurz gestreift hatte, wies er nach, daß der Zionismus theoretisch falsch, praktisch unausführbar sei. Den geistvollen und treffenden Ausführungen aller drei Redner wurde von der zahlreichen Versammlung lebhaft Beifall gespendet, der selbst von den wie üblich anwesenden radaulustigen Zionisten nicht gemindert werden konnte. O. jtf. Posen, 13. Oktober. Wie bereits kurz mitgeteilt, fand gestern und heute hier die diesjährige Orde n t l i ch e Versa m m - l u u g der „Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" statt. Außer den Mitgliedern der gastgebenden Posener Ortsgruppe nahinen etwa 130 Delegierte aus allen Teilen des Reiches an den einzelnen Veranstaltungen teil. Zunächst fand -am Sonnabend vormittag iin Tempel der Israelitischen Brüdergemeinde ein Festgottesdienst statt, bei dem Rabbiner Pros. Dr. Bloch-Posen über das Psalmenwort „Gepriesen sei, wer da kommt im Namen des Herrn" die Fe stpredigt hielt. Dann folgte unter ortskundiger Führung ein Rund gang durch die Stadt und Besichtigung der Sehenswürdigkeiten und abends ein Be such des Stadttheaters, in dem Dir. Gottscheid, in mustergültiger.Weise Lessings „Nathan der Weise" zur Darstellung brachte. Den Schluß des Tages bildete ein gemütlicher Schoppen im „Thomasbräu". Heute vormittag um 9 Uhr begann dann im Sternschen Saale die ordentliche Versammlung, die nahezu fünf Stunden währte. Kommerzienrat Hamburger eröfsnele die Versammlung mit herzlicher Begrüßung der Erschienenen uno gab der Freude der hiesigen Ortsgruppe darüber Ausdruck, daß derselven die hohe Ehre zuteil geworden sei, die diesjährige Hauptversammlung hier in Posen empfangen zu dürfen, gerade darin liege eine besondere Genugtuung für die Ortsgruppe, weil gerade doch hier äußerst schwierige Verhältnisse vorlägen. Nachdem der Redner dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, daß die heutige Arbeit für das liberale Judentum eine recht segensvolle sein möge, übernahm Justizrat Breslauer- Berlin den Vorsitz. Er wies einleitend auf die Wichtigkeit der heutigen Beratungen hin, die dem liberalen Judentum neue Grundsätze schaffen sollen. Seien auch die Geister im Judentum, das alle Stürme überdauert, verschieden, so herrsche doch Einmütigkeit in der gesamten Arbeit. Nachdem, der Vorsitzende dann die Erschienenen namens des Vorstandes herzlich begrüßt hatte, folgte eine ganze Reihe geschäftlicher Mitteilungen. Zu Ehren der im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder, des Rabbiners Dr. Vo g e l st e i n-Stettin, des Justizrat Dr. L ö b - Mainz, und des Kaufmanns Flörsheim- Dvrtmund, die alle drei wackere Vorkämpfer des Liberalismus gewesen sind, erhob sich die Versammlung von ihren Plätzen. Ausgeschieden wegen hohen Alters ist der Kaufmann L i p P m a n n - Hamburg. Der Vorsitzende teilte dann weiter mit, daß die Vereinigung für Propagandazwecke wenig geleistet, aber desto emsiger für den inneren Ausbau gearbeitet habe, was die heute für die Beratung vorliegenden Richtlinien bewiesen. Die Zahl der Mitglieder habe sich um 1237 vermehrt und betrage zurzeit 6234. Der Vereinigung gehören 45 Ortsgruppen an, von denen Berlin 1400 und Unna (Westfalen) 6 Mitglieder zähle. - Nach dem vom Schatzmeister erstatteten Bericht balanziert der Etat in Einnahme und Ausgabe mit 51715 Mark, ein Minus von 1821 Mark wird durch einen Zuwachs von Mitgliedern gedeckt. Als.: Generalreferent der von den liberalen, Rabbinern Deutschlands Unterzeichneten Richtlinien ergreift Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. M. das Wort. Der-Anregung der konstituierenden Versammlung der. Vereinigung folgend, habe sich eine Fünszehnerkommission der Mühe unterzogen, ein Programm des. religiösen Liberalismus auszuarbeiten. Die Arbeit hatten dann -die liberalen Rabbiner, die das Ergebnis „Richtlinien zu einem Programm" nannten, vollendet. In Uebereinstimmung mit dem Religions- Philosophen Fechner ist Redner der Ansicht, daß der Glaube von den anderen Menschen überliefert wurde, durch Vater und. Mutter, Lehrer, Lektüre haben wir von Religion erfahren: In den geschichtlichen Zeiten sei die Religion mit Ueberlieferung entstanden, also Kulturgütern gilt das Wort des Dichters: „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort". Ost ist die Schale so dicht, daß wir die Erscheinung für das Wesen selbst halten. Die Orthodoxie beuge sich der Autorität der Vergangenheit, der Liberalismus mache sich hiervon frei, er untersuche alles Ueberkommene auf seine Berechtigung. Er suche einen Ausgleich zu schaffen zwischen Leben und Lehre. Eine weitere eingehende- Erläuterung der Richtlinien unter besonderer Bezugnahme auf These 9 gab . Rabbiner Dr. Fr euden.th al-Nürnberg, der besonders das „unerläßlich" der Grundsätze erörtete. In der Diskussion hatten einzelne Redner, wie. Dr. K o b l e n z - Bielseld, erhebliche Bedenken gegen einzelne Thesen, ebenso Dr. Norden- Elberfeld,. stellten aber um der Einheitlichkeit willen die Begründung zurück. Die Ausführungen des letzterwähnten Redners veraulaßten Justizrat Blau-Frankfurt a. M. die mitgeteilte Resolution einzureichen. Als nächster Referent sprach Rabbiner Dr. Vogelstein- Königsberg, der Zunächst aus den ersten Satz des Programms von 1908 hinwies, der wie folgt lautet: „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand, und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergibt sich für die Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den -ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion, in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu. bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht in dem Judentum srenrder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht." In dieser knappen programmatischen Formulierung werde klar zum Ausdruck gebracht das methodische Prinzip des Liberalismus, nämlich das Prinzip der Entwicklung, und es sei ferner, mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gesprochen von dem ewigen Gehalt und. den unveränderlichen Grundlagen -der jüdischen Religion. Durch die Anwendung des . Prinzips der Entwicklung aus das. Judentum werde eben um. dieses ewigtzn Gehalts und dieser unveränderlichen Grundlagen willen das Wssen, der Bestand und der Zusammenhang der jüdischen Religion mit 'der Vergangenheit nicht verändert, auch wenn sie äußerlich-Veränderungen erleidet. Dann . ging Referent eingehend. auf die „Richtlinien" ein, die lediglich die Resultate der Verhandlungen der Fünfzehnerkommission seien und in die Begründung in großen Umrissen einführen sollen. . Keine neue Religion solle dadurch geschaffen werden, nicht einmal neue religiöse , Anschauungen, denn das Judentum sei eine geschichtliche Religion und nur geschichtlich dürfe es betrachtet werden. Fuße es doch lediglich auf der Bibel, die ihm Gottes Wort, der Ausdruck, der religiösen Offenbarung sei. Die gewaltigen Umwälzungen auf allen Gebieten mußten den Liberalisnms zum Kamps gegen manche Ausdrucksformen des religiösen Lebens treiben. Der Kamps sei notwendig und auch noch keineswegs beendet. Die Festigung und Verbreitung religiös-liberaler Anschauung sei demnach erste ernsteste Ausgabe, die Reform der Anschauungen die Grundlage für . alle weitere Arbeit. „Wir sprechen", so schloß Referent seine mit stürmischem Beifall ausgenommenen Ausführungen, „nichts Neues aus, aber was. unsere besten Köpfe, unsere begeistertsten Vorkäinpser uns haben erkennen lassen,, dazu wollen nur uns bekennen, Das ist uns d a s Judentum, in dein wir uns eins wissen mit dem Geist der Vergangenheit. So wollen wir es lebenskräftig erhalten und in freiem Geist, in wahrem, religiösem Empfinden, in dem felsenfesten Vertrauen und unerschütterlicher Treue zu dem Gott der Väter die Lehre, die Mose uns geboten, als Erbteil der Gemeinde Jakobs Kindern und Kindeskindern überliefern." Laebr. Aus Westfalen, 11. Oktober. Ein. durch Liebe und Verehrung vorbereitetes Fest beging am 29. September die Synagogengemeinde Marburg in der Abschiedsfeier zu Ehren des aus

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