Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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reicher, strömender Innerlichkeit. In ihm kämpften zwei Nassen den alten Streit dunkler Jahrhunderte zu Ende. Das machte ihn wurzellos, gab ihm jene Unruhe und verzweifelte' Geistigkeit, an der er heute noch krankt. Er hat es noch nirgendwo' länger'äls drei 'Jahre 'ausgehalten. . Eine Zeitlang vertiefte er sich in die Werke der spanischjüdischen Dichter Jbn Gabirol und der anderen/zunächst durch Heines hebräische Melodien angeregt, dann aus tiefem Heimweh, das ihn hier den mütterlichen Boden' verspüren lieA Wenn er mit galizischen Juden sprechen wolltederen eigentümlich melodiöse Völkstzesänge ihn anzogen, so stieß ihn ihr Aussehen, Sprache und Gebärde wieder heftig zurück. Ich weiß noch genau, wie er, der spnst doch gar nicht auss bloße Gefühl gestellt ist, mir darüber sagte: „Wenn ich solch verelendeten Juden dann von mir weggewiesen habe, weil er mir widerwärtig und ausdringlich schien, und er ist ein Paar Schritte fort, so möchte ich ihn zürückrusen und umarmen vor Brudergefühl, denn er ist mir auf einmal zum Symbol geworden, zu dem Symbol, 'das mein innerstes Herz entsiegelt, nämlich der Jude' Ahasverus." . Angesichts dieses tiefen Leidens konnte ich nur mit halber Ueberzeugung ihm widersprechen. Freilich sollte ein moderner Mensch über derartige'innere Hemmungen, die. unserer besten Kulturarbeit entgegengesetzt wirken, hinausgelangen. . Aber ich glaube doch, das bleibt nur ein frommer Wunsch für den, der's innerlich so. erlebl wie Max. In den letzten Jahren ist er noch verschlossener geworden und spricht;sich nicht einmal mir gegenüber aus. Ich habe sogar den Eindruck, weil er-sich von mir zurückhält, daß er seine frühere Offenheit gern ungeschehen wüßte. Vielleicht ist er vor innerem Unglück zum Fanatiker geworden. Du weißt, Fritz, wie eng er mit Theodor Herzl verkehrte, und wie lebhaft er heute noch, als Advokat, sich mit der jüdisch-nationalen Bewegung und den Arbeiten der Gesellschaft für Rafsehygiene beschäftigt; alle Strömungen, die mit diesen Problemen zu tun haben, scheinen seine heimliche Liebe geworden zu sein. Ich kann Ihnen aber sagen, er leidet entsetzlich unter seiner inneren Heimatlosigkeit, diesem Bewußtsein, in keinem Boden mit klammernden Organen zu wurzeln, keiner Gemeinschaft voll anzugehören. Die Tradition, ich meine nicht nur die religiöse, bricht ab, die Kette zerspringt, als sei sie aus widerstrebenden Metallen nutzlos zusammengehämmert worden. Es muß furchtbar, sein, ohne eine reiche Tradition auszuwachseru Können Sie sich überhaupt das vorstellen? Davon hängt'doch erst die Einordnung in die ganze Menschheit ab. Glauben Sie's mir, Max hat unsägliches darunter erduldet, alles Unbefangene hat er verloren. Und er wird nie aus dem Schatten heraustreten.' Und nun Dorothea, von der ich Ihnen ja eigentlich erzählen wollte. — Ich sehe Ihnen an, lieber Noorden, daß Sie ungeduldig geworden sind. Vielleicht haben Sie gar im geh einem den Walzer drüben mitgesummt, weil Ihnen das äußerlich undramatische Leben des Bruders, von dessen Schwester Sie hören wollen, gleichgültig ist!" Noorden schüttelte, ohne den alten Herrn zu unterbrechen, heftig den Kopf. Der fuhr fort, in dem er die Glut der erst halbausgerauchten.Zigarre mit einer nachdrücklichen Bewegung in einer schweren bronzenen Aschenschale erstickte: „Sie müssen mir meine Weitschweifigkeit schon verzeihen. Das kommt so mit den ansteigenden Jahren! Wenn ich alter Mann hier zwischen Ihrer erwartungsvollen Jugend sitze, so werden mir all diese Dinge, die langsam aufquellen, stark gegenwärtig, und meine vergangenen Zeiten werden mir fast zu Landschaften, in denen es von bewegten Staffagen wimmelt. Und die; verwandeln sich von Watteaus Grazie mitunter bis — ja bis. zum Entsetzen eines Höllenbreughel.. Was ich Ihnen heute zu sagen habe, wird ja nicht ganz so weit führen." Herr Roth unterbracht.sich. Sein gütiges Gesicht schien auf einmal ganz' alt, und die unzähligen Fältchen zuckten. Er' fuhr sich mit 'einem Tuch über .die Stirn, auf der ein Schimmer lag, wie ihn künstlerische Menschen besitzen, und. fuhr fort: „Es liegt' eine tiefe Traurigkeit darin, daß diese beiden jungen Menschen, eigentlich mehr, das Opfer als die Frucht der glücklichen Ehe ihrer Eltern werden mußten. Denn das wer-; den Sie wohl schon herausgefühlt haben:. Auch Dorothea, dies gesunde prächtige Menschenkind, konnte' an dem Problem ihrer Abstammung, das ihren Bruder zermartert, nicht unberührt vorübergegangen sein. Ja, es hat auch auf ihre Entwicklung in seiner Weise ausschlaggebend eingewirkt. 11 (Fortsetzung folgt) ' SSäf? Literarische Mitteilungen. — Pharisaism, its aim and its method, by R. Travers Herford B. A. (Williams and Norgate, 14 Henrietta Street, Coyent Garden, London. New-York: G. P. Putnam’s Sons. 1912) Crown theological library. Vol. XXXV. * In gewissem Sinne stellt das Büch von Herford ein Unikum dar. Ein Christ, der seine eigene Religion schätzt und liebt, läßt den vielgeschmähten Pharisäern volle Gerechtigkeit widerfahren und sucht — gestützt auf eine sichere -und gründliche Kenntnis der in Betracht kommenden Quellen — das Wesen und die Bedeutung des Pharisäertums von ihrem ei g enen Standpunkt aus zu ergründen! Daß auf; diesem Boden — nicht dem einer Verherrlichung. der Pharisäer, : sondern dem der 'strengsten Objektivität — sich' eine Auffassung ergeben muß, die zu den herrschenden gehässigen Pharisäertheorien der großen christlichen Gelehrtenwelt in schneidendem Gegensätze steht, bedarf keiner besonderen Hervorhebung. In. sechs Kapiteln behandelt der Verfasser'die historischen Verhältnisse, welche dem Entstehen des Pharisäertums zugründe liegen, .ferner die Bedeutung von Thora (ein besonders-glücklich erfaßter Teil des Problems!), die Beziehungen der- Pharisäer zu Jesus und zu - Paulus. Dem schließt sich eine Darstellung einiger Punkte der pharisäischen Religionsauffasfung an, unter denen der Verfasser mit voller Absicht die messianische Frage leider nicht behandelt. Den Schluß bildet ein Kapitel über das persönliche Verhältnis zu Gott nach pharisäischer Lehre.. Die Ausführungen atmen Großzügigkeit und liebevolles Verständnis; wo sie' auf Detailfragen eingehen, zeichnen sie sich durch Selbständigkeit in der Auffassung und Kraft der Ueber-, zeugung aus. Besonders hervorzuheben sind die Anschauungen über die „Männer der großen Synagoge" und die Soferim. Cs ist außer-, ordentlich erfreulich, daß hier einmal von christlicher Seite aüs mit den unlogischen und unsinnigen Anklagen des Neuen Testaments gegen die Pharisäer scharf ins Gericht gegangen wird, daß hie. Fäden, welche von den. Pharisäern zu Jesus und Paulus hinübersühren, objektiv' geprüft und gewertet, und daß die religiösen. Anschauungen dev Pharisäer auch ihrem positiven sittlichen Gehalt nach anerkannt werden. Wenn auch das interessant — fast möchte. man sagen spannend — geschriebene Buch Herfords sie durchaus nicht überall in Schutz nimmt, so besonders in der Beurteilung ihres Universalismus, so kann es doch als das Werk eines klugen, gelehrten und objektiven Beobachters jedem Freunde der Wahrheit empfohlen werden, und es ist zu hoffen, daß es recht bald durch, eine Uebersetzung.aus dem englischen Texte auch einem größeren deutschen. Publikum zugänglich gemacht wird. Gold mann.. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Hkerr Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe hat sich, einen Irrtum berichtigend, selbst geirrt. Bekanntlich war die glückliche Ehe von Sir Moses und Lady Judith Montefiore kinderlos. Die jüngere Schw ester der Lady Judith, Hannah, wurde die Gemahlin des Lon- .doner Rothschild. Breslau. Regina Reißer.