Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 503 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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* Die stattliche Gestalt mit dem milden, schwermütigen Blick, weckte Hoffnung und Freude, wo sie sich in den Armenwohnungen sehen ließ. Ihn in feinem kleinen Kinderheim oder in einer armenkinderreichen Familie gesehen, ihn Worte des Trostes oder der Ermutigung alten Leuten sagen gehört zu habem vergißt man nicht so leicht wieder, es ist eine schöne Erinnerung, eine Mahnung, ein lebendes und erhebendes Exempel. ' Die Trauer um ihn ist ebenso groß in der jüdischen Gemeinde als in der christlichen, denn für beide war er eine Stütze, die nie schwankte, eine Kraft, stets bereit, gegen Elend, Krankheit und Not einzuschreiten. Die öffentliche Armenpflege vermißt in ihm einen seiner eifrigsten Mitarbeiter, denn konnte diese aus irgend einem Grunde nicht helfen, so war er stets bereit beizuspringen. Ein liebenswürdigeres und mehr interessiertes Mitglied der vielen Wohlfahrtseinrichtungen, in denen er mit Leiter war, wird schwerlich gefunden werden, sein Platz in diesen, noch mehr aber in der privaten, persönlichen Armenpflege, wird beinahe unmöglich zu ersetzen sein. Nun herrscht Landestrauer im Reiche der Armen. Klagen und Gebete folgen seinem Geist in die Welt, wo es keine Not und kein Elend mehr gibt." .... - T. Klein. Osttr. Erzählung von Georg I. P l o t k e. II. ^?>er junge Dohms war der einzige Sprößling einer deutschen Lehrersfamilie aus Siebenbürgen. Er kam als Negierungsassessor nach Wien und wußte wohl, warum er sich in das Mädchen, dessen Anmut durch diesen kleinen Dekadencezug geradezu verklärt wurde, verliebte. Es war in jenen Jahren, die der antisemitischen Bewegung vorausgingen, und so ergaben sich keine weiteren Schwierigkeiten. Als ihn Freunde auf die Zartheit seiner Geliebten hinwiesen, hat er, ein blonder urgermanischer Hüne, geantwortet, er könne ihr dafür von seiner Ueberkrast abgeben. Die Ehe wurde geschlossen und Dohms kurz daraus als Regierungsrat an die Prager Statthalterei versetzt. Ich weiß nicht einmal, ob seine Frau bei ihrer angestammten Gemeinschaft verharrte. Jedenfalls blieb sie der wunderschönen jüdischen Witte ihr Leben lang treu, am Todestage ihrer Eltern die Jahrzeitlichtchen brennen zu lassen. Das sah ich selber gelegentlich einmal, und es hat mich sonderbar ergriffen. Es ist, als ob dies kleine Lichtchen die Seele des Toten an ihrem Abschiedstage immer wieder an den heimatlichen Herd und in den verlassenen Kreis zurückriefe. Und so verbindet es, auf der Schwelle zwischen hier und drüben leuchtend, uns mit dem anderen User, wo wir von unverlorener Liebe erwartet werden. Daß ich's nur gleich sage, diese Ehe war überaus glücklich. Sie blieb harmonisch, nur bisweilen verschaltet durch die Trauer über die mangelhafte körperliche Entwickelung des Knaben, der bald geboren wurde, und dem erst lange Jahre später Dorothea folgte. Vor acht Jahren ist die Mutter gestorben, gerade am sechzehnten Geburtstage der Tochter. Ich verkehrte viel dort im Elternhaüse und sah eigentlich die Kinder unter meinen Augen groß werden. Ich duze sie ja heute noch. Max hatte viel Vertrauen zu mir, nicht zum geringsten meiner schönen Antiquitäten wegen. Zum Beispiel zeigte er mir seine im übrigen gar nicht schlechten Gedichte früher als seiner Mutter. — Sie waren nur ein bißchen zu intellektuell; nun, davon verstehen Sie, die junge Generation, ja mehr; aber ich kann über Mörike und Storm hinaus nicht mehr so recht mit, obwohl mir die Seele nicht verrostet ist. — Dem Vater mußte er freilich mit solchen Dingen vom Leibe bleiben. So wie Sie ihn heute sehen, mit diesem knabenhaften Munde und den schlaffen Wangen schaute er eigentlich schon als Abiturient ausl Selbst die Hände, diese armen überzarten Hände, hatte er schon als Achtzehnjähriger. Nur ist der resignierte Ausdruck stärker geworden, und er ist früh gealtert. Sie können sich denken, wie sehr die Eltern unter seinerkörperlichen Mißbildung litten; aber sie haben sich wohl nie darüber ausgesprochen. Sie waren beide zu feinfühlig und hätten sich bei aller Zartheit nur gegenseitig wehe getan. Der alte Dohms hatte immer gewünscht, seinen Sohn Offizier werden zu lassen und sah' sich in dieser Hoffnung schon so bald nach der Geburt des Jungen grausam getäuscht. Dabei ist es merkwürdig, wie Max sich eigentlich immer mehr zu seinem Vater hingezogen fühlte, während Dorothea, der späte Nachzügler, stärker an der früh kränkelnden Mutter hing, die sie schon als Kind um halbe Kopfeslänge überragte. Frau Regierungsrat Dohms machte in ihren letzten Jahren immer den Eindruck, als friere sie, während ihren dunklen, fast unirdischen Augen eine tiefe Güte und Wärme entströmte. Die Tochter, der sie ihre ganze Lebenskraft mit auf den Weg gegeben hatte, muß unendliches an ihr verloren haben. Als Max im ersten Semester von der Universität zurückkehrte, neckte ich ihn damit, daß er immer noch so unlebendig sei, obwohl er doch ein grundgescheiter Mensch war. Da erzählte er mir, er müsse erst noch einen „Verpuppungszustand" durchmachen, dann, ja dann würden ihm die fernstehenden Objekte, Menschen wie Dinge, nähertreten. Er fand bald darauf einen Freund, einen blonden lebensschwachen Studenten, den nur sein dünnes Blut vom raschen Ergreifen der umgebenden blühenden Gegenwart zurückhielt, einen jungen Menschen, wie sie heute tausendfach durch unsere Literatur wandern. Und der wurde ihm zum Erlebnis. Ob er die selbstlose Hingabe Max, zu würdigen wußte, oder nur der Empfangende war, tdEj. weiß es nicht. Jedenfalls enttäuschte er Max, sehr, indem er nach seiner Abreise kaum noch etwas von sich hören ließ. Aber damals, in den zweiten Ferien seiner Studentenzeit, war ich oft an den klaren Vorfrühlingstagen mit Max zusammen, und er offenbarte mir schließlich, was ihn so einsam machte und so früh resignieren ließ. Es war nicht sein körperliches Gebrechen, darüber hätte seine Philosophie ihm hinweggeholfen, es war ein endloses Gefühl der Heimatlosigkeit, das seiner nicht vollgeglückten Blutmischung entsprang. Die christlrch - soz ia'l e Bewegung, die unter Luegers bösartig temperamentvoller Leitung mit mächtigen Auftakten damals begonnen hatte, das Hervortreten der Rasfenprobleme, die ungeschickt und einseitig popularisiert wurden, all diese Dinge hatte der junge Student mit fiebernden Sinnen ausgenommen, und sie waren ihm Ereignisse geworden, die sein Tiefstes aufwühlten und ihm den Boden, auf dem er zu stehen glaubte, in ein Gewölk aüfzulösen schienen. ' Ich habe das zuerst nicht Mitempfinden können, aber schließlich machte er es mir doch klar, so daß ich ihn ganz begriff. Er sprach mit einer flammenden Leidenschaft sich seine Gefühlslast vom Herzen. Während ihm alles Germanische physisch anzog, drängten seine halbgebrochenen Energien, seine ganze Seelenwelt ihn zum Judentum hin. Der Judenschmerz, der mir früher eine literarisch romantische Sentimentalität war, lebte in diesem jungen Menschen auf einmal wie ein loderndes Feuer und nährte feine zehrende Glut von Max'