Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufgehen der meisten Mitglieder dieser Familie in den Amerikanismus zur Darstellung brachte. Der nun vorliegende Roman ist von wesentlich anderer Struktur und Tendenz, wenngleich auch er ausschließlich von Juden handelt. Er will die Strömungen veranschaulichen, die unter der jüdischen Jugend herrschen. Der Roman spielt teils in einer mittleren Stadt Rußlands, teils in St. Petersburg. Von dort schildert er einige reiche jüdische Familien, deren jüngere Mitglieder sich eine moderne Bildung zu verschaffen suchen, keineswegs mit Zustimmung der Familienhäupter; hier, in der Hauptstadt, einen vielgestaltigen Literaten- und Künstlerkreis. Zusammengehalten werden diese divergenten Kreise durch zwei Persönlichkeiten: einen jungen Mann Mischa und dessen Cousine Mery, die beide in Petersburg studieren wollten. Mischa liebt Mery, und diese schließt sich eine Zeitlang an ihn an. Aber nur, so lange der von ihr leidenschaftlich geliebte Maler Kowalski, ein schnell berühmt gewordener Mann, eine seltsame Künstlernatur, sich von ihr entfernt hält; sobald er wieder erscheint, gehört sie ihm, dem Künstler, mit Seele und Leib. Aber der Unentschiedene, der nicht lange in denselben Banden verbleiben kann, verläßt sie bald. In der kleinen Stadt wird neben dem Kreise der Reichen die „Grube" geschildert, der Wohnplatz der Verwahrlosten und Armen. Ein idealistischer, höchst freigeistig gesinnter Arzt, der sich vom jüdischen Formenwesen emanzipiert hat, Dr. Lasarowitsch, spendet aufopfernd den Armen Rat und Hilfe. Der Arzt und sein Sohn werden gefangen gesetzt, der letztere hingerichtet; während eines Pogroms wird die Tochter Rahel entehrt. Sie, die Mischa immer in keuscher Neigung ergeben war, wird trotz der ihr angetanen Schande von Mischa, der lange blind an dieser lieblichen Mädchenblüte vorbeigegangen war, zur Gattin begehrt und — geheiratet. Mery, die eine Zeitlang in den Petersburger Salons die Rolle einer Löwin gespielt hatte, bleibt allein und verlassen zurück. Als Kunstwerk leidet der Roman an zwei großen Fehlern: dem einen, daß die beiden verschiedenen Teile nicht zu einem Ganzen organisch verbunden sind, dem anderen, daß das Ganze, entgegen den Gesetzen eines guten Nomanes, ein Bruchstück ist und das Leben der beiden wirklichen Haupthelden, Mery und Kowalski, nicht pn rechten Abschluß bringt. Als Kulturbild dagegen gewährt das Werk großen Reiz. Szenen von packender Kraft wechseln ab mit buntschillernden Bildern. Zu den ersteren gehört ein Auszug der Krüppel und Elenden,/der von einigen Organisatoren in der kleinen russischen Stadt veranstaltet wird; zu den letzteren die ungemein fesselnde Darstellung des Salons einer Rechtsanwaltsgattin, in der jüdische Regisseure, Schriftsteller, Künstler, seine Männer, kokette Frauen, Aestheten, übertünchte Trunkenbolde, rohe Gesellen in bunter Reihe an dem, Leser vorüberziehen. Zionistisch, nationalistisch Gesinnte stehen neben bloß genußsüchtigen sowie vielen der alten Einfachheit und Frömmigkeit ergebenen Männern und Frauen. Dunkelheit neben Licht, Herzerschütterndes gegenüber Erfreulichem. Das eben macht den wesentlichen Unterschied dieses neuen Werkes gegen die früheren desselben Verfassers aus, daß es nicht nur die krasse Versunkenheit, die vollkommene Trostlosigkeit vorsührt, aus der es keine Rettung gibt, sondern daß wirkliche Lichtgestalten Vorkommen, edle Persönlichkeiten, an denen man sich erheben kann. Psychologisch vortrefflich sind Mery und Kowalski gezeichnet, während Mischas Schwanken zwischen Mery: und Rähel nicht genügend motiviert, seine schnelle Neigung zu der letzteren nicht ausreichend begründet wird. Im ganzen halte ich das Werk für einen Fortschritt, den ich mit. Freude konstatiere. . Ludwig Geiger. Kbrsham Kschmanlon. n diesen Tagen hat unsere Gemeinde, wie in der vori- \ gen Nummer des „Gemeindeboten" bereits mitgeteilt, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Abraham Nachmanson, seit 20 Jahren Vorsteher der Ehebra Kadischa und der Mittelpunkt aller unserer Wohltätigkeitsanstalten, ist am 17. September nach langem geduldig ertragenen Herzleiden im Alter von 70 Jahren von dannen geschieden. Drrrch den Heimgang dieses prächtigen Mannes ist nicht allein unsere Gemeinde in tiefste Trauer versetzt worden, sondern auch das Armenwesen Stockholms hat in dem Verstorbenen einen seiner bedeutendsten Wohltäterverloren. Es wird für die Leser dieser Zeitung sicher von Interesse sein, Kenntnis zu erhalten von dem Nachruf, den ein Christ, und zwar kein Geringerer als der im ganzen Lande wohlbekannte Armeninspektor A. L i n d b l o m dem Verstorbenen gewidmet hat: „Trauer herrscht unter den Armen in den Quartieren der Maria- und Katarinagemeinde, in der Welt der Elenden in Stockholms Sibirien. - Viele sind sich vielleicht noch gar nicht der Tragweite... bewußt, die die einfache Traueranzeige: „Abraham Nachmanson starb ruhig und friedvoll den 17. September 1912", in sich trägt. Aber für jeden, der auch nur im geringsten Grade für die Armen wirkt, für Hunderte, ja Tausende der Bedürftigen und Leidenden bedeutet sie einen großen, tiefen Verlust, für viele sogar Verzweiflung. Denn sicher hat niemand sofeine ganze Persönlichkeit eingesetzt bei der Armenpflege, als Abraham Nachmanson. Seine ganze Zeit, sein ganzes Denken und Streben widmete er seinen leidenden Mitmenschen. Juden und Christen, alle waren in seinen Augen gleich, sofern sie notleidend waren. Konnte er helfen, so fragte er nicht nach Glaubensbekenntnis oder Ansichten. Er war der barmherzige Samariter, glücklich, wenn er Hilfe schassen konnte. Und dies konnte er in ausgiebigstem Maße durch das große Vertrauen, das er nicht nur unter seinen Glaubensgenossen, sondern auch unter der Menge seiner anderen Freunde genoß. Diejenigen, die wahrhafter Not, — oft verborgener —, abhelfen wollten, wendeten sich gerne an Abraham Nachmanson mit ihren Gaben, und höchst bedeutende Summen gingen durch seine Hände. Abraham Nachmanson, Stockholm gest. im Alter von 70 Jahren am 17. September 1912. DD" v-:-; '** 'idU