Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
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Juden richtig erkannte. Denn auchin Polen machte anfangs die lutherische Konfession starke Fortschritte und beinahe ebensolche dieder jüdischen näherstehende antitrinitarische, welche man nach einem ihrer Apostel die s o cini a n i s ch e nannte. Sie stammte eigentlich aus Spanien und war wohl ein Abkömmling des-Arianismus, der sich noch im verborgenen erhalten konnte wie das Judentum unter den dort äußerlich zum Christentum Uebergetretenen. Zwei Spanier, Johann Valdes und Michael Servet, den später der intolerante Calvin in Genf verbrennen ließ, verpflanzten diesen Glauben um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts nach Italien. Sie fanden dort, wo lange Zeit der Arianismus der Langobarden geherrscht hatte, ein anfangs günstiges Terrain. Brant-Maurh in seinem Werke über den Ursprung des englischen Unitarismus (Paris 1881), das ich aber nur aus der Kritik des Grafen Goblet d'Alviella in der, „Revue de Belgique" kenne, vermutet indessen, daß auch der Einfluß italienischer Rabbiner dabei wirksam war. Aber bald brach die schärfste Verfolgung seitens der katholischen Kirche aus, wer nicht aus Italien entfloh, wurde verbrannt. Aber auch in. Deutschland und Frankreich, bei Katholiken, Lutheranern und Kalvinern, konnten die A n t itrinitarier weder Ruhe noch Duldung finden. Diese fanden sie nur in dem damals unter türkischer Oberheit stehen? den Fürstentum Siebenbürgen und in dem gastfreundlichen, toleranten Polen. Dorthin kam im letzten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts, nach Ueberstehung mancher Gefahren, Faustüs Socinus aus Siena, von dem die Socinianer ihren - Namen haben, man nannte sie aber auch „Polnische Brüder", weil sie in diesem Lande sich am meisten verbreiteten. Die große Autonomie, man könnte fast Ungebundenheit sagen, die dort herrschte, war ihnen sehr günstig. Sie fanden Ausnahme und Schutz in einzelnen Städten und bei mächtigen adligen Großgrundbesitzern. Sie hatten Schulen und Kirchen, konnten ihren Katechismus drucken lassen, Und die Werke ihrer Prediger und Lehrer erschienen unter dem Titel „Bibliotheca fratrum polonorum". Ihre Zahl vermehrte sich auch nach dem 1604 erfolgten Tode des Faustus, und wenn sie auch keine jüdischen Proselyten machten, so müssen sie doch viel mit Juden verkehrt haben. Aber schon um 1627 begann die Verfolgung: Kirchen und Schulen wurden zerstört und 1638 wurden die Socinianer ganz aus Polen vertrieben. Die Protestanten und die Griechen wurden in Polen Dissidenten genant und gönnten den Socinianern nicht einmal diesen Namen, betrachteten sie gewissermaßen nicht als' Christen, verfolgten sie gelegentlich, wenn sie nicht selbst verfolgt wurden. In einem Schreiben an Papst Urban VIII. rühmte sich ' König Ladislaw IV. alles dessen, was er für den heiligen katholischen Glauben getan hat, unter anderem habe er von der „pestilenziösen Sekte der Arianer" (das heißt Socinianer) das Land vollständig gereinigt, ein strenges Edikt gegen die ' Kalviner erlassen, ihnen öffentlichen und geheimen Kultus verboten, Synagogen (den Namen Kirchen gönnte er ihnen nicht), Spitüler' und Schulen weggenommen. Als Belohnung für diese gottgefälligen Heldentaten verlangte er vom Päpst nur die Ernennung eines von ihm Protegierten Geistlichen zum Kardinal, die Hauptbelohnung erwartete er wahrscheinlich in einem besseren Jenseits. Wie diese Intoleranz gegen, die Akatholiken den freilich nicht toleranteren Nachbarmächten. Anlaß oder Vorwand gab, sich in die inneren Angelegenheiten des Landes einzumischen und es endlich zu zerstückeln, ist wohlbekannt. Trotzdem lassen sich die russischen Tschinowniks, die sich., für.Staatsmänner halten, durch das Beispiel von Spanien und Polen nicht belehren. Sie haben, wie die nach Frankreich zurückgekehrten | Bourbons, nichts gelernt und das wenige' was. sie vielleicht gewußt haben, vergessen. Gott aber vergißt nichts, und die Weltgeschichte ist das Weltgericht. In Siebenbürgen haben sich die Antitrinitarier^ unter dem. Namen Unitarier bis zur Gegenwart, erhalten, und dürften ihrer dort etwa. 60 000 leben. Nach England scheint die antitrinitarische „Ketzerei" gleichzeitig mit der protestantischen gekommen zü sein. Im Jahre 1551 wurde dort. schon ein Leugner der Dreieinigkeit verbrannt. ' ' In neuerer Zeit haben aber die Unitarier in England und mehr noch in Nordamerika wieder zugenommen; sie zählen in beiden Ländern beinahe eine Million Bekenner: Ihr anerkannter Wortführer und fast Wiedererwecker war der Prediger und Schriftsteller William Ellery Channing, der auch die Negersklaverei bekämpft Hab Und dürfen wir nicht auch bei ihm jüdischen Einfluß vermuten? Die modernen Unitarier stehen dem Judentum etwas näher als die Socinianer, und in Newport im Staate Rhode Island, wo Channing im Jahre' 1780 geboren wurde, lebten zu seiner Zeit unter etwa 20 000 Einwohnern dreihundert jüdische Familien. Ein so freireligiös angelegter, wahrheitssuchender Mann wie Channing wird wohl gern mit ihnen verkehrt und manches von ihnen gelernt haben. Sein Religionsbekenntnis ist freilich ein christliches, aber dem Judentum steht es noch näher als das. der Arianer und Socinianer, es ist viel monotheistischer. „Hätte Jesus etwas von einer Dreieinigkeit gelehrt," sagt er, „so würden die auf ihren Monotheismus so stolzen Juden es ihm und den Aposteln gewiß vorgeworfen haben, aber wir hören nichts von dergleichen." Der Glaube an-drei Personen, meint er, vermindert die Religiosität, indem er die Verehrung und' Anbetung unter mehrere verteilt. Das ist der große Vorzug der Lehre von der Einheit Gottes, daß sie nur ein göttliches Wesen der Liebe, Verehrung und Anbetung würdig hält. Sonst gerät man in Gefahr, zwischen den drei Personen einen Unterschied zu machen, fürchtet durch Zurücksetzung der einen oder der anderen sich zu versündigen. So weist er auch nach, wie Gott-Vater aus dem Volksglauben durch Jesus verdrängt würde. Dieser ist für Channing kein Gott, aber von Gott auserwählt, mit einer besonderen Mission betraut, über alle Menschen erhöht. Er nennt ihn einmal den Sohn Gottes, sagt aber nichts über seine übernatürliche Geburt. Er ist für ihn ungefähr als bereits erschienener Messias das, was der er-, wartete für den gläubigen Juden. Jede Intoleranz und Glaubensverfolgung verabscheuend, hält er für die Essenz aller Religiosität die vollkommene Hingebung an Gott und seinen Willen mit ganzem Herzen, Seele und Vermögen. Das ist ungefähr der fünfte Vers des sechsten Kapitels des Deuteronomiums, den jeder fromme Jude im Morgen- und Abendgebet wiederholt. \;! :'.r; »ML« ." Bit Süngltm.11 in Werk ganz eigener Art, das sich von den bisherigen Arbeiten Aschs sehr unterscheidet, von denen ich gar manche in diesen Blättern besprochen habe. Die bisherigen waren Dramen, Tragödien und Komödien, die das Elend und . die Verworfenheit der Juden Rußlands schilderten; ferner Skizzen, zwar von poetischer Kraft erfüllt, die aber den Leser häufig abstießen und ihm nur Bruchstücke, photographische Aufnahmen gewährten; endlich ein Roman, der eine jüdische, nach Amerika ausgewanderte Familie vorführte und das volle *) Roman von Schalom Asch. Perlin, Verlag von S. Fischer. 1912.