Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229058--68883-3281165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
märkischen Judentums. Die Bessersituierten, -die in. den städtischen Kreis- und sogar Provinziallandtagsvertretungen noch zu finden sind, verlassen die Ostmark; was zurückbleibt, sind zwar brave, aber nur mühsam: schaffende, kleine Gewerbetreibende, die niemals für die soziale Stellung der Juden in Betracht kommen können. Gerade jetzt, wo wir Ostmärker noch, in der glücklichen Lage sind, jüdische Landtagsabgeordnete aus unserer Provinz zu entsenden, wo Juden in der Pro- ' vinzial-, Kreis- und städtischen Vertretung Sitz und Stimme und so die beste Gelegenheit haben, bei den Staats- und Provinzialbehörden für das ostmärkische Judentum zu wirken, wo anderseits die höchsten Provinzialbehörden rückhaltlos die Judm als wichtige Mitarbeiter an dem Werke der Gevmanisievung und der deutschen Kultur für die Ostmark anerkennen und zu schätzen wissen—hat doch der neue Oberpräsident der . Provinz Posen auf seiner Besuchsreise an vielen Orten neben den Kirchen auch die Synagogen besucht und sich nach den Verhältnissen der jüdischen Gemeinden erkundigt — ist es die höchste Zeit und vielleicht die letzte Gelegenheit, in gemeinsamer Arbeit aller hier bestehenden jüdischen Verbände eine großzügige Hilfsaktion zur Erhaltung des ostmärkischen Judentums einzuleiten. Diese Hilfsaktion muß sowohl wirtschaftlicher Natur sein als. auch Bildungszwecke verfolgen. Sie muß den kleinen Gewerbetreibenden Darlehen geben, Absatzgelegenheit vermitteln, neue gewerbliche Berufe eröffnen, sie muß die Niederlassung von jüdischen Aerzten, Zähnärzten, Tierärzten,' Ingenieuren oder Mechanikern, Rechtsanwälten und Apothekern veranlassen und sie in der ersten Zeit ihrer Niederlassung unterstützen; sie muß größere Fabrikanten auf die billigen Arbeitslöhne im Osten Hinweisen und sie zur Errichtung von Fabriken veranlassen; sie muß die kleineren Gemeinden, wie es der Deutsch-Jüdische Gemeindebund getan, hat, soweit seine beschränkten Mittel reichen' für die Erhaltung einest Kultusbeamten unterstützen; sie muß — wo - die Gemeinden zu klein sind — staatlich .geprüfte und seminarisch vorgebildete Wanderlehrer für den Religionsunterricht anstellen; sie muß anderseits für die Befriedigung religiöser Bedürfnisse durch Anstellung von Wandevschächtern in kleineren Gemeinden Sorge tragen; sie muß endlich für die Erhaltüng der jüdischen Volksschulen bzw. für die Verwendung jüdischer Volksschullehrer im staatlichen Schuldienste die maßgebenden Faktoren interessieren, damit unsere jüdische Jugend — wie das in den von ihnen besuchten christlichen Volksschulen geschieht — ihre frohe Kindheit genießen können und nicht schon im zarten Alter Märtyrer ihres Glaubens werden. Das tut unserem ostmärkischen Judentum not, wenn es erhalten bleiben und seine Bedeutung für das Gesamtjudentum nicht verlieren soll. Wir wünschen dringend, daß diese Anregungen nicht das Schicksal so vieler fruchtbarer Anregungen, die in diesen Blättern erörtert worden sind, haben mögen, die einmal gelesen und dann — vergessen werden. Eine direkte Anregung an die' in Frage kommenden Verbände soll demnächst erfolgen. -"SM*» Juden und Änitsrirr. Von Dr. MarcüsLandau (Schluß.) us Spanien und Portugal vertrieben, in Deutschland durch die Kreuzfahrer beraubt und verfolgt, hatten die Juden in Polen Ruhe und Toleranz gefunden. Ein Couplet aus dem sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert lautet: darum regnum Polonorum Est coelum Nobiliorum Infernus Rusticorum * Paradisus Judaeorum. ' Ein Paradies hatten sie-freilich in Polen nicht, aber, wenn ' auch hier und da Verfolgungen und Bedrückungen vorkamen, so ging es ihnen dort im Mittelalter und noch -später viel besser als in anderen Ländern. Schon König Boleslaw der Fromme hak die Juden be-- schützt, verboten, sie des Blutabzapfens zu beschuldigen und' ihnen 1264 ein Privilegium erteilt, das 1334 vom Königs Kazimir dem Großen bestätigt wurde. Sie wurden damit in bezug - auf Handel und Verkehr den, Christen gleichgestellt. Es ist interessant, daß der 1480 als Erzbischof von Lemberg verstorbene Johann Dlugosz in seiner lateinischen Geschichte Polens dieses Privilegium für exorbitant und die Majestät Gottes beleidigend erklärt, Während im achtzehnt-en Jahr hu nd er t der Exjesuit Naruszewicz in seiner Geschichte Polens daran nichts zu tadeln, findet. Die heidnischen Litauer wurden am Ende des vierzehnten . Jahrhunderts zum Christentum bekehrt, vorzüglich durch die weißen Taufkleider, welche ihnen ihr Fürst Jagello schenkte, dazu bewogen. Man trieb sie haufenweise in einen Fluß, der Priester besprengte sie mit dem Taufwasser, Taufpaten gab es nicht, sondern der Priester gab jedem Hausen einen gemeinsamen christlichen Namen. So entstand eine Menge von Peters, Johanns, Annas, Katharinas usw. Jagello selbst bekehrte sich erst 1386 zum Christentum, um die Königin Hedwig zu heiraten und König von Polen zu werden. Er behandelte die Juden gut, ebenso sein Cousin, Großfürst Witold, der ihnen Schutz und Privilegien gab, und der erklärte, daß er nicht begreifen könne, warum man in anderen Ländern drückende Ausnahmegesetze gegen die Juden erlasse. So blieb die Lage, derselben in Polen und Litauen eine verhältnismäßig gute; Intoleranz und Judenhaß waren in diesen Ländern nicht einheimisch, sie wurden erst von der Geistlichkeit, besonders aber zur Zeit der Gegenreformation dahin verpflanzt. In Polen hatte nämlich der Protestantismus starke Verbreitung gefunden, und dessen Bekenner genossen anfangs volle' Gleichberechtigung. Um sie zu bekämpfen, wurde der Bischof Alois Lippoman .im Jahre 1556 von Papst Paul IV. als Nunzius dahin geschickt. Er scheint aber die Aufgabe zu schwierig gefunden zu haben und inszenierte deshalb, was leichter war, eine kleine Judenverfolgung. Wie - ein pro-, testantischer polnischer Geschichtsschreiber meint, tat er es nurum den Ketzern Furcht eingujagen und seine Macht zu erproben. Er ließ also drei Juden und eine Christin ergreifen und beschuldigte diese, sie hatte den Juden eine geweihte Hostie verkauft, aus der diese mit einer Nadel Blut gezogen hätten', das sie bei der Beschneidung ihrer Kinder gebrauchten. Eine Kindesleiche, um die Juden des „Ritualmordes" zu beschuldigen, konnte, wie es scheint, nicht so schnell herbeigeschafft werden, und dann war das aus der Hostie fließende Blut gegen die Ketzer der beste Beweis von der wirklichen Gegenwart von Leib und Blut Christi im heiligen Abendmahl. Die drei Juden wurden in grausamer Weise gepeinigt und hingerichtet, trotzdem sie bis zuletzt ihre Unschuld beteuerten und erklärten-' daß sie kein Blut brauchen. Wie soll detm, fragten sie in ihrer-Unschuld, oder wie die Feinde sagten, ttl ihrer Bosheit, sich Blut im Mehl der Oblate finden? ’ ' Als König Sigismund August, der doch ein guter Katholik' war, den Sachverhalt erfuhr, äußerte er seinen Unwillen'dar-" über und erklärte, er selbst könne nicht glauben, daß man aus einer Hostie Blut zapfen könne. Die bald darauf erfolgte Abberufung des Nunzius war vielleicht Folge dieser Vorgänge. Die Lage der Juden in Polen scheint durch diese Epispde nicht beeinflußt worden zu sein. Die Intoleranz, besonders von den Jesuiten geschürt, traf um.so schärfer die Protestanten, in. welchen der Katholizismus gefährlichere Gegner als in den