Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
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Gegenüber diesen und anderen Angriffen auf das ostmärkische Judentum ist es wieder einmal dringend notwendig, auf Abwehrmittel und Maßregeln zu sinnen, die wir in nachstehendem kurz erörtern wollen. Das ostmärkische Judentum bedarf wegen seiner Stellung als Puffer zwischen Deutschen und Polen eben ganz besonderer Abwehrmaßregeln und Verteidigungsmaßnahmen. Denn die allgemeinen Abwehrverbände können wohl, weil sie Angriffe auf das gesamte Judentum abwehren, auch gleichzeitig das ostmärkische Judentum schützen, allein dieser Schutz ist'eben ganz anderer Art. Während die großen Verbände hauptsächlich Angriffe auf das' religiöse Bekenntnis abwehren, Lut den ostmärkischen Juden ein starker Schutz auf wirtschaftlichem Gebiete dringend not, denn hier sind sie i n erster Reihe Realpolitiker und dann erst Juden. Daß diese beiden Begriffe von dem. ostmärkischen Judentum selbst und von den großen jüdischen Verbänden nicht stets auseinandergehalten worden find, das ist eine der Hauptursachen des Rückganges der jüdischen Bevölkerung in der Ostmark, und zwar sowohl an wirtschaftlicher Bedeutung, wie an Seelenzahl. Das Verhältnis wird uns sofort klar, wenn wir an die im Osten allgemein übliche Klassifizierung der ostmärkischen Bevölkerung in Deutsche und Polen denken. In erster Reihe ist also die Nationalität das Unterscheidungsmerkmal, und nicht das religiöse Bekenntnis. Daß es auch deutsche Katholiken, deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens und in einigen Kreisen zahlreiche evangelische Polen, hie und da auch evangelische Wenden gibt, das ist selbst solchen Bevölkerungsklassen unbekannt, die es eigentlich aus Grund, ihrer allgemeinen Bildung und ihrer amtlichen Stellung wissen müßten. Und so werden alle Deutschen als evangelisch, alle Polen als katholisch angesprochen. Denselben verhängnisvollen Irrtum begehen unsere großen, aber auch unsere provinzialen jüdischen Verbände, wenn sie vor allem bemüht sind, das o st m ä r k i s ch e Judentum zu erhalten, und nicht die Juden in der Ostmark in ihren schweren, wirtschaftlichen Kämpfen, wenn auch nicht immer materiell, so doch moralisch durch ihr Ansehen bei den Behörden, durch ihre Stellung als Vertretung der gesamten deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens zu unterstützen. Es ist selbstverständlich, daß der wichtigste Schutz, der Selbstschutz, die Selbsthilfe, jeder anderen Hilfsaktion vorangehen muß, und daß zu diesem Zwecke eine straffe Zentralisierung aller jüdischen Kräfte und Intelligenzen in der Ostmark dringend notwendig ist. Wie schaut's aber damit aus? Die Juden der Ostmark haben an -gemeinsamen Vertretungen zwei Bezirkssynagogen - Verbände, einen Provinzialverband der Herren Rabbiner, eine Provinzialorgänisation der Freien Vereinigung für das orthodoxe Judentum, einen Verein jüdischer Lehrer in den Ostprovinzen, ein Provinzialkomitee des Zentralvereins, des Hilfsvereins deutscher Juden und einen Provinzialverband deutscher Zionisten. Man bedenke, wie sehr die Kraft des an Seelenzahl immer mehr zurückgehenden ostmärkischen Judentums durch die vielen Vereine zersplittert wird, wie viele materielle Opfer diese Vereine von den Juden der Ostmark fordern, und vergleiche damit die geringen sichtbaren Erfolge eines so großen Apparates. In klarer Erkenntnis dieser Sachlage, die eine Zentralisierung der Kraft, und zwar so schnell als möglich fordert, wenn nicht alles verloren gehen soll, hat der Verein jüdischer Lehrer der Ostprovinzen bereits zweimal bei den BeIirkssynagogenverbänden in der Provinz Posen den Antrag gestellt, einem Vertreter der Lehrerschaft in ihren Gemeindeausschüssen Sitz und Stimme zu geben, um zunächst das Interesse der Synagogenverbände für die jüdischen Volksschulen zu erwecken, dann aber auch ihre Mitarbeit zu gewinnen in den diesbezüglichen Vorstellungen bei der Königlichen Regierung, die eine Aufrechterhaltung der jüdischen Volksschulen, bzw. eine anderweitige Verwendung der jüdischen . Volksschullehrer im öffentlichen Schuldienste nach Auflösung der jüdischen Volksschulen erbitten wollen.- Beide Male sind diese Anträge von denVezirksver bänden ab gelehnt!' Ihre' materiellen Mittel und ihre Kräfte, besonders ihren moralischen Einfluß verwenden diese Verbände lieber dazu, um eine' Privatanstalt zur Ausbildung junger, jüdischer Kultusbeamten zu unterstützen, die indes nicht allein Kantoren- und Schächterdienst verrichten, sondern auch als Religionslehrer auf die oft-' märkische jüdische Jugend losgelassen werden, nachdem sie, die ehemaligen jungen Kaufleute oder Handwerksgesellen, einen einjährigen Kursus in der Posener Anstalt besucht haben, Daß diese Herren „Religionslehrer" die Gemeinden zu einer Auflösung der jüdischen Volksschulen leichter veranlassen, das bedenken die Förderer der Posener Privatausbildungskurse nicht, oder ist dieses Ziel nicht gerade von jenen Herren beabsichtigt? Einen anderen Teil ihrer Kräfte verwenden die Bezirkssynagogenverbände im Verein mit dein Rabbinerverband (dessen Mitglieder, nebenbei bemerkt, fast durchweg auf orthodoxem Boden stehen) und dem Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums, -vulgo „Freie Vereinigung für das orthodoxe Judentum" zur Einrichtung von Bezirksrabbinaten, ein allerdings löbliches Bestreben, aber leider unfruchtbar für die Stärkung der wirtschaftlichen Lage des ostmärkischen Judentums. Einige der Herren orthodoxen Rabbiner, die von der Königlichen Negierung zu Ortsschulinspektoren für die an ihrem Amtssitze bestehenden jüdischen Volksschulen bestellt sind, haben allerdings Interesse für die jüdischen Volksschulen gezeigt. Sie legten nämlich der Königlichen Negierung — ohne sich mit dem Verein jüdischer Lehrer der Ostprovinzen in Verbindung zu setzen, dessen 56 Mitglieder bis auf drei an ö.fse-ntlich e n jüdischen und paritätischen Volksschulen als V o lk s s ch ull e h r e r st a a t l ich a n g e st e l l t sind — eine neue Ferienordnung für jüdische Volksschulen vor, die eine völlige Trennung der jüdischen Volksschullehrer von ihren christlichen Kollegen, mit denen sie in paritätischen Lehrervereinen bisher gemeinsam gearbeitet haben, zur Folge gehabt hätte. Denn von den allgemeinen Schulferien stand in der Rabbinatsferienordnung absolut nichts, wohl aber wurden Chanukkaferien, Purim-, Tischoüaw-, Eholhamoed- und dergleichen Ferien gefordert. Zum Glück erhielt der Lehrerverein rechtzeitig Kenntnis von dieser famosen Ferienordnung, und es gelang ihm, bei der Königlichen Regierung die Einführung dieser unter Aufsicht des Rabbinats geplanten Ferien zu Hintertreiben. In demselben Sinne arbeitet der Verein für die Aufrechterhaltung des - orthodoxen Judentums. Sein Wanderredner — er soll 4000 Mark Jahreseinkommen haben — hält in bis dahin friedlichen Gemeinden Versammlungen ab, sucht Zwietracht unter den wenigen Gemeindemitgliedern der kleineren Städte zu säen, ohne zu bedenken, daß wir froh sein sollten, überhaupt noch ein ostmürkisches Judentum zu haben, wenn es auch nicht immer orthodox ist. Auch der verdienstvolle Hilfsverein der deutschen Juden, der Millionen für die außerdeutschen und außereuropäischen Juden, für ihre Bildungs- und wirtschaftlichen Zwecke verwendet, sollte doch einen kleinen Teil seiner Einnahmen im Lande lassen, und den kleinen ostmärkischen Gemeinden, die nicht mehr in der Lage sind. Schule und Gemeind ebeamten zu erhalten, beistehen. Es ist kein Wunder, daß bei so außerordentlicher Steuerbelastung für kommunale, Gemeinde- und Wohltätigkeitszwecke und unter so erschwerten Erwerbsmöglichkeiten die Juden der Ostmark ihren Wanderstab weiter fortsetzen. Schlimmer allerdings sind die Folgen dieser Abwanderung für die soziale Stellung des oft-.