Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Unterstützung gewährt, haben sich um dessen gedeihliche Entwicklung besondere Verdienste erworben der frühere Vorsitzende des Kuratoriums Prof. Augusto Franchetti und der gegenwärtig, auch im Auslande bekannte Rechtsanwalt Prof. Moise Finzi, ein 82 jähriger Greis mit jugendlicher Frische und jugendlichem Idealismus. Erwähnt fei noch, daß Dr. Margulies seit 1904 die „Rivista israelitica", eine Zeitschrift mit rein wissenschaftlicher Tendenz und seit drei Jahren auch ein populäres jüdisches Wochenblatt: „La setimana israelitica," das. einzige in Italien, herausgibt, an denen außerihm hauptsächlich seine Schüler Mitarbeiten. Nicht unerwähnt möchte ich sein 1896 erschienenes Buch (Verlag Poppelauer-Berlin) „Dichter und Patriot" lassen, in dem er uns mit einem, bis dahin im Auslande wenig bekannten jüdischen Dichter und Parlamentarier namens David L e v i bekannt macht und dessen Poesien, von denen eine Probe in der „Allg. Ztg. des Judentums" (Jahrg. 1894 Nr. 26) zum Abdruck gelangt ist, in meisterhafter Übersetzung wiedergibt. Wegen seiner Tüchtigkeit erfreut sich Margulies in den weitesten Kreisen des größten Ansehens. _ Der König von Italien hat ihn wiederholt zu längeren Audienzen empfangen und ehrenvoll ausgezeichnet. Möge es dem kraftvollen und strebsamen Manne, wie bisher, auch ferner gelingen, das von ihm in der neuen Heimat ins Leben gerufene Werk zur Wiederbelebung des Judentums sortzuführen und so auszugestalten, wie er und wir es wünschen. Albert Katz. Mmärkilches Judentum. Von Hermann Becker. (Schluß.) äre die Kritik Germans zutreffend, was sollte das Geschrei unserer Gegner, die gegen jüdische Ueberhebung, Aufdringlichkeit und Protzentum eisern, diesogar zu einem „Bund gegen die Ueberhebung des Judentums" geführt hat. Oder sind Sie nicht Mitglied dieses Bundes, Herr German? — Nur noch eine Stelle aus German, und dann wollen wir ihn seinem Schicksale überlassen. German sagt: „Wenn nun gar die jüdischen Bürger^ die in den kleineren Städten durchweg wohlhabende Vertreter stellen, in verhältnismäßig viel zu starker Anzahl als Stadtverordnete und Stadträte das Ruder führen und, wenn auch ungewollt, diesen weichlichen Zug in die Verwaltung unserer Städte hineintragen — wer will es absonderlich finden, wenn auch da ein müdes, verdrossenes Wesen um sich greift und manche unserer besten Beamten, die vorwärtsstreben, die Werte schaffen könnten, zurückgehalten oder gar als unbequeme Leute hinausgedrängt werden, wenn sie es nicht vorziehen, sich dem allgemeinen Schlendrian anzupassen und mittelmäßige Durchschnittsmenschen zu werden! Haben die Juden ä b e r v e r m ö g e i h r e s Einflusses und der ihnen eigenen Klugheit das Oberhaupt der Stadt ganz und gar in ihrer Gewalt, wie es auch vorkommt — wo bleibt da die Herrschaft des Deutschtums, des wirklichen Deutschtums, das den Slawen germanische Denkart und Kultur entgegensetzt?" — Auch diese Behauptung ist ein echter German: Verdrehungen, Unwahrheiten und Gehässigkeiten! — Herrn German ist die Anzahl der jüdischen Stadtverordneten und Stadträte verhältnismäßig zuviel. Weiß er nicht, daß gerade in kleineren Städten in der ersten, oft auch in der zweiten Abteilung der Wähler für die städtischen Vertreter die Juden infolge ihres Steuersolls die Majorität haben? Oft besteht die ganze erste Wahlabteilung nur aus jüdischen Wählern. Sollen vielleicht die Juden Leute vom Schlage Germans, zu Stadtverordneten wählen oder gar mit den Polen stimmen? Es ist doch natürlich, daß sie da Vertreter aus ihrer Mitte wählen. Oder würden die Gesinnungsgenossen Germans, wenn sie in der angenehmen Lüge der wohlhabenden Wähler dieser Abteilungen wären, vielleicht jüdische Stadtverordnete und jüdische Stadträte wählen?-- Was die ostmärkischen Juden also in diesem Falle tun, das ist doch nichts anderes als „starkknochiges, trotziges Germanentum", das German bei ihnen vermißt, das ist doch die.energische und laute Opposition, die er als einen so empfindlichen Mangel blei den Juden, tief beklagt! Was will also German? — Köstlicher aber noch ist die Maske des Wolfes, die Herr German anlegt, wenn er das Lämmlein schilt und fressen will, weil es ihm sein Wässerlein getrübt hat. German behauptet, daß. die Juden durch ihren Einfluß u n d d i e ihnen eigene Klugheit (Wie nett!) oft das Oberhaupt der Stadt ganz und gar in ihrer Gewalt haben, daß sie dann einen allgemeinen Schlendrian herbeisühren oder mindestens veranlassen, und dadurch manche unserer besten Beamten hinausdrängen. Wie ist es aber in Wirklichkeit? Gerade die sogenannten „schneidigen" Beamten, die German wohl hier im Sinne hat, verdrängen durch ihren latenten Antisemitismus die Juden aus der Provinz, der geschäftliche und gesellschaftliche Boykott, den sie und ihre Untergebenen über das ostmärkische Judentum verhängen, entvölkert die kleineren Städte von jüdischen Einwohnern, an deren Stelle Polen sich festsetzen, und beraubt so das Deutschtum treuer und steuerkräftiger Stützen! Die Folgen eines solchen Exodus machen sich schnell in den kleinen Städten bemerkbar: Unerschwingliche Kommunalsteuerzuschläge, oft bis 300 Prozent und mehr, Mangel an gemeinnützig gesinnten Männern in der städtischen Vertretung, Unterbilanzew in den städtischen Werken, wie Schlachthaus, Gas- und Wasserleitung, Kanalrsierungs- und Spärkassenverwaltung, allgemeiner Schlendrian, für den German den Einfluß der Juden und der ihnen eigenen Klugheit verantwortlich machen will! — Was die besten Beamten aus der Ostmark treibt, das sind nicht die Juden und ihr Einfluß, sondern in erster Reihe ihr eigenes Strebertum, denn die meisten Beamten betrachten die Stellung in der Ostmark nur als eine Durchgangsstation zu höheren Aemtern. Dann aber mag auch der Zickzackkurs in der Behandlung der Polen und die Germanisierungsfrage so manchem der „besten", nicht „schneidigen" Beamten im Sinne Germans, die Arbeit in der Ostmark gründlich verleiden. So sieht das neueste. Erzeugnis der Ostmarkenliteratur aus, das gegenwärtig in den beteiligten Kreisen allgemeines Aufsehen erregt. Nirgend ist bisher — das Buch ist allerdings erst vor einigen Wochen erschienen — ein Wort des Tadels über dieses Buch in der Kritik laut geworden, sondern es hat allgemeine Anerkennung gefunden. Allein nicht die Auslassungen Germans über das ostmärkische Judentum haben — das müssen wir ehrlich eingestehen — dem ' Buche soviel Freunde gewonnen, sondern der Mannesmut des ungenannten Verfassers, der dem Beamtentum, besonders aber den Lehrern, einen aufrechten Rücken nach oben und Wahrhaftigkeit nach unten dringend empfiehlt, der auf Streberei und Kriecherei in der Beamtenhierarchie furchtlos hinweist und die gegenwärtige Ostmarkenpolitik in der Verwaltung, der Kirche, der Schule rückhaltlos verurteilt. Trotz der Gegnerschaft, in welche sich der Verfasser zu dem ostmärkischen Judentum setzt, müssen wir offen anerkennen: für die oben bezeichnten Fragen war das Buch eine Tat, und es ist bedauerlich, daß ein anscheinend so mannhafter Charakter, wie German, eine so blinde Judenfeindschaft in seinem Herzen hegt.