Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
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war, rbie Oberhand gewann und ihn für kurze Zeit" 'den „vier Men der Halacha" entrückte. Unter fortwährenden Kämpfen und Hindernisseneignete er sich, hauptsächlich durch Selbststudium, die Kenntnisse der deutschen und Polnischen Sprache, sowie die Elemente der klassischen Sprachen und der Geschichte an, beschäftigte sich auch viel mit der neuhebräischen Literatur/die schon so manchem Talmudjünger die große Geisteswelt erschlossen hat, und arbeitete so unablässig ' an seiner geistigen Fortbildung und Vervollkommnung. 1878 . ging er, seiner entschiedenen Neigung zum rabbinischen Beruf folgend, nach Breslau und bereitete sich dort zum Abiturientenexamen vor, das er zwei Jahre später in seiner Geburtsstadt in polnischer Sprache bestand. .Sodann trat er in das jüdischtheologische Seminar in Breslau ein, wo er Grätz, Rosin, Freudenthal, Joel und später Prof. Israel L e w h zu Lehrern hatte.' Dieser letztere übte auf ihn den größten Einfluß aus, er erschloß ihm das wissenschaftliche Verständnis des Talmud. Zwischen Lehrer und Schüler bestand und besteht noch heute ein so inniges Verhältnis, wie es bei uns Juden in alter Zeit wohl häufig vorkam, aber heute leider sehr selten geworden ist. Gleichzeitig besuchte Margulies die Universität, betrieb mit großem Eifer das Studium semitischer Sprachen, besonders der arabischen und der Philosophie und promovierte 1883 mit Auszeichnung in Leipzig auf Grund seiner Dissertation: „Saadia Alfajumis arabische Psalmenübersetzung" zum Doktor der Philosophie. Aus jener Zeit rühren auch mehrere noch jetzt lesenswerte Aufsätze her, die Margulies hebräisch im Haibri und Hamagid und polnisch in der damals von Nossig in Lemberg herausgegebe- Oberrab-rner Dr. Margulies, Florenz nen „Ojczyzna" veröffentlichte. 1885 wurde er von der Privatgemeinde Neweh ScholauM in Hamburg als Rabbiner und Prediger berufen. Da aber die dortigen'Gemeindeverhältnisse zu unsicher waren, nahm er zwei Jahre später die ihm angebotene Bezirksrabbinerstelle in Weilburg a. L. an, von wo er 1890 als Rabbiner nach Florenz berufen wurde. Sofort beim Antritt seines Amtes setzte er die Gemeinde durch seine vorzügliche Kenntnis der italienischen Sprache in Staunen; wie sehr er der fremden Spräche Meister geworden, zeigen seine vor einigen Jahren veröffentlichten Predigten visearsi saeri, die zu den besten Erzeugnissen der italienischen Kanzelberedsamkeit ' gehören. Margulies verwuchs sehr rasch mit seiner Gemeinde.. In der neuen Heimat und im neuen Wirkungskreis sah er sich vor große Aufgaben gestellt, an deren Lösung er mit bewundernswerter Kraft und Energie heranging. Es ' galt nämlich,. die Kenntnisse der jüdischen Literatur, die bei den italienischen . Glaubensgenossen gänzlich in Vergessenheit geraten waren, unter ihnen aufs neue zu verbreiten und zu beleben. In dem Lande, das durch S. D. Luzzatto und seine zahlreichen wertvollen Bibliotheken so viel zur Entfaltung der Wissenschäft des Judentums beigetragen hatte,- war die jüdische Gelehrsamkeit im Aussterben. Margulies verstand es ausgezeichnet, die vorhandenen alten Institutionen modern auszugestalten und für zeitgemäße Leistungen zu verwerten. Seine erste Tat bestand darin daß er anfangs 1891 der jüdischen Elementarschule einen höheren Kursus für rabbinische Disziplinen angliederte, den er selbst leitete, und an die Lehrer wie auch an einige ältere begabte Schüler talmudischen Unterricht erteilte, daß er die. Gemeinde veranlaßte,-feinen Zöglingen auch die weitere Ausbildung am Gymnasium ohne Kosten zu ermöglichen. Hierdurch lenkte er die Aufmerksamkeit der leitenden Kreise auf sich, insbesondere .des Kuratoriums des Collegio rabbinico italiano, das damals in Rom vegetierte und bis dahin noch keinen einzigen Rabbiner ausgebildet hatte. 1898 setzte sich das Kuratorium dieser Anstalt mit Dr. Margulies in Verbindung, beschloß die Verlegung der Anstalt nach Florenz und trüg ihm ihre Leitung an, worauf Margulies eingedenk des Wortes: „Wo keine Männer sind, befleißige dich ein Mann zu sein", im Interesse des Judentums freudig einging. Da aber die finanzielle Lage der Anstalt äußerst ungünstig war, sah er sich genötigt, zwecks Sicherstellung der Anstalt, wiederholt Reisen durch das Land zu unternehmen, die den Erfolg hatten, daß fast sämtliche Gemeinden und auch viele Private sich bereit erklärten, Beiträge zur Erhaltung des Werkes zu leisten. So wurde im Jahre 1899 das Rabbinerseminar in Florenz mit zirka 20 Zöglingen, zum größten Teil Florentinern, offiziell' eröffnet und zugleich Dr. Jsmar Elbo gen als Dozent für Geschichte und Exegese berufen, der ebenso wie der Leiter der Anstalt in der Ausbildung tüchtiger Rabbiner die Möglichkeit für eine Renaissance des Judentums in Italien erblickte. 1902 folgte Wogen dem ehrenvollen Ruf als Dozent an die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und erhielt einen würdigen Nachfolger in Dr. Chajes, dem kurz darauf eine Professur an der Florenzer Universität übertragen wurde, der bis zu seiner kürzlich erfolgten Berufung als Oberrabbiner nach Triest mit großem Erfolg am Florenzer Rabbinerseminar wirkte. Trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens blickt die Anstalt schon jetzt auf wesentliche Erfolge zurück. Während die Zahl der gegenwärtigen Zöglinge nur 12 beträgt, die aber mit Beginn des nächsten Semesters eine erhebliche Steigerung erfahren dürfte, bekleiden bereits 15 ehemalige Hörer bedeutende Rabbinerposten im In- und Auslande, von denen ich nur den Oberrabbiner von Alexandrien in Aegypten, Prof. Raffaello della Pergola erwähne, der, nebenbei bemerkt, seine Antrittspredigt im klassischen Hebräisch hielt; ein' Fall, der seit dem Aufhören der Rabbinerschule in Padua sich zum erstenmal ereignet haben dürste. Auch einen tüchtigen jungen Gelehrten, Umberto Caffuta, der gegenwärtig am Institut doziert, hat die Anstalt hervorgebracht. Bedenkt man, daß in ganz Italien kaum 50 000 Juden wohnen, so muß man zugestehendaß die Anstalt nicht nur mit den in der kurzen Zeit ihres Bestehens erzielten günstigen Resultatensondern auch., mit der Zahl der Schüler den gleichen Anstalten des Auslandes nicht nachsteht. Neben dem .Leiter des Florenzer Rabbinerseminars, das auch ausländischen Abiturienten Aufnahme und