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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-18 · Heft 42 (18.10.1912) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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" nach London, ka-m. In dieser Angelegenheit - haben die -führenden Kreise der englischen Judenschaft dem 'englischen Minister des Aeüßern Grey ein ausführliches Memorandum überreicht, in welchem'aus die Anomalie hingewiesen wird, daß der Schutz der englischen RegierunK'Mv Mre?-'gleichberechtigten '.Bürger jüdischen Glaubens an der russischen -Grenze sozusagen gesetzlich aushöre. Man gab sich nun der Hoffnung hin, daß Minister Grey auf Grund dieses Menrorandums mit seinem russischen Kollegen während dessen Aufenthalt in London die Frage besprechen und die Angelegenheit selbst fördern werde. Ueberdies tauchte auch der Gedanke aus, daß eine jüdische Deputation, bestehend aus den einflußreichsten Persönlichkeiten, bei Sasonow vorspreche, um mit ihm persönlich wegen der Verfolgungen, denen die Juden in Rußland ausgesetzt sind, Rücksprache zu pflegen. Wohl hat diese Idee'nicht in allen Kreisen der Londoner Iudenschaft Anklang gefunden, da es einflußreiche Personen gab, die einen solchen Schritt weder für opportun, noch für nützlich hielten. Schließlich entschloß man sich dennoch zu dem Versuche, eine solche Deputation zu entsenden. Zu diesem Zwecke haben die Mitglieder der Deputation sich zunächst an den Minister Grey wegen einer Audienz gewendet und gleichzeitig angegeben, daß sie in dieser Audienz den englischen Minister des Aeußern bitten wollen, der jüdischen Deputation eine Audienz bei Sasonow zu verschaffen. Zwei Tage später erhielt nun das Deputationskomitee die Mitteilung Greys, in welcher er selbst den Emp fan g d e r D ep u tati on ableh nt und ebenso ablehnt, der Deputation eine Audienz bei Sasonow z u e r w i r k e n. Diese schroffe Ablehnung hat in den Kreisen der. englischen Iudenschaft begreiflicherweise einen. peinlichen Eindruck gemacht. ~ ' # Nicht minder entmutigend lautet nachstehende Meldung des „Berliner Tageblatts" aus Paris vom. 10. Oktober: Herr Francis de Pressen so, der Präsident der Liga für Menschenrechte, hat an den französischen Ministerpräsidenten, anknüpfend an einen bestimmten Fall, die Frage gerichtet, ob die Regierung-der Republik in Rußland nicht dahin wirken könne, daß-die Reisenden aller- Konfessionen gleichmäßig behandelt werden. Herr Poincarö antwortete -soeben in einem längeren Schreiben, daß er gegen.-die bisherigen Rechtszustünde in Rußland nichts tun könne. In Frankreich gelte Gleichheit für alle Bürger ohne Unterschied ihrer religiösen Bekenntnisse, in Rußland aber, wo. es. eine Staatsreligion gibt, würden Unterschiede gemacht. Es sei nicht möglich, die französischen Anschauungen auf russische Verhältnisse zu beziehen, denn das wäre ein offenbarer Eingriff in die Souveränitätsrechte des russischen Staates. „Auch gibt es," so führt Herr Poincarö aus, „keinerlei konventionelle Abmachungen, durch die die-.rMische Negierung. den Fremden eine Gleichheit gewährt, die sie für .ihre eigenen Untertanen nicht erteilt. Die Fremden können auf keinen Fall eine günstigere Behandlung verlangen, als der Eingeborene sie genießt." ' lE-r oriente lUL. -- Ein Bild der liberalen Posener Tagung von Dr. S al om ons ki-Frankfurt a. O. ar schon die Fahrt nach Posen für alle, die sich im Zuge zusammenfanden, ein freundlicher Auftakt, so ' ziemt dem Verlauf der Tagung düs Bild einer wundervollen Symphonie. Unsere Arbeit, umkränzt vom Dienste Gottes, Gaben der Freundschaft und herzlicher Fröhlichkeit, stand unter gutem Zeichen. Wir grüßten Posens gelehrten Rabbiner in seinem neuerstandenen würdig-schönen Gotteshause, und er die Vereinigung im Namen Gottes. Dieses Moment der Religion, uns zugerufen an heiliger Stätte, blieb das Geleitwort aller Teile des Programms, wohl beherzigte Richtlinie. Es lehrte Maß zu halten im Feuer des Eifers, in der Beurteilung der Gegner, bei der Ausgleichung der Ansichten. Der Gedanke im Namen Gottes zu kommen und zu siegen, heiligte unser Werk zu einer religiösen Veranstaltung, die Wurzel gefaßt hat', die unser bleibt. Ewporsteigen zu den Höhen des Menschentums! — so sprach es zu Hungrigen nach Geist an der Stätte der Kunst, bei der Arbeit der Delegierten, in der großen tausendköpfigen Versammlung, bei festlichem Beisammensein. Nicht als. Fertigeverlassen^ die .liberalen Juden ihre Freunde in Posen, die den wolkenschweren Himmel geöffnet, die unsdie Sonne gezeigt. Wir wollen zum Aufstieg sühren der Völker- Licht, nicht trunken von seinem Glanz das Auge wenden. E s w a r. d e r Osten ein st d ie R eligion. E§ fei die Religion für uns der Osten/! -; *• Ueber die am Sonntag in Posen stattgefundene Versammlung der liberalen Vereinigung sendet uns unser dortiger Korrespondent folgenden Bericht: .Posen, 13. Oktober. . Die. „Vereinigung für das lib er al.e Judentum in Deutschland" hielt heute hier ihre diesjährige ordentliche Versammlung ab, die von zirka 130 Delegierten aus allen Teilen des Reiches besucht war. Nach den üblichen Begrüßungsansprachen und Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten beschäftigte sich, die Versammlung mit dem-Hauptgegenstande der diesmaligen Tagung: „Die Richtlinien für das liberale Judentum." Das Ergebnis war die Annahme nachstehender Resolution: I. Die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" begrüßt die auf Grund der Vorarbeiten der Fünfzehner-Kommission von den liberalen Rabbinern aufgestellten ),R i ch tlini en" als eine bedeutsame Tat und hervorragenden Fortschritt auf dem Gebiete des religiösen Liberalismus in Lehre und Leben. II. Die Vereinigung erachtet die „Richtlinien" als geeignete Grundlage ihrer Arbeit in der Richtung liberaler Weiterentwicklimg und wird , hiernach ihre Tätigkeit kraftvoll entfalten. III. Getreu den Grundsätzen des Liberalismus überläßt die Vereinigung im Sinne der heute erstatteten Referate die Stellungnahme zu den das religiöse Leben des einzelnen betreffenden Forderungen der Richtlinien der gewissenhaften Ueberzeugung der Mitgliedes. Die Resolution wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen. Weitere Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Nachnlittags 4)4 Uhr fand im Saale des Etablissements „Friedrichs- Park" eine außerordentlich stark besuchte öffentliche Versammlung statt, über deren Verlauf ein ausführlicher Bericht folgt. 3. %. Marguliks in Floren?. nter den wissenschaftlich hervorragenden Männern, die auf dem Breslauer Rabbinerseminar ihre Ausbildung, genossen und später im Auslande einen ihren reichen Kenntnissen entsprechenden Wirkungskreis gefunden haben, ist Oberrabbiner Dr. Margulies in Florenz einer der bedeutendsten und bekanntesten: bedeutend durch seine immense Gelehrsamkeit, bekannt durch sein segensreiches und zielbewußtes Wirken und Schaffen im Dienste des Judentums: Der Lebenslauf dieses Mannes, mit dessen Amtsantritt im Florenz für unsere italienischen Glaubensgenossen eine neue Aera begonnen hat, dürfte auch die Leser unseres Blattes interessieren, um so mehr, da Margulies schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den Mitarbeitern der „Allg. Ztg. des Judentums" zählte. Dr. Margulies ist am 9. Oktober 1858 in Brzezany, (Galizien) geboren. Sein Vater war ein für galizische Verhältnisse wohlhabender Kaufmann, zugleich ein bedeutender' Talmudgelehrter, der in der Gemeinde eine hochangesehene, führende Stellung einnahm, während seine Mutter, obgleich ebenfalls eine tiesreligiöse Natur, auch schon einige moderne Bildung besaß, außerordentlich klug und geschichtskundig war und an Poesie und Musik großen Gefallen fand. Die Erziehung, die Margulies in seinem Elternhause genossen hat, war die damals bei den Juden allgemein übliche. Er lernte bis zu seinem y 17. Lebensjahre ausschließlich Bibel und Talmud, bis Drang nach profanem Wissen und allgem Bildung, der schon frühzeitig in ihm - er*

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