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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-18 · Heft 42 (18.10.1912) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 495 (sequence 3)
Language
German
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kommen könne. Darauf schien ja' auch die vom Grasen Berchtold eingeleitete Aktion hinauszulaufen, worin die anderen Mächte ihm zu folgen sich bereitsanden. Allein, ist das wirklich das Ziel, aus das die jüngste Phase im Wandlungsprozeß der Türkei zustrebt, dann werden wir sie vom Standpunkt des Judentums mit Freuden zu begrüßen haben und nur wünschen, daß sie recht bald zum Abschluß gelangt. Ist auch die Türkei unstreitig für viele Juden das Land der Zukunft, so doch lediglich-eine freie Türkei. Und je freier die Entwicklung der Türkei, um so verheißungsvoller dort die Zukunft der Juden. Zum Nutzen des Gastvolkes und zum Frommen des Wirtsvolkes. Bit Woche. Berlin, 15. Oktober 1912. urch den nunmehr zum Ausbruch gelangten Balkankrieg werden auch unsere Glaubensgenossen dortselbst in starke Mitleidenschaft gezogen. Kaum ist der italienisch-türkische Krieg beendet, durch den ganz besonders die Juden in der Türkei geschädigt worden sind, da die durch den Krieg erfolgte Unterbindung des Handels, die Ausweisungen usw. sie vorzugsweise trafen, erhebt sich nun eine noch wesentlich dunklere Wolke über den Häuptern der mehr als 600 000 Juden, die die Balkanstaaten und das türkische Reich bewohnen. Es ist selbstverständlich, daß unsere Glaubensgenossen in diesen Tagen einer äußerst kritischen.Situation es an Hingabe und Aufopferungsfähigkeit für ihr Vaterland nicht fehlen lassen werden. Schon wird gemeldet, daß sich in Saloniki ein besonderes jüdisches Freiwilligenregiment gebildet hat, und notorisch ist, daß sich auch in den drei bisher mobilisierten türkischen Armeekorps zahlreiche Juden befinden. Ebenso weiß man, daß in der bulgarischen wie serbischen Armee eine Anzahl Juden sich unter den Fahnen befindet. Die politische Lage, die die Türkei als in schwerster Bedrängnis befindlich und das türkische Reich in seinen Grundfesten erschüttert erscheinen läßt, hat für uns Juden, die wir in den westeuropäischen Kulturstaaten wohnen, wie vielleicht für die Gesamtjudenheit noch etwas Besonderes, außerordentlich Beängstigendes. Man braucht sich nur an die vielen Bestrebungen innerhalb der Judenheit zu erinnern, deren Betätigungsfeld die Türkei und besonders Palästina sind. Die Tätigkeit aller dieser der Hilfe unserer östlichen Glaubensgenossen oder der kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der dortigen jüdischen Bevölkerung dienenden zahlreichen Institutionen wird durch den Krieg zweifellos unterbunden und gehemmt. Alle die Arbeit, die seit Jahrzehnten und länger dort im Dienste des Judentums geleistet ist, muß zurzeit als bedroht erscheinen, zumal wenn es nicht gelingen sollte, den Krieg auf den Balkan zu lokalisieren. Das ist tief bedauerlich. Zugleich aber zeigt gerade die jetzige Situation wie utopisch jenes Ziel ist, das sich die Zionisten gestellt haben. So viel Sympathien man auch mit dem türkischen Volke haben mag, es läßt sich doch nicht verkennen, daß die Grundlagen dieses Staatsgebildes nicht so feste sind, um das Schicksal der Juden mit dem Schicksal der Türkei zu verknüpfen. Es waren wahrlich keine Realpolitiker, die dort eine „gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk" errichten wollten. Aber trotzdem wünschen wir Juden gewiß nichts inniger, als daß der Krieg von kurzer Dauer sein möge und uns die Möglichkeit erhalten bliebe, die jüdische Wohlfahrtstätigkeit auf den verschiedensten Gebieten im Reiche des Padischah fortzuführen. * Auf dem deutschsozialen Parteitag, der vor acht Tagen in Erfurt stattfand, behandelte der antisemitische Reichstagsabgeordnete Dr. Werner in einem Vortrage über: „Warum sind wir Gegner der Juden" die verschiedensten judengegnerischen Strömungen, die nach seiner und seiner Genossen Ansicht allenthalben in die Erscheinung treten,, wo Juden sich bemerkbar machen. Seine Ausführungen, die ebenso alt wie der Antisemitismus sind, gipfelten natürlich in der so oft widerlegten Behauptung, daß die Judenfrage keine religiöse, sondern eine Rassenfrage ist. Er schilderte, wie die antisemitischen Blätter berichten, das Wesen des Judentums und bemühte sich redlich, zahlreiche Beweise zu erbringen für die Macht des Judentums im Wirtschaftsleben, in der Presse und aus fast allen Gebieten. „Deshalb müsse ein entschiedener Kampf gegen die jüdische Ueberhebung durchgeführt werden." Stellte er somit ungewollt der Fähigkeit der jüdischen Rasse, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, ein sehr gutes Zeugnis aus, so hielt ihn das in einem zweiten Vortrage über die „Rassenfrage" davon nicht ab, über die Ueberlegenheit der arischen und besonders der germanischen Rasse zu sprechen, „für die in der jüdischen Rasse eine große Gefahr liege, die bekämpft werden müsse". Nun, für uns ist die sogenannte Judenfrage weder eine religiöse noch eine Rassenfrage, sondern eine einfache Konkurrenzsrage neidischer Menschen, die in den wirtschaftlichen Erfolgen ihrer Nächsten eine Beeinträchtigung ihrer eigenen Lebensbedingungen erblicken. Darüber ist schon viel. geschrieben und gesprochen worden, und es erübrigt sich, hierzu noch ein weiteres Wort zu verlieren. Wir vertrauen auf die Zeit und auf den gesunden Sinn des deutschen Volkes, an dessen kulturellen Bestrebungen wir Juden den innigsten Anteil nehmen, daß es früher oder später den Antisemitismus, die Juden- oder Rassenfrage nur noch als eine überwundene traurige Zeiterscheinung betrachten wird. Den Reichstagsabgeordneten Dr. Werner aber, der in Erfurt so eingehend über die Rassenfrage referiert hat, dürfte vielleicht folgende Notiz, die wir nach dem „B. T." wiedergeben, ganz besonders interessieren: Den Antisemiten, den „unentwegten und zielbewußten Vorkämpfern für die deutsche Rasse", hat der Anthropologe Otto Hauser iu der Oktobernummer der „Politisch-Anthropologischen Revue" unbewußt einen bösen Streich gespielt. In einer 'Studie über die deutschen ReichstagSabgevrdneten nach ihrem physischen Typhus stellt er nämlich unter anderem fest, daß unter den acht Mitgliedern der Wirtschaftlichen Vereinigung nur ein einziger guter germanischer TypuS, dagegen fünf Mitteltypen und zwei ganz ungermanische Typen mit extrem kurzen Nasen sind. Noch viel schlechter schneidet die Deutsche Neformpartei ab. Ihre sämtlichen Vertreter im Reichstage — drei an der Zahl — sind danach ungermanisch von Typus. Und das ist nicht etwa die Feststellung eines Liberalen, sondern eines im Auslande lebenden Forschers, der in seiner Vorbemerkung 51t diesem Aufsatz auf seine völlige Unkenntnis selbst der einfachsten Parteibegrisfe in Deutschland als einen Beweis für seine Unbefangenheit hinweist. Er habe seine Resultate lediglich nach dem ihm vorliegenden Bildermaterial registriert. Und auch die „Polüisch«-Authropologische Revue" selbst steuert, seit sie ihre Redaktion gewechselt hat, in so einseitig reaktionärem Fahrwasser, daß man ihr beim besten Willen nicht Voreingenommenheit gegen die Antisemiten vorwerfen kann. So sind denn diese Feststellungen für die Teutschesten der Teutschen, die danach alles andere als einen germanischen Typus haben, außerordentlich blamabel. Werden sie doch dadurch mit ihren eigenen Waffen geschlagen. — Das ist doch mal wieder ein Witz, über den man herzlich lachen kann. * Aus London wird geschrieben: Der Besuch des russischen Ministers des Aeußern Sasonow in England hat, wie bereits berichtet, auch bei den englischen Juden das größte Interesse hervorgerusen. Die Juden Englands haben, wie bekannt, in Angelegenheit der russischen Paßfrage eine jahrelange Agitation entfaltet, diese Frage auch im Parlament zur Sprache gebracht und mit der Aktion besonders stark eingesetzt, als die Kunde 1 von dem Erfolge derselben Bewegung in Amerika vor Jahresfrist

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