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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-18 · Heft 42 (18.10.1912) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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hätte sich leicht davon überzeugen können, daß die Juden ebensowenig die Schrittmacher Deutschlands sind, wie sie separatistischen Bestrebungen nachhängen, und daß, gleich allen anderen jüdischen Elementen, auch den Zionisten, die im Rahmen einer demokratischen und liberalen Türkei in Palästina mehr kulturelle als politische Ziele verfolgen, jedweder Gedanke einer nationalen Absonderung und selbständigen Staatsbildung sernliegt. Nun läßt sich ja im Grunde sowohl dem Ministerium Chakki Paschas wie dem Said Paschas nichts Judenseindliches nachsagen. Persönlich mochten sie den Juden nicht Nur gewogen sein, sondern auch politisch von einer Begünstigung des jüdischen Elementes Ersprießliches für das Land erwartet haben. Haben sie doch wegen ihres „jüdischen" Ministerköllegen Djawid sogar manche Anwürse sich gefallen lassen. Aber als ausgesprochene Ministerien des jungtürkischen Komitees — und eben darin liegt die eigentliche Bedeutung der Erscheinung, die sie aus dem persönlichen in das prinzipielle Gebiet hinüberträgt — konnten sie auch keine wesentlich judenfreundliche Politik treiben, mußten sie auch von besonders den Juden zugute kommenden Maßnahmen absehen. Nicht ottomanisieren, sondern türkisieren,lautete die Komiteeparole. Die Türken, die das Land mit dem Schwert erobert haben, sollten es nunmehr auch mit dem Geist erobern. Auf die rassenpsychologische Seite dieser Frage, inwieweit nämlich der Türke, seinem innersten Wesen nach, einer solchen Ausgabe überhaupt gewachsen wäre, will ich hier nicht weiter eingehen. Aber schon vie rein äußere Betrachtung der Dinge ergibt die notwendige Schlußfolgerung, daß, bei dem eigentümlichen Zahlenverhältnis der einzelnen Völkerschaften zueinander, die Erstarkung eines anderen nationalen Elementes zugleich ein Zurückhalten wenn nicht gar Zurückdrängen des reinen Türkentums im osmanischen Reiche bedeutete. Daher war auch die Zentralisation das Schibboleth des jungtürkischen Regierungssystems. Als ich kurz vor Antritt meiner letzten Orientreise den Major Enver Bey, damals noch türkischer Militärattache in Berlin, besuchte, war seine erste Frage, wie ich mich zur Politik des Komitees verhalte. Und auf meine' Erwiderung, daß ich mir darüber noch kein Urteil erlaube, und daß ich ja gerade deswegen nach der Türkei gehen will, um die Zustände von der Nähe zu studieren, bemerkte er, daß es ihm schon genüge, wenn ich meinen Standpunkt zur zentralistischen Politik äußerte. In der Tat hat sich auch in diesem Zeichen die ganze innere Politik der Türkei während der letzten vier Jahre abgespielt. Es ging; freilich dabei nicht immer nach den Wünschen des Komitees. Die Verhältnisse waren vielfach stärker als sein Wille und erzwangen zum Teil sehr beträchtliche Konzessionen. Aus dem Kongreß vom November 1910 hat es sich sogar zur Proklamierung des Prinzips der Entwicklungsfreiheit aller einzelnen Bevölkerungselemente im Rahmen des ottomanischen Staatswesens veranlaßt gesehen. „Das Komitee", hieß es in jener Manifestation, „hält an dem unveränderlichen Grundsatz fest, daran zu arbeiten, alle Rassen, die gemeinsame Aspirationen haben, unter demselben politischen Banner des - Ottomanismus zu vereinigen, deren Einigung und nicht deren Fusion es will. Es respektiert die nationale Sprache eistes^ jeden, die Nationalitätsrechte wie alle jene Ansprüche, die aus unzerstörbaren historischen Banden beruhen. Da diese Achtung, die natürliche Gegenseitigkeit erheischt, als ein Krastelement angesehen werden kann, wird sicherlich keine Nationalität der ottomanischen Familie fremdbleiben' wollen . . ." Aber der Weg von der Theorie zur Praxis blieb auch hier ein sehr weiter. Die eben angeführten schönen Maximen wurden nur in selteneren Fällen betätigt. Die Tendenz zur Zentralisation war auch fernerhin der jungtürkischen Regierungsweisheit letzter Schluß und nahm nach den Erfolgen der letzten Wählest J noch stärkere Dimensionen an als zuvor. Bis schließlich die große Schar der Unzufriedenen, an ihrer Spitze die Albanier, das jungtürkische Regime und das jüngtürkische Regierüngssystem über den Haufen warf. '5 Wohin segelt nun der neue Kurs? : '' Von einer Betrachtung der allgemeinen politischen Lage in der Türkei jetzt wollen wir absehen. Dazu ist weder hier der Platz noch die Zeit. Die Tagespresse ist von Nachrichten voll und übervoll; zudem sind die Zustände am Goldenen Horn noch so unsicher und verworren, daß man mit neuen Ueberraschungen stets rechnen muß. Für uns kann es sich im Augenblick nur um eine Würdigung der Situation im Hinblick auf die Möglichkeit ihrer Bedeutung für das Judentum handeln. Haben die Juden von der Neugestaltung'der Dinge.im Reiche des Halbmonds etwas zu erwarten, und .was haben sie dabei zu erwarten? Da muß vor allem hervorgehoben werden, daß die Rückkehr zum status quo ante vorderhand so gut wie ausgeschlossen erscheint. Wenn auch das Komitee zweifellos weiter einen bedeutenden Faktor in der türkischen Politik ausmachen wird -- seine frühere alles beherrschende Machtstellung dürfte es für absehbare Zeit nicht wieder erlangen. Mit dieser Tatsache scheint sich sogar auch das Komitee bereits abgesunden zu haben, indem es einerseits mit der gegenwärtigen Regierung zu paktieren sucht und anderseits sich zur Opposition für später rüstet. Es gibt somit nur noch ein Rückwärts oder ein Vorwärts. Führt der Weg zurück zum absolutistischen Regime oder geht die Entwicklung weiter, wie die Machthaber selbst beteuern, zum Konstitutionalismus? Daß starke Gelüste zur Wiedereinführung der hamidischen Aera bestehen, und zwar in den höchsten Kreisen bestehen, ist unstreitig. Daß nach dieser Richtung wiederholt Versuche gemacht worden sind und noch immer gemacht werden, ist ebenfalls kein Geheimnis. Allein die gegenwärtigen Bedingungen erweisen sich im allgemeinen für solche Unternehmungen keineswegs günstig. Die Zeiten Abdul Hamids sind nicht vergessen. Seine Herrschaftsperiode mit ihren Schrecken im Innern und ihrer Schmach nach außen haftet noch allen lebhaft im Gedächtnis. Und wie groß auch immer die Sünden des jungtürkischen Regimes gewesen sein mögen, die Tatsache, daß mit der Wiedereinsetzung der Verfassung zugleich eine Epoche nationaler Selbstachtung eingetreten ist, hat doch auf das Volk in politischer Hinsicht erzieherisch genug gewirkt, um die Gefahr eines Rücksalles in den Absolutismus nicht mehr allzu sehr befürchten lassen zu müssen. Es bleibt dann in der Tat die konstitutionelle Ausgestaltung des Staatslebens unter Beseitigung der vom Komitee betriebenen künstlichen Konzentrationspolitik. , In diesem Sinne würde sich sogar das Vorgehen der Negierung als die organische Fortentwicklung einer, längst bestehenden öffentlichrechtlichen Institution in der Türkei darstellen. So ist die Dezentralisation auf kirchlichem Gebiete, dank der Toleranz des Islams schon von jeher im Reiche des Halbmonds zur Durchführung gelangt. Der griechische Patriarch, der armenische Erzbischof, der bulgarische Exarch, die Oberhärrpter der verschiedenen kleineren syrischen Kirchen, die Maroniten auf dem Libanon, sind dafür allbekannte Beispiele. Und was bisher in kirchenrechtlicher Beziehung gegenüber den einzelnen Konfessionen geschehen ist, das solle nunmehr in staatsrechtlicher Beziehung gegenüber den verschiedenen Nationalitäten erfolgen. Auch, hier solle durch Einräumung der Selbstverwaltung und Verleihung gewisser autonomischer Befugnisse die Dezentralisation durchgesührt werden, damit endlich aus diese Weise das Land zu einer Ueberwindung des Nationalitätenstreites, der es lange genug in seinen Grundfesten erschüttert hat.

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