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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-18 · Heft 42 (18.10.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 76. Jahrgang Nr. 42 Berlin, 18. Oktober 1912 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel öder die pojl (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag; Kuclolk vLösse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richien. Verlag von Andolf rnosse, Berlin. Unh^It Die Problematische Türkei und das jüdische Problem. Von yjUJuU« Dr. Alphons I. Sußnitzki. — Die Woche. — Ex oriente lux. Von Dr. Salomonski-Frankfurt a. Q. — S. H. Margulies in '-Florenz. Von Albert Katz. — Ostmärkisches Judentum. Von Hermann > Becker. — Juden und Unitarier. Von Dr. Marcus Landau. — Die Jüngsten. Von Ludwig Geiger. — Abraham Nachmanson, Von T. Klein. — Feuilleton: Nasse. Erzählung von Georg I. Platte. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsal. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Posen, Aus Westfalen, Köln, München, Mannheim. — Von Nah und Fern. Dir problkmstilche Türkei und dss Milche Problem? Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. (Schluß.) s ist daher durchaus begreiflich, wenn das Nationalitätenproblem im Vordergrund des staatlichen Lebens in der Türkei steht, wenn in erster Linie unter seinem Gesichtswinkel die politischen Fragen dort behandelt werden und alle anderen Interessen sich ihm unterordnen müssen. Ohne Zweifel wäre ein starkes jüdisches Kontingent für das osmanische Reich von größtem Segen; und zwar nicht allein in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Beziehung. Ich verweise aus meinen Artikel: „Zur allgemeinen Lage der Juden in der Türkei'", der im vorigen Jahre in dieser Zeitschrift erschienen ist, und worin ich, wenn auch freilich im engen Rahmen eines Zeitungsartikels nur mehr andeutungsweise, diesem Punkte einige Betrachtung gewidmet habe. Aber man fürchtete doch, die komplizierten Verhältnisse noch mehr zu verwirren undzu den bestehenden Schwierigkeiten noch eine neue hinzuzufügen. Man kann nicht gut die Griechen, Armenier, Serben, Bulgaren niedermetzeln; man kann jedoch leicht die Juden vom Reiche fernhalten. Wir wollen nicht die Nationalitätenfrage weiter verwickeln und neben den bereits vorhandenen Nationen noch eine Nation schassen, bekam man allenthalben zu hören. Ein fast ganz erklärlicher Standpunkt in einem Lande, dessen Staatsweisheit von jeher das Gesetz der Statik aber nicht der Dynamik gekannt hatte, und dessen Staatsmänner, durch die äußeren Bedingungen gezwungen, weit mehr Diplomaten als Politiker sind. \ Nun wollen wir keineswegs beschönigen und zugeben, daß .die Juden zum großen Teile selbst an diesem Zustande die Schuld tragen. In den vielen Jahrhunderten haben sie es nicht unternommen, im türkischen Reiche festen Fuß zu fassen, *) Der Feiertage wegen konnte die Veröffentlichung dieses Artikels, dessen erster Teil in Nr. 36 erschienen ist, nicht'früher erfolgen,, die.indessen von seiner Aktualität nichts eingebüßt hat. > " Die Redaktion. . haben sie es nicht verstanden, in den dortigen Boden tiefere Wurzeln zu schlagen. Nicht daß sie sich innerlich hätten assi-' milieren sollen. Von einer inneren Assimilation ist keine Rede und kann keine Rede sein, wie die Dinge liegen. Aber nicht einmal rein äußerlich haben sie sich den Verhältnissen anzupassen gesucht. Die wenigsten Juden sind der Landessprache kundig. Und als vor einigen Jahrzehnten die europäischen Regierungen, um ihrem Einfluß in der Türkei mehr Spielraum zu verschaffen, den dortigen Einwohnern Schutz- und. Bürgerrechte angeboten haben, waren es geradedie Juden, die in weitgehendem Maße davon Gebrauch machten. Sie gaben ihre ottomanische Staatszugehörigkeit aus, um Bürger oder Schutzbefohlene fremder Staaten zu werden. Deutsche, Franzosen, Engländer, Oesterreicher, Italiener sind sie geworden — aber auch Ausländer in ihrer Heimat. Jene Italiener, die während des letzten Krieges in der Türkei der Ausweisung verfielen, und über deren Schicksal die gesamte italienische Presse in bramarbasierend patriotischer Entrüstung sich nicht genug tun konnte, waren ja zum großen Teile nichts anderes als alteingesessene ottomanische Juden, die erst kupze Zeit zuvor das Kreuz von Savoyen zu ihrem Banner gewählt hatten. Ein Treppenwitz der Geschichte — leider nur wieder einmal auf Kosten des jüdischen Volkes. ... Dann kam die gefährliche Kampagne des David Fresco. Gefährlich und schmachvoll zugleich, weil sie von einem Juden gegen die Juden inszeniert wurde. Gefährlich und schmachvoll aber auch ferner, weil sie in unehrlicher Weise unter der Maske politischer Ueberzeugung mit vergifteten Waffen geführt wurde. Der Kampf galt angeblich dem Zionismus, traf indessen den überwiegenden Teil der Judenheit, jenen deutschsprechenden Teil, der als Schutztruppe des Deutschtums und als Vorspann des germanischen Einflusses im Orient verschrien wurde. Es wird sich schwer sagen lassen, wer der eigentliche Urheber dieser teuflisch-genialen Idee war, der Idee, so gnial ausgeheckt und so teuflisch wirksam. Vermutlich hat Fresco hierbei. nur traurige Handlangerdienste .für einige Kulissenschieber geleistet. Jedenfalls war sie willkommenes Wasser, aus die diplomatischen Jntrigenmühlen . Englandsdessen Jingopresse daheim und politische Vertreter am Goldenen Horn schon genügend dafür Sorge getragen haben, daß diese Vorstellung von einer jüdischen Mission im Interesse '-Deutschlands im Orient geweckt und lebendig erhalten wurde. So setzte denn auch bald eine ziemlich starke antisemitische Strömung ein, die bis auf den heutigen Tag nicht ganz versandet ist, und die namentlich im vorjährigen Sommer im türkischen Parlament -- unter Anführung des Abgeordneten für Jerusalem — besonders mächtige Wellen schlug. Von einer weisen Regierung wäre wohl zu erwarten, daß sie in solchen Fällen den Dingen auf. den Grund gehe. Sie

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