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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-11 · Heft 41 (11.10.1912) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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Negierungen Furcht ein, aus dem-Fortschritt ward Stillstand, dann Rückschritt. Endlich regte der Einbruch Napoleons den Patriotismus des Volkes auf, den die Geistlichkeit zum Fanatismus anfachte, um sich der Herrschaft wieder zu bemächtigen. Die Inquisition wurde 1814 wieder eingesührt. (Schluß folgt.) Ästtk. Erzählung von Georg 3. P l o t k e. I. ^W^ie Sängerin hatte das letzte von den Brahmsliedern jÜLJ „Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt" beendet. Tiefatmend und das Haupt senkend trat sie hinter den Flügel zurück, so daß die schweren Falten der altrosafarbenen Portieren sich zitternd bewegten. Noch schienen die letzten Töne außklingend durch den Raum zu schweben. Erst nach einem Augenblicke setzte der Beifall der Gäste rauschend aufschwellend ein. Diese blasierten Menschen waren ergriffen. Der Beifall verhallte, und der Hausherr, ein Lächeln wenig vertrauenerweckender Bonhommie auf dem fetten Gesichte, geleitete D o - rothea am Arme in den neubewegten Gästekreis zurück. Langsam, fand sie sich wieder in dem Gesprächstone zurecht, da die Wellen künstlerischer Erregung noch in ihr bebten. Vom Nebenzimmer aus, wohin ihn Herr Roth, der alte Wiener Kunsthändler, und dessen Neffe, der Doktor M o r a - Witz, zu einer Tarokpartie entführt hatten, sah der Dramaturg N o o r d e n ganz versunken zu, wie Dorothea mit einer gebieterischen und doch unsicheren Bewegung dem Hausherrn folgte. „Sagen Sie", wandte er sich an Morawitz, „das ist doch die Dorothea Dohms? Ich habe sie lange nicht gesehen." „Ja", entgegnete der, „das ist sie. Sie finden sie wohl auch sehr verändert, entschieden zu ihrem Vorteile natürlich. Es ist fabelhaft, was das Mädchen in den zwei Jahren aus sich gemacht hat; nicht wahr? Und sie kann was!" „Ein famoser, tapferer Kerl ist Dorothea Dohms", warf der alte Herr ein, mit der Rechten den silbrigen Spitzbart krauend. Morawitz fuhr fort: „Und schauen sie, der junge Mensch mit dem prononziert jüdischen Aussehen, der mit dem leidenden Gesicht, der eben die Hand auf ihren Arm legt, der ist ihr Bruder. Sehen Sie mal diese gebrechliche dünne Hand." Es war in der Tat ein seltsames Bild, dies Geschwisterpaar. Max Dohms reichte seiner Schwester kaum bis zu den Schultern. Sein großer Kopf mit dem schwarzen grausträhnig durchzogenen Haar trug etwas von Moses Mendelssohn greisenhaft edlem Ausdruck, der auch hier die Begleiterscheinung eines gekrümmten Rückgrates war. Die Züge des vielleicht fünfunddreißigjährigen Mannes waren dabei gar nicht ausgesprochen semitisch. Die Nase war gerade und^ energisch, der Mund dagegen hatte etwas von knabenhafter Weichheit, die mit einer gramvollen Wangenfalte eigenartig kontrastierte, und die blaugrauen Augen blickten kurzsichtig unter breit ausladender Stirn hervor durch die funkelnden Brillengläser. Und doch lag über dem ganzen Antlitz der rührend wehmütige Zauber von Schmerzlichkeit, die gebrochene Sehnsucht des alten jüdischen Volkes ausgebreitet. Dorothea neigte sich eben zu ihrem Bruder nieder und flüsterte ihm etwas ins Ohr, daß ein ungemein gütiges Lächeln seine welken Wangen überflog. Aber auch dies ließ jene Skeptikerfalte, die von den Nasenflügeln ausgehend sich nach dem Kinn zu seitlich verlor, nicht schwinden. Die Schwester war bedeutend jünger als Max und von stolzer, ebenmäßiger Gestalt, fast überschlank für ihre Größe. Ihr schmales rotwangiges Gesicht hätte den Eindruck vollendeter Seelenruhe gemacht, wenn nicht ihre grauen Augen mit den wenig gekurvten großen Pupillen so wehrhaft in die Welt geschaut hätten, und ihre Brauen von einem säst drohenden Fältchen getrennt gewesen wären. Im übrigen wölbte sich ihre Stirn leuchtend in dem Helm rotblonden Haares hinein, der wie eine Feuerkrone den ovalen Kopf umgab. Mund und Nase waren ähnlich wie beim Bruder, und auch hier nahm manchmal eine kleine zuckende Fiber zwischen Oberlippe und Wange ihrem klargesunden Antlitz den Ausdruck der Ruhe, um dem einer gewissen gespannten Nervosität zu weichen. „Siehst du", unterbrach der alte Herr Roth die jungen Leute, die sich in den Anblick der Geschwister vertieften, indem er sich seinem Neffen zuwandte, „hier ist auch das Problem am Werke gewesen, über das du gestern dich so energisch zu äußern beliebtest, ohne daß ich Gelegenheit zur Erwiderung fand. Ich bleibe dabei: Assimilierung der Juden durch Rassenkreuzung zerstört mindestens eine Generation, nimmt den ersten Nachkömmlingen das Rückgrat der Tradition. Die können vor Friedlosigkeit und Unrast daran zugrunde gehen. Bestenfalls werden es Leute, die bloß von Zukunft trunken sind und keiner Gegenwart voll! Sie müssen nämlich wissen, Herr Noorden, Fritz ist ein begeisterter Anhänger jener Idee, die in Rassenkreuzung das alleinige Heil der übermüdeten Menschheit zu erblicken glaubt. Und er urteilt über die Dinge genau so, wie man's ihn auf der Universität gelehrt hat, also gar nicht angekränkelt durch die schmerzliche Blässe der unlogischen Wirklichkeit." „Nein, ganz so schlimm ist's wirklich nicht mit mir. Den grünen Tisch der Theorie, das grausame Erbübel, will ich wahrhaftig nicht um ein paar Bretter noch verlängern. Wenn ich-nicht solchen Resepkt vor dir hätte, lieber Onkel, so müßte ich lachen, weil ich mich als Systemjäger verschrien sehe. Gerade diese Idee ist doch erst zum System erhoben worden, als das Leben sie mit einem Bollwerk umgeben hatte, das beim besten Willen nicht zu erschüttern wäre. Uebrigens ist doch wenigstens bei Fräulein Dohms das Kreuzungsexperiment glänzend gelungen. Nicht wahr, lieber Noorden? Hier können Sie mir doch sekundieren?" „Ja natürlich", erwiderte der junge Dramaturg, dessen Augen immer noch bei dem schönen Mädchen verweilten. „Und um nur ein Paar zu nennen, deren Namen mir gerade einfällt, Rethel, Hildebrand, Marees, Hehse, Hofmannsthal das sind ja Kronzeugen dafür, daß die Rassenmischung Hvhenmenschen entstehen läßt. Selbst StefanGeorge, wenn ihm auch vor dem horror vacui graut. Allerdings wäre das kein vollgültiger Beweis, da diesen Prachtexemplaren vielleicht tausend mißglückte Nachkommen solcher Ehen gegenüberstehen. — Uebrigens sehe ich jetzt doch ein wenig", fügte er nach einem kleinen Schweigen hinzu, „daß Fräulein Dohms jüdisches Blut in ihren Adern hat. Hier am Auge merkt marLs. Sehen Sie, Herr Roth: diese breiten Lider und der gefällige weiche Schwung nach den Brauen zu." „Und doch sind die zwei Dohms, obwohl es Prachtmenschen sind, geradezu Märtyrer ihrer Abstammung geworden, Blutzeugen gegen diese Idee", erwiderte der alte Herr. Er wollte noch etwas hinzufügen, wurde aber von der hastig eintretenden Dame des Hauses unterbrochen: „Messieurs", rief sie, „nun müssen sie tanzen, tanzen", und fort war sie. Doch hatte sie kaum den Rücken gedreht, als Herr Roth die beiden jungen Leute an der Schulter nahm und sagte: „Jetzt müssen wir schleunigst zur Retraite blasen, sonst sind wir unrettbar für diesen Abend verloren. Wenn die Dohms nicht so herrlich gesungen hätte, wär's ja zum verzweifeln gewesen. Das zweite Lied „O versend dein Leid" war übrigens das

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