Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-11 · Heft 41 (11.10.1912) · p. Seite 490

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229057--68866-3281147
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Juden. — Nach dem Tode Löwigilds folgte. ihmsein zweiter Sohn Recared, und dieser trat „mit Zustimmung aller Bischöfe" zum Katholizismus über, worauf auch das ganze Volk katholisch wurde. Und damit begann die Herrschaft des Klerus und die Bedrängnis und Verfolgung der . Juden in Spanien. Wie ich bereits erwähnt habe, stand die arianische Konfession der jüdischen etwas näher als die katholische. Helfferick?) ist sogar der Ansicht, daß die arianische Geistlichkeit der Westgoten, „deren theologische Bildung gewiß eine beschränkte war", zur Bekämpfung des katholischen Dogmas von der Gottheit Christi sich der Beihilfe jüdischer Gelehrter bediente. Die Katholiken warfen auch den Arianern die Verwandtschaft mit den Ebioniten, einer dem Judentum sehr nahestehenden urchristlichen Sekte, vor. Neben dem Neid auf den Wohlstand und die fast vollkommene Gleichstellung der Juden unter ariamscher Herrschaft mögen auch diese religiösen Verhältnisse den Judenhaß der Katholiken, besonders des Klerus, erregt und geschärft haben. Und mit der Katholisierung Spaniens begann dort dessen Herrschaft. Die Könige wurden, mit wenigen Ausnahmen, die gehorsamen Diener der hohen Geistlichkeit. Diese bildete in den Ständeversammlungen, welche eigentlich Kirchensynoden waren, die überwiegende Majorität, entschied in allen Politischen Angelegenheiten, setzte Könige ein und ab und betrieb mit Vorliebe die Judenverfolgung. Der gutkatholische Gams sagt in seiner Kirchengeschichte Spaniens, von der Absetzung des Königs Swinthilas durch das vierte Konzil von Toledo' (633) sprechend: „Wohl möglich, daß die Großen und Bischöfe in der Ernennung, seines Sohnes.. Ricimir zum Nachfolger einen Eingriff in ihre Rechte sahen." Sisenand, der sich nun des Thrones bemächtigte, setzte seinen Sohn Tulca zum Nachfolger ein, und diesmal hatte das Konzil von Toledo (638) nichts dagegen einzuwenden, es belobte vielmehr seinen katholischen Eifer und seine Intoleranz. Chindaswinth, der Sohn des abgesetzten Swinthila, stürzte wieder 642 den Tulca, wie es scheint, mit Hilfe des Klerus, denn der Wüterich ließ 200 adelige Goten und 50O Bürgerliche töten, verbannte andere, deren Güter er konfiszierte, deren. Frauen und Kinder er seinen Günstlingen schenkte, den Geistlichen krümmte er aber kein Haar. Deshalb wohl hat das siebente Konzil von Toledo (646) sein Verfahren gebilligt und. im voraus alle die exkommuniziert, welche sich gegen ihn empören würden. An diesem Konzil nahmen 28 Bischöfe Persönlich, 11 durch Vertreter teil, aber, wie es scheint, kein einziger Laie. „Unter den Negierungen Sisenands, Swinthilas und Tulcas, die ihre Erhebung der Geistlichkeit zu verdanken hatten, waren die (weltlichen) Großen von den Regierungsgeschäften fast ganz ausgeschlossen, denn auf den Konzilen, wo neue Verfügungen über die Staatsverfassung gemacht wurden, erschien damals nur die höhere Geistlichkeit", sagt Aschbach?) . Im Jahre 681 gab wieder das zwölfte Konzil in Toledo, an dem 42 Geistliche und nur 15 Weltliche teilnahmen, dem Grafen Erwig, der sich durch Betrug und Giftmischerei den Weg zum Throne gebahnt hatte, seine Sanktion und Unterstützung. Der Anstifter und Leiter dieser Schändlichkeiten scheint der Erzbischof Julian gewesen zu sein, der auch den Erwig zum König salbte. Dieser König oder das Konzil von Toledo erließ 681 besonders strenge Gesetze gegen die Juden. Einmal raffte sich endlich ein Konzil, das sechzehnte in Toledo 693, an dem aber neben 67 Bischöfen auch 16 Grafen '2) Der westgotische Arianismus und die spanische Ketzergeschichte, m rin 1860. ') Geschichte der Westgoten, Frankfurt 1827. teilnahmen, dazu, auf, einen Erzbischof, den Primas von- Spanien, Sisebert, zu bestrafen. Es verurteilte ihn, „weil er den König und dessen Kinder ermorden, Verwirrung und Zerrüttung über Reich und Volk bringen wollte", zur Absetzung! Gams, der diesen Kirchenfürsten ein „sittliches Ungeheuer" nennt, wundert sich nicht im geringsten über die gelinde Strafe. Er kannte wohl das Sprichwort von den 'Krähen, die einander die. Augen nicht aushacken.? . So dauerten die. Priesterherrschaft, die Korruption und ' Intoleranz in Spanien durch das ganze siebente Jahrhundert und bis zur Eroberung des Landes durch die Mauren fort. Das siebzehnte Konzil von Toledo (694) ging sogar so weit, zu befehlen, den Juden ihre Kinder wegzunehmen und sie zu taufen. „Aber alle diese gehässigen und barbarischen Maßregeln waren nicht imstande, die Juden .auszurotten oder auch merklich zu vermindern", und „daß die Verfolgungen von der katholischen Geistlichkeit ausgingen, läßt sich ebenso bestimmt Nachweisen, als das Motiv des unversöhnlichen Hasses", sagt Helfferich (a. a. £)., 68.). . Und selbst der fromme Katholik. Leclercq findet den spanischen Katholizismus arm an metaphysischen und moralischen Ideen, ganz mit Polemik und Ritualismus beschäftigt und auf diesem Wege zu einem blinden, auf Proselytenmacherei' erpichten Fanatismus gelangen. Das Opfer dieses Fanatismus waren die Juden und,, setzt er hinzu, man könnte es ihnen nicht übelnehmen, wenn sie dadurch unpatriotifch würden. Sie sind aber nicht unpatriotisch geworden, trotzdem die erwähnte Synode von Toledo (694) sie noch der „Hinzufügung neuer Verbrechen zu den alten" beschuldigte und befahl, sie zu Sklaven zu. machen und ihr Vermögen zu konfiszieren. Es waren daher auch nicht die Juden, welche das Land an die Mauren verrieten, sondern echte alte Christen; Graf Julian, Erzbischof Oppas von Sevilla und die Söhne des 710 abgesetzten Königs Vitija. Denn Roderich, der letzte gotische König von Spanien, war auch nur. ein Usurpator. Gams in seiner Kirchengeschichte von Spanien verteidigt, ohne es zu wollen, die Juden gegen diese Verleumdung. Er sieht in der Eroberung Spaniens durch die Mauren nur die Strafe für die Anmaßungen des spanischen Primas gegen den -Papst: „Sein Vorgehen führte zum Schisma, zur Trennung von Rom. 'So gab Gott Spanien in die. Hand seiner Feinde, damit er es wunderbar aus ihrer Hand errette." Mir scheinen mehr als sieben Jahrhunderte der Fremdherrschaft eine zu schwere Bestrafung eines ganzen Volkes für das Vergehen eines einzigen Erzbischofs. Und wenn die Juden Verrat geübt haben, so waren sie doch nur Werkzeuge in der Hand Gottes. Die Hauptursachen der Eroberung waren aber die Mißregierung und die allgemeine Korruption. Eine alte Legende erzählt, Spanien habe bei Erschaffung der Welt von Gott ein gutes Klima, ein schönes Meer, schöne Frauen und schöne Früchte erbeten, und er ihnen alles bewilligt. Als es aber auch um eine gute Regierung bat, antwortete Gott, das wäre schon zuviel, Spanien würde dann ein irdisches Paradies werden. Aus diesem Paradies haben die Spanier die Juden hinausgetrieben, aber eine gute Regierung haben sie bis jetzt nicht gefunden, dagegen nach und nach alle ihre Kolonien verloren. Trotzdem suchen sie jetzt wieder in Marokko die Herrschaft über Andersgläubige zu erlangen. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts konnte sich Spanien dem Reformeifer und den Fortschrittsbestrebungen der .anderen zivilisierten Staaten nicht entziehen, es wurde manches verbessert, die Jesuiten ausgewiesen, später die Inquisition abgeschafft usw. Aber die überstürzten radikalen Reformen in Frankreich flößten den spanischen sowie den anderen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.