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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-11 · Heft 41 (11.10.1912) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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um be§ Geschäftes willen den Baum auf beiden Schultern träge, daß er in seinem offenen Kontor Bismarcks B i l d auf hängt und fein Hinterst ü b ch e n, d a § P r i v a L k o n L o r, mit den Bildern polnischer Helden schmückt. Wir täten vielen Juden unrecht; denn solche Kreaturen gehören zu den Ausnahmen. Auch wäre es unpolitisch, den Juden, der in der Ostmark auf seiten der Deutschen st e h t, a b z u s ch ü t t e l n wie man es anderswo ohne Nachteil tnn mag, und ihn ins Lager der Polen hinüberzutreiben, selbst wenn er nicht gerade zu den energischsten und in manchen Fällen auch nicht zu den ganz einwandfreien Vertretern des Deutschtums gehört." Abgesehen davon, daß die Behauptung Germans von den zweierlei Bildern geradezu aus den Fingern gesogen ist, denn ich selbst habe in meinem ganzen vierzigjährigen Berufsleben, das mich in die offenen und Privatkontors unzählig vieler jüdischer Geschäftsleute geführt hat, nirgend die zweierlei Bilder gesehen, ist das offene Geständnis Germans, der nur aus politischen Gründen die ostmärkischen Juden nicht abschütteln, es anderswo aber ohne Nachteil tun will, bezeichnend genug für die Gesinnung Germans und derer um German. Erinnert dieses köstliche Geständnis Germans nicht an Heines Bitte: „Grüß' mich nicht unter den Linden"? Das alte Lied ist also noch immer nicht verstummt: der Jude kann dem Staate noch so treu dienen, er kann blühenden Wohlstand in eine ganze Provinz bringen, er kann sein Hab und Gut, ja bisweilen auch sein Leben gefährden für das Wohl des Vaterlandes — „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" — Dabei spricht German an einer anderen Stelle mit unschuldiger, scheinheiliger Mene „von der Gleichheit aller U n t er t a n e n v o r d e m S t a a t e " (S. 17)! — Noch zwei gehässige Kritiken des ostmärkischen Judentums finden wir bei German. Er sagt: „Der G r u n d z u g des jüdischen Wesens i st nun einmal nicht der des starkknochigen Germanen. Er wagt im allgemeinen keine energische und laute Opposition. Er schweigt un d d u ld et li eb er und v e r f o l g t i n d e r S t i l l e seinenWeg. Und müßte er si ch aus alle m ö gli ch e Ar t, a u f noch so un - b e q u e m e n U m w e g e n demZiel e n t g e g e n w i n d e n -- er zieht diese Kampfesart dem frischen, mutigen Angriff oder gar einem brutalen Kampfe Auge in Äuge vor." Diese Charakteristik ist wieder ein echter German: Tatsachen verschweigen, gelegentliche Erscheinungen generalisieren und nach der Anleitung Mephistos: „Fleißig kommentier em, j e d och nicht a u s l e g e n, sondern unterlegen." Hat German nie etwas von einem Eduard Laster gehört, der furchtlos mit dem mächtigsten Mann seiner Zeit, mit einem Bismarck, in Opposition stand? Kennt er nicht einen Bamberger, den furchtlosen Anwalt einer gesunden Reichsfinanzreform, deren Grundlagen noch heute unerschüttert sind? Weiß er nichts Von einem Johann Jacoby, einem Raphael Kosch und ihrer Audienz bei König Friedrich Wilhelm IV.? Gehören nicht die meisten Juden aus Gründen, die German wohlbekannt sind, zu den Oppositionsparteien in Deutschland? Und was haben starkknochige und trotzige Juden in außerdeutschen, ja sogar in außereuropäischen Ländern für das Wohl ihres Vaterlandes getan, und tun es heute nöch? Und nun kommt German und schickt die Behauptung in die Welt hinaus: „Der Jude wagt im allgemeinen keine energische und laute Opposition. Er schweigt und duldet lieber und verfolgt in der Stille feinen Weg!" (Schluß folgt.) Juden und Amtarier. Von Dr. Marcus Landau, n einem sehr interessanten Aussatz ist vor kurzem in \ diesen Blättern (5. Juli) auf eine gewisse Sympathie zwischen „Judentum und Altkatholizismus" hingewiesen worden. Es ist im Grunde doch nur die Sympathie, welche alle unterdrückten Minoritäten füreinander fühlen. Sympathie haben wir Juden auch für die „emanzipierten" Neger Nordamerikas, die in die dortigen Freimaurerlogen nicht ausgenommen werden, wie die Juden nicht in die deutschen. Religiös-dogmatisch stehen den Juden doch die Protestanten näher als diese Altkatholiken. Aber noch näher steht uns eine andere christliche Konfession, welche mehr als jede andere in einem der Hauptstücke ihrer Religion, der Dreieinigkeitslehre, den Juden sympathischer und verständlicher, dem Monotheismus näherstehend ist. Es ist die arianische, welche in den ersten Jahrhunderten des Christentums sehr weit verbreitet war, selbst Kaiser zu ihren Bekennern zählte, welche im sechzehnten Jahrhundert mit geringen Modifikationen als socinianische wiedererstand und deren Bekenner von Katholiken, Lutheranern und Kalvinisten unerbittlich verfolgt, mitunter noch härter als die Juden behandelt wurden. Zum Arianismus bekannten sich von deutschen Stämmen die Longobarden und die in Spanien und Südgallien herrschenden Westgoten. Solange diese dort herrschten, ist es den Juden gut gegangen. Wenn sie auch vor der Eroberung durch die Araber nicht dieselbe Toleranz wie unter mohammedanischer Herrschaft genossen, so war ihre Lage, solange der König und die Großen des Landes sich zur arianischen Konfession bekannten, eine ganz erträgliche. Mit deren Uebertritt zum Katholizismus begann der Umschwung zum Nachteil, nicht bloß der Juden, sondern des ganzen Landes. Während anderwärts die Katholiken, wo sie herrschten, die Arianer unterdrückten, genossen sie unter arianischer Herrschaft volle Gleichberechtigung. Sie konnten sich zu Konzilien versammeln und über die Angelegenheiten ihrer Konfession beschließen. Trotzdem konspirierten manche Bischöfe in Südgallien mit den Feinden des Reichs, den katholischen Franken. Zur Bekehrung der herrschenden Familie zum Katholizismus bedienten sie sich aber, wie in anderen ähnlichen Fällen, weiblicher Hilfe. Prinz Hermanngild, Sohn des Königs Löwigild, hatte eine katholische fränkische Prinzessin geheiratet und trat auf ihr und des Bischofs Leander von Sevilla Zureden zpm Katholizismus über. Sein Vater entzog ihm daher das ihm früher zur Regierung übergebene Gebiet von Sevilla, woraus der Sohn, von den Katholiken in Spanien unterstützt, sich gegen den Vater empörte und-dessen Feinde, die damals noch katholischen oströmischen Griechen, zu Hilfe rief. Er wurde aber vom Könige besiegt, gefangengenommen und am 13. April 586 hingerichtet. Papst Sixtus V. hat den Hermanngild ein Jahrtausend später als Märtyrer, und Heiligen erklärt. Und dies geschah aus Betreiben König Philipps II. von Spanien, zwei Jahrzehnte nachdem dieser seinen eigenen Sohn Karlos wegen geringerer Vergehen hatte töten lassen. — Ein moderner katholischer Geistlicher^) behauptet, daß Hermanngild, wie jeder Prinz in ähnlicher Lage, das Recht und die Pflicht hatte, sich gegen den „Unterdrücker seiner Glaubensgenossen" zu empören. Daß dieser sein Vater war, ändere nichts an der Sache; tadelnswert sei nur, daß er die Griechen zu Hilfe rief. Nicht nur ein unterdrücktes Volk, sondern jeder einzelne habe das Recht zum Aufstande." Der Altar ist bekanntlich „Stütze der Throne", Revolutionäre sind nur *) Dom H. Leclercq, I/Espagne chrötienne, Paris 1906.

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