Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mmsrkilchrs Judentum. Von Hermann Becker. i. n einem soeben erschienenen Buche „Aus der Ostmark" N von einem anonymen Autor F. W. German, das in feen beteiligten Kreisen - außerordentliches Aufsehen erregt hat, finden wir unter anderem eine kurze Betrachtung über das „Ostmärkische Judentum", die uns veranlaßt, in diesen Blättern die gegenwärtige Stellung unserer Glaubensgenossen in dem Nationalitätenkampf der Ostmark, der unter dem Namen „Germanisierungspolitik" den weitesten Kreisen bekannt ist undmberall mit außerordentlichem Interesse verfolgt wird, zu erörtern. Unsere Erörterungen sollen, wie das dem Charakter einer „Zeitung des Judentums" entspricht, natürlich nicht ausschließlich Politischer Natur sein, sondern auch das religiöse. Nassen- und gewerbliche beziehungsweise soziale Moment dieser Frage streifen und versuchen, auf Grund eines vierzigjährigen Berufslebens in der Ostmark neben der wahrheitsgetreuen Schilderung der Verhältnisse Winke und Ratschläge für die Gegenwartsaufgaben des ostmärkischen Judentums zu geben. n. Es ist den Lesern dieser Zeitung sowie allen deutschen Juden bekannt, welche Stellung unsere Glaubensgenossen im ehemaligen Polnischen Reiche eingenommen haben. Sie waren die Geldgeber, Verkaussvermittler, kurz, sogenannte „Faktoren", die für den gnädigen Pan, den polnischen Grandseigneur, alles machten und dafür mit Pachtungen von Schenken, Wäldern oder auch Feldern bezahlt wurden, neben dem. baren Verdienst, den der Faktor bei seinen Geschäften hatte. Nicht immer vollzog 'sich das Geschäft in so friedlichen Formen, oft hat der Pan Schlachtzie kurzen Prozeß gemacht und sich mit Gewalt das genommen, was ihm seine jüdischen Untertanen verweigerten, und die Geschichte der Juden im ehemaligen Polen weist so manche blutige Blätter auf, welche die Zucht- und Gesetzlosigkeit der „guten, alten Zeit" erweisen. Wo sollten da aufrechte Männer unter den Juden erstehen, wenn Leib und Gut, 'Haus und Familie von der Laune des „edlen" Polenherrn abhing? Hier ist die Ursache zu einer gewissen Schwäche, Demut und Mangel an Selbstvertrauen zu finden, an dem noch heute hie und da die Enkel jener vor dem Edelherrn sich ständig verbeugenden Faktoren leiden! Wir schlagen einige Blätter in. der Geschichte Polens und des ostmärkischen Judentums um und befinden uns bei der ersten Teilung Polens 1772. Friedrich der Große, dessen zweihundertjährigen Geburtstag wir in diesem Jahre gefeiert haben und der trotz seiner geringen Sympathie für die Juden doch einer der besten Realpolitiker auf Preußens Dhron gewesen ist, erkannte die Bedeutung der Juden und ihrer gewerblichen Tätigkeit für die Förderung des Wohlstandes der neuerworbenen Provinzen, und wenn er auch — trotz seines Atheismus — nicht allen Juden das Bürgerrecht verlieh, so waren sie doch nicht mehr rechtlose Hörige wie unter polnischer Herrschaft, sondern sie genossen den Schutz der Gesetze eines Rechtsstaates. Sie lohnten diesen Schutz durch Mitarbeit an dem Aufblühen der neugegründeten beziehungsweise wieder auferbauten Städte und an den Bestrebungen des Königs zur Förderung deutscher Kultur in den ehemals polnischen Landesteilen. — Die Lage der ostmärkischen Juden zur Zeit der Emanzipation und die Wirkungen dieses Gesetzes aus das Verhältnis der Juden zum Staate ist bei der Säkularfeier am 12. März überall so ausführlich erörtert worden, daß wir hier diese Geschichtsepoche füglich übergehen können. Wohl ist der ostmärkische Jude auch heute — wie seine Glaubensgenossen draußen im Reiche — noch immer nicht vollberechtigter Bürger, wohl ist ihm vielfach noch eine Reihe von Berussarten und Staatsämtern verschlossen, allein das müssen wir Ostmärker,- trotz der klaren Er- ' kenntnis dieses Mangels, eingestehen, der ostmärkische Jude wird von den obersten Staats b eh ö r d e n der Ostmark als ein nützliches und notwendiges Glied der Germanisierungspolitik erachtet. Darüber herrscht bei den genauesten Kennern der Ostmark nicht der geringste Zweifel! Ich sage wohlweislich: von den „ o b e r st e n " Staatsbehörden. Hierin liegt der Schlüssel für eine gewisse Tragik der gegenwärtigen Stellung unserer Glaubensgenossen in der Ostmark. Denn die mittleren, noch mehr aber die unteren Behörden, die von Ergebenheit gegen ihre Vorgesetzten überfließen, ihren blinden Gehorsam gegen die oberen Instanzen Lei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betonen und — wie das bei den pflichttreuen preußischen Beamten nicht anders zu erwarten ist — die Germanisierungspolitik der Regierung strikte aussühren — sollten, tun das in den allermeisten Fällen doch nur dem Buchstaben nach, denn ihre ganze Schul- und Universitätsbildung ist eine einseitig konfessionelle, deutsch-völkische und intolerante, die sie notwendig in einen Gegensatz zu den bei den ' obersten Provinzial- und Staatsbehörden herrschenden Absichten und Urteilen über die Bedeutung des ostmärkischen Judentums bringen muß. So sind die obersten Leiter gewissermaßen Feldherren ohne Armeen, und dasselbe Schicksal erfährt auch der Ostmarkenverein, der als Hakatistenverein im Reiche besser bekannt ist. Denn oft genug haben seine Sekretäre und Wanderredner das ostmärkische Judentum als ein wichtiges Glied zur Förderung des Deutschtums anerkannt, oft genug seine deutsche Gesinnung öffentlich verkündet, ohne daß die „Nachgeordneten Stellen" ihr Verhalten zu dem ostmärkischen Judentum änderten. Wenn nun die obersten Provinzialbehörden uns ihre Wertschätzung nicht versagen, die mittleren und unteren Instanzen indes die guten Absichten nur widerwillig oder gar nicht ausführen, indem sie unsere Glaubensgenossen gesellschaftlich und geschäftlich boykottieren, wenn außerdem von polnischer Seite die Juden recht gut als Förderer des Deutschtums erkannt und darum gleichfalls boykottiert werden, liegt darin nicht eine gewisse Tragik für die Stellung des ostmärkischen Judentums? in Das erkennt selbst German in feinem oben angeführten Buche an, wenn er sagt: „Vergessen wir nicht, daß der Jude,- wie der Geschäftsmann überhaupt, einen schweren Stand hat! Die deutsche Kundschaft, auf die er in erster Linie angewiesen ist, wenn er sich als' Deutscher bekennen will, ist zwar im allgemeinen die zahlungsfähigste; aber sie ist in der Minderheit. Er muß versuchen, auch den polnischen Käufer zu gewinnen, und wie leicht wird dann einmal im stillen eine Konzession gemacht, die vor dem nationalen Forum verurteilt werden muß und doch, weil aus der Not geboren, d em Mann aus u n d e u t s ch e m Geblüt nicht allzu hart angerechnet werden darf!" — Mit diesen Worten verrät sich der Verfasser selbst: es ist einer der mittleren Beamten der Ostmark, der nur widerwillig die Intentionen der höchsten Provinziälbehörden und der Staatsregierung ausführt. Bei ihm ist also, jeder Jude ein Geschäftsmann. Obwohl er oben Jude und Geschäftsmann als zwei verschiedene Begriffe trennt, spricht er unten vom Mann aus undeutschem Geblüt, trotzdem er als Ostmärker wissen muß, daß in vielen Städten, großen und kleinen, christliche, evangelische Kaufleute in großer Zahl und oft mit noch weit größerem Umsatz wie der jüdische Kaufmann und unter denselben Bedingungen wie dieser arbeiten, das heißt „Konzessionen den polnischen Käufern machen, die vor dem nationalen Forum verurteilt werden müssen!" Allein das ist nicht der einzige Widerspruch in den Ausführungen Germans, die stets mit einem 'Ausfall auf das ostmärkische Judentum schließen. German sagt: „Wir gehören nicht zu jenen, die den ostmärkischen Juden anklagen, daß er